merken
PLUS Feuilleton

Streiten wir uns! Aber wie?

Herzhaftes Debattieren gehört zum Menschsein. Doch in der neuen Welt müssen wir uns auf alte Regeln besinnen. Ein Gastbeitrag von Michel Friedman.

Streitkultur am Limit: Gegner der Corona-Politik protestieren in Dresden.
Streitkultur am Limit: Gegner der Corona-Politik protestieren in Dresden. © dpa

Von Michel Friedman

Der Streit ist wunderbar, herausfordernd, schmerzhaft, anstrengend, hoffnungsvoll, kränkend, sinnlich, leidenschaftlich, still und leise, laut und brüllend, kognitiv und emotional – und hört nie auf. Seit es den Menschen gibt. Der Mensch und der Streit sind existenzielle Zwillingserscheinungen. Wir suchen, wir ringen nach Antworten, finden dabei meist wieder neue Fragen. Solange wir streiten, verzweifeln wir nicht an diesem Prozess.

Anzeige
Familienabenteuerland Sachsen
Familienabenteuerland Sachsen

Die schönsten Regionen Sachsens, die besten Ausflugsziele und kulinarischen Highlights. Hier gibt's Geheimtipps, die garantiert noch nicht Jeder kennt.

Wer nicht mehr streitet, gibt auf. Die Evolution des Menschen ist gekoppelt an seine Fähigkeit zu zweifeln, zu widersprechen, zu streiten, um sich dynamisch weiterzuentwickeln. Dabei muss berücksichtigt werden, dass der Streit auch Zerstörungspotenzial in sich birgt. Unkontrollierte Aggressionen freisetzen kann. Destruktiv sein kann.

Nichtsdestotrotz ist der Streit ein unverzichtbares Instrument, weil er Weg und Voraussetzung für Veränderung ist. Ohne Streit ist der Entwicklungs- und Reifungsprozess des Menschen undenkbar. Beobachten kann man das am wachsenden Widerstand des Kindes, den Eltern „zu gehorchen“. Daran, dass das Imitieren, also das Nichthinterfragen, ob das Vorgegebene sinnvoll und richtig ist, reduziert wird. Man erkennt es auch an der Pubertät – der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit im Streitmodus mit der Elterngeneration, um dadurch eine eigene Identität zu entwickeln.

Wahrheit oder Lüge

Also lasst uns streiten. Aber wie? Die Kultur des Streitens ist abhängig von Gesellschaften und ihren Selbstverständnissen. Die eine Streitkultur gibt es nicht. Streitkulturen entwickeln sich in den Jahrhunderten und Jahrtausenden, abhängig vom kulturellen Kontext der Gesellschaft, aus denen heraus sie wachsen. Wer darf überhaupt an einem Streit teilnehmen und wer bestimmt das? Die Kultur des Streitens spiegelt die gesellschaftspolitischen Realitäten wider. Auch die Fragen „Über was kann und darf gestritten werden?“, „Welche Themen sind tabuisiert?“ und „Wer hat den Zugang dazu?“, werden unterschiedlich beantwortet.

Dass diejenigen, die von den Tabus profitieren, nämlich die Eliten der jeweiligen Gesellschaften, einen Diskurs über die Tabus unterbinden wollen, damit diese nicht hinterfragt werden können, ist ein Ausdruck von Machtverhältnissen. Worüber darf wer wie streiten? Je autoritärer die Strukturen, desto weniger Menschen erhalten den Zugang zum Diskursraum. Je offener die Gesellschaften sind, desto offener sind auch die geschaffenen Diskursräume. Aber ob und in welcher Form diese tatsächlich genutzt werden, hängt von der Bereitschaft und der Fähigkeit zum Streiten ab.

Streitkultur setzt die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven und Sichtweisen voraus. Dominanzstreben widerspricht der Streitkultur. Dass daraus nicht Beliebigkeit in den Diskursräumen entsteht – also alles gleichzeitig richtig oder falsch sein kann, Wahrheit oder Lüge – ist die große Zumutung für alle Beteiligten. Dank der digitalen Revolution ist es so vielen Menschen wie noch nie möglich, an Debatten, an Diskursen teilzunehmen. Dass Diktaturen das nach wie vor verhindern wollen und diese Zugangswege blockieren, ist ein hilfloser Versuch, die Möglichkeit der Menschen, aus unterschiedlichen Perspektiven miteinander zu streiten und zu kommunizieren, zu unterbinden.

Die Welt der Scheinwelten

Dass die Diskursräume im Netz teilweise chaotisch, manipulativ, regellos sind, ist eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Die Aggression, die Gewalt, die sich im digitalen Streitraum ausbreitet, ist eine Bedrohung der modernen Streitkultur. Shitstorms sind pure Gewalt. Emotionale Ausbrüche. Der organisierte Affekt ist primär, das Argument sekundär. Anonyme, in Massen auftretende Angriffe schüchtern ein, machen Angst und lassen Streit implodieren.

In der digitalen Welt können Lügen (sowohl von Individuen als auch von Institutionen und Staaten) so leicht verbreitet werden wie sonst nirgends. Aufgrund dieser Falschinformationen entstehen „Scheinwelten“, die von Hunderttausenden, Millionen Menschen geteilt werden. Eine hunderttausendfach reproduzierte Falschinformation bleibt eine Falschinformation, so wie eine Lüge eine Lüge bleibt. Darauf aufbauende Theorien, Thesen und Meinungen, jegliche Art von Conclusio – und seien sie noch so logisch und stringent – sind nicht streitsatisfaktionsfähig, da sie auf falschen Tatsachen basieren.

Michel Friedman, geboren 1956 in Paris ist TV-Moderator und war lange Zeit engagiert im Zentralrat der Juden und im CDU-Bundesvorstand. Sein Buch „Streiten? Unbedingt!“ erscheint am 14. Juni im Duden-Verlag.
Michel Friedman, geboren 1956 in Paris ist TV-Moderator und war lange Zeit engagiert im Zentralrat der Juden und im CDU-Bundesvorstand. Sein Buch „Streiten? Unbedingt!“ erscheint am 14. Juni im Duden-Verlag. © dpa

Trotzdem erscheinen mir die Chancen, die das Netz bietet, größer als die Gefahren und Risiken. Sowohl individuell als auch gesellschaftspolitisch eröffnet das digitale Netz nie dagewesene Begegnungsmöglichkeiten. Die Mitdiskutanten, erst recht im digitalen Zeitalter, sind Gleichberechtigte unter Gleichberechtigten. Anerkennung ist grenzenlos. Global.

Umso mehr ist es notwendig, Regeln darüber, wie gestritten wird, zu vereinbaren. Je mehr unterschiedliche Kulturen über ein Regelwerk verhandeln, desto komplexer ist der Streit. Was für den einen Selbstverständlichkeit ist, ist für den anderen eine Zumutung. Was für den einen eine Chance ist, ist für den anderen eine Gefahr. In einer freien Gesellschaft ist das Ob des Streits nicht nur nicht streitig, sondern Conditio sine qua non des Freiheitsverständnisses.

Die Herausforderung ist das Wie. Die Streitkultur. So wie Freiheit nicht grenzen- und regellos ist, sondern sich im Verhältnis zu anderen Grund- und Menschenrechten bewegt, kann auch Streit nicht grenzen- und regellos sein. Dass die Regeln in einem streitigen Prozess entwickelt und in Übereinstimmung gebracht werden müssen, ist eine permanente Aufgabe der Streitkultur. Unverzichtbar erscheinen mir aber folgende Bedingungen:

Weiterführende Artikel

Drei Lehren aus #allesdichtmachen

Drei Lehren aus #allesdichtmachen

Prominente Schauspieler kritisieren die Corona-Politik, und wieder dreht sich die Diskussion im Kreis. Wir brauchen eine bessere Debattenkultur.

Das Schweigen der Gemäßigten

Das Schweigen der Gemäßigten

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über Verschwörungstheorien, ihr Entstehen und über die Neuordnung unserer Informationswirklichkeit.

  • Die Menschenwürde, die Menschenrechte sind unstreitig.
  • Die Menschen, die am Streit Teilnehmenden müssen als solche anerkannt und respektiert werden.
  • Der respektvolle Umgang der handelnden Personen miteinander ist unabdingbar. Das lässt emotionale Anteile im Streitgespräch zu, schließt aber persönliche Angriffe aus.
  • Tatsache, Realität und Faktizität müssen als solche anerkannt werden.
  • Das Argument muss als Instrument des Diskurses dienen.
  • Verhandelte Regeln der Rede- und Gegenrede, der Argumentation und Gegenargumentation müssen jederzeit gelten.
  • Der Zweifel ist unverzichtbarer Teil und Antrieb eines jeden Streits.

    Nie schweigen.

Mehr zum Thema Feuilleton