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Tangorausch in der Dorfkirche

Im Rahmen des Lausitz Festivals bot Star-Geiger Gidon Kremer in Cunewalde ein Programm mit Musik von Piazzolla, das bezauberte.

Gideo Kremer (Violine) und die Kremerata Baltica beim Konzert in der Dorfkirche Cunewalde.
Gideo Kremer (Violine) und die Kremerata Baltica beim Konzert in der Dorfkirche Cunewalde. © nikolaischmidt.de

Von Karsten Blüthgen

Tango im Gotteshaus – eine glückliche Fügung? Diese Frage darf im Falle von Astor Piazzolla und Gidon Kremer eindeutig bejaht werden. Beide haben Grenzen gesprengt und sich dabei angenähert. Der argentinische Komponist Piazzolla, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, öffnete den Tango für Einflüsse aus Jazz, Klassik und Klezmer. Führte ihn aus den verruchten Bars und Tanzlokalen in den Konzertsaal, ja, hob ihn in den Adelsstand der Kammermusik.

Dem lettischen Geiger Kremer sind stilistische Barrieren stets fremd gewesen. Was der 74-Jährige auch immer auf sein Notenpult legt, um es doch meist auswendig zu spielen, wird zu einer Offenbarung. So geschehen am Sonntag in Cunewalde, als Gidon Kremer mit seinem Kammerorchester Kremerata Baltica und dem Bandoneonisten Per Arne Glorvigen im Rahmen des Lausitz Festivals gastierte. Die Welt schien sanft zu rütteln an der Dorfkirche des idyllischen Ortes im Tal zwischen Czorneboh und Bieleboh.

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Der Begriff Dorfkirche verniedlicht in dem Fall das Bauwerk völlig zu Unrecht: Cunewalde bietet die größte evangelische in ganz Deutschland. Über 2.600 Menschen passen hinein. In Zeiten der Pandemie ein Unding, sie zu füllen, aber kraft der Musik war die Atmosphäre an diesem Abend berauschend.

Ausgedehnte Steigerungen

Mit dem Stück „Tres minutos con la realidad“ sorgten die Streicher der Kremerata und ihr Perkussionist Andrei Pushkarev für einen so akzentuierten wie geschmeidigen Einstieg. Gidon Kremer betrat das Podium und es folgte „Le Grand Tango“, ein Kernstück Piazzollas, das die Komponistin Sofia Gubaidulina und Pushkarev für Violine und Streichorchester eingerichtet haben. Ein Meisterwerk der filigranen Zeichnung, polyfonen Verflechtung und ausgedehnten Steigerung – am Beginn zeichnete sich die Musik gerade von der Stille ab, am Ende wurden Kontrabässe zu Schlaginstrumenten. Die Homogenität des Zusammenspiels war Genuss pur. Sein weißes Hemd war das Einzige, womit sich Kremer von seinen ganz in Schwarz Mitmusizierenden abhob.

Mit Per Arne Glorvigen verbindet den Geiger eine Zusammenarbeit über Jahrzehnte. Diese Vertrautheit und detailgenaue Übereinstimmung waren spürbar im Duett „Café 1930“. Dann wartete der Norweger mit der Eigenkomposition „Tango Funèbre“ auf.

Dieser fiktive Tango für eine Beerdigung steckte voller Inspiration und steigerte sich in einen wilden Totentanz. Schließlich bewies Perkussionist Pushkarev zu höchster Virtuosität musikalische Kreativität. Seine Version von Piazzollas „Little Italy 1930“ ließ er mit dem Schlussgedanken von Queens „Bohemian Rhapsody“ ausklingen.

Das Publikum applaudierte im Stehen nach diesem fantastischen Auftritt, der mit „Celos“ betörend lyrisch und „Michelangelo ‚70“ feurig endete. Piazzollas Seele schien auf der Bühne anwesend und das Geburtstagsprogramm kam gut ohne Klassiker wie „Oblivion“ oder „Libertango“ aus. Mit der Zugabe sagte Kremer dem Jubilar „Adiós“ und entschied sich für eine Hommage an seine Heimat Lettland: den Tango „Schwarze Augen“ von Oscar Strok. Auch dieses charmante Stück hat Andrei Pushkarev für die Kremerata-Besetzung sensibel arrangiert.

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