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Tanzen zwischen Brummis

Die Leipziger Choreografin Irina Pauls lässt vier Tänzerinnen und einen Tänzer an Autobahnen auftreten.

Die Tänzerinnen auf dem Rastplatz wirken nur auf den ersten Blick deplatziert – es geht auch ihnen um „Transit“.
Die Tänzerinnen auf dem Rastplatz wirken nur auf den ersten Blick deplatziert – es geht auch ihnen um „Transit“. © Videostill: Irina Pauls

Von Pauline Reinhardt

Transit – das ist für Lesende der gleichnamige Roman von Anna Seghers und für Reisende der Ort am Flughafen, der nur zur Weiterreise bestimmt ist. Für Flüchtende waren Transitzonen die Lager an der ungarischen Grenze, die vom Gerichtshof der Europäischen Union inzwischen als unzulässig erklärt und von der ungarischen Regierung geschlossen worden sind.

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Die Choreografin Irina Pauls erweitert den Begriff der Transitzone nun: Zu ihrem 60. Geburtstag am 2. Juni schenkte sie sich selbst ein neues Tanzprojekt mit diesem Namen. Irina Pauls erklärt „Nicht-Orte“ wie Raststätten und andere Plätze nahe der Autobahn zur Transitzone und lässt dort vier Tänzerinnen und einen Tänzer zur Musik von Eric Busch auftreten. Daraus entstanden sind fünf kurze Filme, die auf ihrer Website verfügbar sind – die Relikte einer etwas anderen Geburtstagsfeier.

Musik dominiert nicht die Geräuschkulisse; das erste Video beginnt sogar völlig ohne. Schließlich setzt das Ticken eines Metronoms ein, das weder die Schritte und den schweren Atem der Tänzerinnen und Tänzer noch den Lärm der vorbeifahrenden Pkw und Lkw übertönen kann. Auch der Wind ist laut. Er lässt die Kamera wackeln. Auf den Armen einer Tänzerin bildet sich eine Gänsehaut, die sie unter dem Scheinwerferlicht in einem Theatersaal niemals bekommen könnte. Die Tänzerinnen und der Tänzer wirken deplatziert.

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Dabei gibt es manchmal sogar Publikum. Wie im Theatersaal kann man auch bei diesen Filmen entscheiden, wohin man den Blick richtet: auf den Raststättentanz im Vordergrund oder den Mann im dahinter parkenden Laster. Der sitzt in seinem Fahrerhaus, schaut starr geradeaus und dann mal kurz zu den Tanzenden. Er nimmt einen Schluck aus einer Flasche (Bier?) und wirkt sehr gelangweilt von der Performance.

Das mag daran liegen, dass „Transitzone“ durch die schlichte Gestaltung eher Probencharakter hat. Es wird keine besondere Kleidung getragen, Ort und Zeit wirken unpassend für ein Ereignis, das vor allem abends auf Bühnen stattfindet. Das Projekt präsentiert sich so, wie es von den Zuschauerinnen und Zuschauern empfangen wird. Die einen tanzen eingequetscht zwischen parkenden Trucks, die anderen schauen auf ihrem Sofa oder in der Tram sitzend zu.

Auch wenn sich die Musik weiterentwickelt, bleibt sie mechanisch, sie erinnert an das Stampfen von Maschinen. Die Tänzerinnen und der Tänzer sind die Rädchen, die fast immer synchron laufen. Soloauftritte gibt es bei dieser Performance nicht, dafür bleibt manchmal eine Tänzerin oder ein Tänzer abrupt stehen. Die Kamera verweilt auf dem kaputten Rädchen, kommt dem verloren aussehenden Menschen unangenehm nahe. Irgendwann wird weitergetanzt. Am Ende des vierten Videos erscheint eine Fehlermeldung von Vimeo auf dem Bildschirm, passend zur Gesamtgestaltung der Choreografie: Der Tanz wirkt wie eine Störung im Betriebsablauf, er verschönert die Orte nicht, sondern ruft uns das Karge und Rohe noch mehr ins Gedächtnis. Eine Raststätte kann durch nichts und niemanden belebt werden.

Teil der Videos sind immer wieder Gespräche zwischen der Choreografin Irina Pauls, ihren Tänzerinnen und ihrem Tänzer. Sie dirigiert und korrigiert das Geschehen auf der trostlosen Ersatzbühne. Das letzte Video spielt auf einer Brücke; so eine, von der Kinder und Jugendliche, denen das Leben zu langsam vorangeht, Steine auf die Autos werfen, die unten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren. Irina Pauls fragt ihre Gruppe, wie es ihnen mit diesem Ort geht. Marlen Schumann sagt, das Tanzen fühle sich egal an. Rodolfo Piazza Pfitscher da Silva erklärt: „Ich fühle mich ziemlich stark. Ich finde es nicht schön, aber es macht mir Spaß, hier zu tanzen.“ Und Eva Thielchen empfindet den Ort als brutal und aggressiv, „diese unmenschliche Geschwindigkeit, dieses Hupen und die Lautstärke – das alles zusammen macht es mit am schlimmsten“.

Am Ende wird sie alleine auf der Brücke gezeigt, wie sie schluckt, wartet und viel Mut beweist, indem sie weitertanzt.

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