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Feuilleton

Trotz Corona: Prominente Dresdner Redner

Sven Plöger, Jenny Erpenbeck, Franz Müntefering und Aleida Assmann sprechen über Wandel, Veränderung, Umbruch.

Reden in Dresden über Veränderung, Wandel, Umbruch: ARD-Meteorologe Sven Plöger, Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, SPD-Urgestein Franz Müntefering und Schriftstellerin Jenny Erpenbeck (v. l.).
Reden in Dresden über Veränderung, Wandel, Umbruch: ARD-Meteorologe Sven Plöger, Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, SPD-Urgestein Franz Müntefering und Schriftstellerin Jenny Erpenbeck (v. l.). © Foto: SZ-Bildstelle

Es wird fast sein wie immer. Mikrofonprobe. Lichtprobe. Räusperwasser. Jemand wird den roten Teppich ausrollen zur Begrüßung. Die Rednerin wird im Dresdner Schauspielhaus auf die Bühne zum Pult gehen, das nicht ganz in der Mitte stehen wird. Dann wird das öffentliche Nachdenken beginnen. An brisantem Stoff fehlt es nicht. Daran fehlte es nie.Seit mehr als 25 Jahren sind die Dresdner Reden eine Institution. Über hundert Prominente waren zu Gast. Es gab Höhen und Tiefen, aber nie einen Ausfall. Das soll so bleiben. Mit trotziger Zuversicht haben die Veranstalter – das Staatsschauspiel Dresden und die Sächsische Zeitung – den Jahrgang 2021 geplant: ein Stück Normalität trotz Corona.

Deshalb werden die vier Reden an vier Sonntagvormittagen vor Ort gehalten. Allerdings weder im Februar wie sonst noch vor ausverkauftem Saal. Das ist schade um das gemeinsame Erlebnis, die Spannung, den Beifall und die Gespräche danach. Doch die Reden sind auf der Internet-Plattform „dringeblieben“ zu verfolgen und dann in der Mediathek von saechsische.de. Tickets gibt es ab diesem Montag bei den Veranstaltern auf der Homepage. Obwohl ein Thema nicht vorgegeben ist und sich die Redner vielleicht gar nicht kennen, haben sie ein gemeinsames Anliegen. Es liegt auf der Hand. Sie sprechen über Veränderung. Wandel. Umbruch.

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Die Schriftstellerin: Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck gibt den Auftakt am 9. Mai. In ihren Romanen und Erzählungen thematisiert sie biografische Brüche zwischen Ende und Neubeginn. „Übergänge sind etwas Interessantes. Vielleicht das Interessanteste überhaupt.“ Anschauungsmaterial findet Erpenbeck in ihrem eigenen Leben. Sie wurde 1967 in Ostberlin geboren. Die erste Hälfte ihres Daseins sei mit dem Fall der Mauer museumsreif geworden, heißt es in einem ihrer Essays. Zwischen der ersten und der zweiten Hälfte liege eine Grenze aus Zeit. „Wozu sind Grenzen da?“, fragt Jenny Erpenbeck. „Doch immer, um Dinge, die verschieden sind, an der Vermischung zu hindern – oder um etwas Gefährdetes zu stabilisieren.“

Die politische Dimension lotete sie in ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ aus, der das Schicksal von Flüchtlingen schildert. Ihr Roman „Kairos“, der im August herauskommt, führt in emotionale Grenzgebiete zwischen Wahrheit und Lüge, Obsession und Gewalt. Die Werke der großartigen Erzählerin wurden in 30 Sprachen übersetzt. Ihre Karriere begann sie jedoch im Theater. Nach dem Studium von Theaterwissenschaft und Regie war sie in Graz engagiert, brachte eigene Stücke auf die Bühne und inszenierte Opern an anderen Häusern.

Der Wetterlagenmann: Sven Plöger

Sven Plöger, der bekannteste Wettermoderator der ARD, spricht am 30. Mai im Dresdner Schauspielhaus. Er wurde 1967 in Bonn geboren und hat schon als Kind in die Wolken geguckt. Er studierte Meteorologie und begann seine Medienlaufbahn im Schweizer Vorhersagedienst von Jörg Kachelmann. Wenn er nicht vor der Wetterkarte steht oder mit dem Segelflugzeug unterwegs ist, schreibt er Bücher und hält Vorträge. In Talkshows ist Plöger ein gern gesehener Gast. Er kann komplexe Zusammenhänge leicht begreifbar machen; wer sonst erklärt den Klimawandel in einer Minute? Er kann noch das mieseste Wochenendwetter schönreden; wer sonst spricht über Nimbostratus mit so viel Humor? Er kann sich leidenschaftlich für mehr erneuerbare Energie und also mehr Vernunft engagieren; wer sonst schafft das ohne missionarisches Eifern?

Einen untrüglichen Sinn für Widersprüche und Wirklichkeit zeigt das jüngste Buch „Zieht euch warm an, es wird heiß!“. Darin vergleicht Sven Plöger den Klimawandel mit einem Asteroideneinschlag in Superzeitlupe. Es wäre also noch ausreichend Zeit für Rettung. Doch gerade dieser Vorteil erweist sich als Nachteil. Denn was sich auf später verschieben lässt, wird verschoben. Das hat die Evolution so gewollt, meint der Autor. Auge in Auge mit dem Säbelzahntiger denke man nicht über den Bau eines schützenden Hauses nach.

Das SPD-Urgestein: Franz Müntefering

Franz Müntefering prophezeit sogar eine Weltklimakatastrophe. Der frühere SPD-Chef und Vizekanzler hält seine Dresdner Rede am 6. Juni. Seine These: „Wir leben in einer Zeit des Wandels.“ Das gelte für viele Lebensbereiche. Die Demokratie müsse sich auf Attacken einstellen. Sie werde überrollt von einigen wenigen Akteuren mit sehr viel Geld und also sehr viel Einfluss. Immer mehr Länder in Europa seien der Ansicht, Wohlstand und Sicherheit seien auch ohne Demokratie zu haben. Müntefering plädiert für mehr Engagement der Bürger in den demokratischen Parteien und für stärkere Parlamente. Der Bundestag sollte wirklich relevante Diskussionen anzetteln. Er selbst wurde als Mittdreißiger in das Gremium gewählt.

Um einen „Schmusekurs“ zwischen Gesellschaft und Politik geht es ihm nicht. „Wir haben ja 1,5 Meter Distanz gelernt.“ Der Politiker vom Jahrgang 1940 ist bekannt für klare Ansagen. Der Begriff Heuschrecke wurde durch ihn zum Synonym für gierige Finanzinvestoren. Oft genug hielt „Münte“ im Hintergrund die Fäden zusammen und den SPD-Laden am Laufen. Ohne ihn wäre Gerhard Schröder wohl nicht Bundeskanzler geworden. Franz Müntefering streitet heute für die Solidarität zwischen Jüngeren und Älteren, engagiert sich ehrenamtlich für Seniorenarbeit und Soziales.

Die Kulturwissenschaftlerin: Aleida Assmann

Aleida Assmann, Anglistin und Kulturwissenschaftlerin, beendet die Reden-Reihe am 13. Juni. Ihre Forschungen zu Geschichte, Gedächtnis und Erinnerungskultur gehören nicht nur für Historiker zur Pflichtlektüre. Die emeritierte Professorin vom Jahrgang 1947 hat beim Blick zurück stets die Gegenwart im Sinn. Dabei stellt sie eine Veränderung fest: Protest und Revolte sind nach rechts abgewandert. Dadurch verändern Wörter ihre Bedeutung. Die Wissenschaftlerin erklärt das am Beispiel von Begriffen wie Empörung, Alternative und System. Auch das Wort Bruch habe einmal einen positiven Klang besessen, es stand für Innovation und Aufbruch.

Heute könne man es nicht mehr unbefangen benutzen. „Es bedarf einer neuen Sprache und neuer Begriffe, um die Aufmerksamkeit umzulenken auf neue Perspektiven, Werte und Handlungsfelder.“ Aleida Assmann hat sich ein Forscherleben lang mit den Untiefen der jüngeren deutschen Geschichte befasst. Sie lehrte an der Uni Konstanz und war als Gastprofessorin in New Jersey, Chicago und Wien. Wenn sie über individuelles und kollektives Gedächtnis nachdenkt, analysiert sie auch Strategien des Verdrängens, Verfälschens und Verschweigens. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann, wurde sie 2018 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Die Dresdner Reden 2021 sind jeweils sonntags ab 11 Uhr für 24 Stunden abrufbar. Tickets für den Livestream auf der Internet-Plattform „dringeblieben“ sind ab diesem Montag zu buchen. Das Ticket kostet 7 Euro, für SZ-Card-Inhaber 5 Euro.

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