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Udo - Ein Kumpel für Ost und West

Es gibt ihn als Musiker, als Film und als Beruf: Panikpräsident Udo Lindenberg wird 75 und ist dem Osten weiterhin speziell verbunden.

Letzte Live-Auftritte: Udo beim Auftakt seiner Tournee 2019 in Hamburg. Anfang 2020 fand dort die Premiere des Kinofilms "Lindenberg! Mach dein Ding!" statt. kurz danach kam Corona.
Letzte Live-Auftritte: Udo beim Auftakt seiner Tournee 2019 in Hamburg. Anfang 2020 fand dort die Premiere des Kinofilms "Lindenberg! Mach dein Ding!" statt. kurz danach kam Corona. © dpa

Von Gunnar Leue

Eine jede Zeit bringt neue Berufe hervor, die sich besonders unter Jugendlichen großer Beliebtheit erfreuen. Die Liste von früher bis heute ist ebenso lang wie aufschlussreich: Lokführer, Kosmonaut, Fußballprofi, Influencerin. Doch es gibt noch einen Beruf, den wohl viele gern hätten, der aber nur von einem ausübbar ist, es sei denn, man ist Profidoppelgänger: Udo Lindenberg. Bereits 1988 hat der Mann, der am17. Mai 1946 unter diesem Namen in Gronau geboren wurde, in seinem Buch „El Panico“ erklärt: „Ich bin von Beruf Udo Lindenberg.“ Es ist nicht nur ein exklusiver Beruf, vielmehr zugleich ein Markenzeichen und eine Firma.

Udo ist nämlich auch sein eigener unvergleichlicher Unternehmer, Chef von den – um es im Udo-Sprech zu sagen – flexiblen Betrieben. Nun hat Udo Lindenberg 75. Jubiläum, und das ist schon ein Wunder für sich. Schließlich wurde ihm vor langer Zeit von Ärzten bescheinigt, dass es mit ihm früh vorbei sein würde, wenn er weiter saufe. Er ist dann hauptsächlich auf Tee umgestiegen. Auch sonst hat er ziemlich die Kurve gekriegt. Seine Karriere nahm noch mal richtig und für viele unerwartet Fahrt auf.

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Heute gehört Udo zu den inzwischen wenigen Leuten in diesem Land, auf die sich ein Großteil der Bevölkerung milieu- und generationsübergreifend irgendwie einigen kann. Der selbst ernannte „Panikpräsident“ wird verehrt als coole Sau, als Kumpeltyp, als Stehaufmännchen, als umtriebiger Star und natürlich als Musiker. Udo – der Mann mit dem Hut, der immer einen lustigen Nuschelspruch parat hat, manchmal nur halbwitzig, aber immer im Originial-Lindisound.

In den Siebzigern spielte Udo auch mal mit Ulkrocker Achim Mentzel zusammen - an seinem "gelernten" Instrument, dem Schlagzeug.
In den Siebzigern spielte Udo auch mal mit Ulkrocker Achim Mentzel zusammen - an seinem "gelernten" Instrument, dem Schlagzeug. © Archiv SZ

Eine Weile sah es allerdings für den „Alien vom Doppelkornfeld“ (so eine besonders schöne Selbstbeschreibung) aus, als würde aus dem frühen Rockstar letztlich eine belächelte Figur auf dem Boulevard werden. In den späten Neunzigern und frühen Nullern trällerte die „Nachtigall“ vorzugsweise im bunten Blätterwald, auf den Bühnen fand sie weniger Aufmerksamkeit. Selbst hartnäckigeren Fans fiel es mitunter schwer, den Sänger nicht nur als Legende zu betrachten, sondern auch als immer noch relevanten Künstler.

Ein spezieller Akteur im deutsch-deutschen Konflikt

Historische Verdienste wie die Einführung der deutschen Jugendsprache in die Rockmusik der Siebziger zählen am Ende wenig, wenn man irgendwie den Anschluss an die neue Popkulturzeit verpasst. Gerade massenorientierte Musiker geraten ohne Hit-Nachschub schnell auf die schiefe Bahn des Oldierockertums. Umso bemerkenswerter ist das Comeback von Udo Lindenberg, beginnend im Jahr 2008. Er hat sich quasi neu erfunden, ohne sich neu zu erfinden. Das muss man erst mal schaffen, also Kontinuität und Erneuerung, wie die legendäre Floskel eines DDR-Politbürokraten kurz vorm Zusammenbruch des Staates hieß. Womit der Bogen hin zu jenem Udo als sehr speziellem Akteur im Ost-West-Konflikt vor 1989 gespannt wäre.

Im Gegensatz etwa zu Herbert Grönemeyer, der nie in der DDR auftreten wollte, um das Regime nicht indirekt zu unterstützen, hatte Udo immer den großen Wunsch, den Fans im Osten auch live nah zu sein. Das zeigte sich an Liedern mit unmittelbaren DDR-Bezügen wie „Rock’n’Roll-Arena in Jena“, „Mädchen aus Ostberlin“ oder „Sonderzug nach Pankow“. Obendrein war Lindenberg auch bereit, für Auftritts-Möglichkeiten vor seinen vielen Fans im Osten Imageverluste zu riskieren.

Unbedingt wollte Udo durch die DDR touren. Das wurde ihm verweigert, weil er 1983 bei einem Friedenskonzert im Ostberliner Palast der Republik vor ausgewähltem Publikum auch auf die sowjetischen Raketen in der DDR hingewiesen hatte..
Unbedingt wollte Udo durch die DDR touren. Das wurde ihm verweigert, weil er 1983 bei einem Friedenskonzert im Ostberliner Palast der Republik vor ausgewähltem Publikum auch auf die sowjetischen Raketen in der DDR hingewiesen hatte.. © Udo Lindenberg Archiv/Kristina Eriksson

Der Westrocker schenkte dem Ostregenten eine E-Gitarre

Er gab heimlich Konzerte, spielte in den Siebzigern schon mal mit Ulkrocker Achim Mentzel zusammen. Und er ließ sich offiziell auf eine Kommunikation mit DDR-„Oberindianer“ Honecker ein, die ihm – im Westen mehr als im Osten – als anbiederisch ausgelegt wurde. Der Westrocker schenkte dem Ostregenten 1987 eine E-Gitarre nach dem Motto „Gitarren statt Knarren“, wofür er eine Lederjacke retour bekam, jedoch keine Einladung für eine DDR-Tournee. Die war ihm schon Jahre zuvor verweigert worden, nachdem er 1983 bei einem Friedenskonzert im Ostberliner Palast der Republik vor ausgewähltem Publikum auch auf die sowjetischen Raketen in der DDR hingewiesen hatte.

Dass die ostdeutsche Staatsführung dem friedensbewegten Westrocker danach die bereits zugesagte DDR-Stadientournee verwehrte, lag in Wirklichkeit vor allem daran, dass man ihn als Panikmacher für die eigene Jugend überhaupt nicht schätzte. Rock’n’Roll-Arena in Jena? Wer weiß, wohin das führen würde, zu einem gesitteten sozialistischen Unterhaltungsabend sicherlich kaum, also lassen wir das mal lieber! Auch darin waren sich die Schalmeienfans und Kessel-Buntes-Gucker im vergreisenden Politbüro einig.

Mit ihrer Skepsis lagen sie natürlich voll richtig, denn so sympathisch ihnen Herr Lindenberg als linksprogressiver Künstler war, so suspekt war er ihnen als unangepasster, individualistischer Künstler, der die Jugend mit „Mach dein Ding“-Parolen aufwiegelte. Ganz nach seinem eigenen Vorbild, hatte er doch selbst beizeiten sein Ding gemacht.

"Ein Groupie ham die auch, die heißt Rosa oder so, und die tantz aufm Tisch, wie'n Go Go Go Girl ...": Die eigentliche Karriere als Sänger startete "Lindi" Anfang der Siebziger im Hamburger "Onkel Pö".
"Ein Groupie ham die auch, die heißt Rosa oder so, und die tantz aufm Tisch, wie'n Go Go Go Girl ...": Die eigentliche Karriere als Sänger startete "Lindi" Anfang der Siebziger im Hamburger "Onkel Pö". © Foto: NDR Archiv

Vom Schlagzeug ans Mikrofon

In der Schule hatte Udo sich gelangweilt, früh wollte er weg aus seinem westfälischen Kaff (das ihm später ein Museum widmete). Um die große weite Welt anzutesten, ging er als 15-Jähriger in ein Hotel in Düsseldorf: als Page. Seinen Karriereplan – über den Oberkellner zum Schiffssteward, der auf den großen Pötten die Welt befährt – durchkreuzte dann aber die Musik. Nach Feierabend trommelte Lehrling Udo in Jazzclubs der Düsseldorfer Altstadt, und alsbald muckte er in Libyen zur Truppenbetreuung auf einer US-Militärbasis. Ab 1968 bereicherte er in seiner neuen Wahlheimat Hamburg die Musikszene, in der er mit renommierten Jazzern wie Peter Herbolzheimer und Klaus Doldinger sowie mit Bluesrock-Röhre Inga Rumpf zusammentraf.

Von der Jazzrockschiene rutschte er Anfang der Siebziger in den massenkompatiblen Gesangsrock, zunächst auf Englisch, dann auf Deutsch. Mit der Single-B-Seite „Hoch im Norden“ landete Udo einen Hit und ließ nicht mehr ab von der klugen Idee, Lindi-spezifischen Wortwitz und Jugendslang mit eingängigen Melodien (gern auch von den Beatles, Otis Redding oder Elton John) zu verweben. „Elli Pyrelli“, „Bodo Ballermann“, „Rudi Ratlos“ – das bunte Völkchen im Lindi-Zirkus war stadt- und landbekannt und machte den Sänger weithin berühmt.

Als Panikpräsident kümmerte er sich viel früher als andere um die Frauenförderung. Er entdeckte Ulla Meinecke und Helen Schneider, nahm auch Nina Hagen und Gianna Nannini mit auf Tour. Seine Lust an der Zusammenarbeit mit neuen und jungen Künstlerkollegen wie Clueso und Jan Delay ist nie vergangen.

Gegen Atomraketen, gegen Nazis, gegen Corona-Schwurbler: Der Panikrocker hat sich seit den Achtzigern ununterbrochen auch politisch engagiert.
Gegen Atomraketen, gegen Nazis, gegen Corona-Schwurbler: Der Panikrocker hat sich seit den Achtzigern ununterbrochen auch politisch engagiert. © Axel Heimken/dpa

Seine Konzerte, die ihn vor der Pandemie auch durch die größten deutschen Stadien führten, sind bunte Revuen für ein buntes Publikum und für eine Bunte Republik Deutschland, in der die Farbe Braun nach Udos Ansicht nichts zu suchen hat. Sehr bunt ist auch die Gestaltung der Best-of-Jubiläumsbox „Udopium“, mit der Udo Lindenberg seine Fans und sich selbst beschenkt. Sie enthält alle wichtigen Lieder seiner Karriere, die keineswegs mit seinem Geburtstag endet. Dazu ist Udo zu rastlos.

In Deutschland hat die Farbe Braun nichts zu suchen

Das wiederum ist ein Grund, warum er nie im klassischen Sinne sesshaft wurde. Die Liebe zu den Hotels, die ihn früh nach Düsseldorf zog, ist ewig geblieben. Hotels würden für ihn nach wie vor die große weite Welt bedeuten, einen Ort, wo sich Leute von überall treffen, erzählte er dem Verfasser dieser Zeilen mal. Deshalb wohnt er seit Jahrzehnten in Edelherbergen, hauptsächlich im Hamburger Hotel „Atlantic“.

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Für sein künstlerisches Schaffen sei das durchaus von Vorteil gewesen, denn: „Hätte Johann Sebastian Bach seinen Müll persönlich runterschleppen müssen, hätte er so manche Kantate nicht geschrieben. Man sollte sich auf das konzentrieren, was man am besten kann. In meinem Fall heißt das eben: Komponieren, Texten und nicht den Haushalt machen oder Kochen.“ Wenn schon, dann Eierlikörchen zusammenrühren, um damit Bilder zu malen.

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