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Thierse zur Umbenennung von Kunst: "Haltet Maß"

Wolfgang Thierse nennt Dresdens Kunst-Umbenennungsabsichten löblich, doch offenbaren sie angestrengten Moralismus, der schadet. Ein Gastbeitrag.

Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Vizepräsident des Deutschen Bundestages, hält die derzeitige Praxis der Kunstumbenennung für nicht gelungen.
Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Vizepräsident des Deutschen Bundestages, hält die derzeitige Praxis der Kunstumbenennung für nicht gelungen. © Christoph Soeder/dpa (Archiv)

Von Wolfgang Thierse

Es hat Aufregung gegeben. Auch außerhalb Dresdens im fernen Berlin war davon zu hören und zu lesen. Der Anlass: Bei 143 Exponaten der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) ist der Wortlaut entfernt beziehungsweise sind Titel neu formuliert worden. Bei elf Objekten wurden einzelne Begriffe mit Asterisken (also Sternchen) markiert. So heißt es nicht mehr „Mohr mit Smaragdstufe“, sondern „**** mit Smaragdstufe“.

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Wenn von eineinhalb Millionen Objekten der SKD bei einigen von ihnen politisch korrekte Umbenennungen vorgenommen werden – ist das wirklich Anlass für Empörung, gar aus dem fernen Berlin? Wohl eher nicht. Aber vielleicht ein Grund, nachzudenken und nachzufragen. Zumal in Zeiten, in denen scharfe identitätspolitische Auseinandersetzungen, in denen Denkmalstürze und Bilderstürme, in denen Kämpfe um Straßennamen und überhaupt um korrekte Sprache stattfinden.

Zacharias Wagner malte das Bild 1637/1641. Der Titel „Tanzende Negersklaven“ (Ausschnitt) wurde nun umbenannt in „Tanzende Tapuya Amazoniens“
Zacharias Wagner malte das Bild 1637/1641. Der Titel „Tanzende Negersklaven“ (Ausschnitt) wurde nun umbenannt in „Tanzende Tapuya Amazoniens“ © PHOTO-DESIGN Herbert Boswan

Die Umbenennungsaktion und sprachliche Reinigungsarbeit geht ja weiter. In den SKD soll, so war zu lesen, historischer Sprachgebrauch überprüft, unreflektierte Verwendung von heute als problematisch empfundenen Begriffen korrigiert werden, denn niemand dürfe verletzt werden durch historische Titel. Das sind gute, edle Absichten. Aber wer entscheidet darüber, welche und wessen Verletzungen der Maßstab dafür sind?

Eine Anti-Diskriminierungs-AG ist bei den SKD eingerichtet worden. Von „äußerster Sensibilität für Sprache“ (welch’ Superlativ!) ist die Rede, von kritischer Aufarbeitung rassistischer und diskriminierender Seiten der Kunstgeschichte, von Überwindung eurozentristischer Betrachtung durch Einbeziehung eines internationalen Netzwerks, von verstärkter Provenienzforschung. All diese Absichten sind gewiss gut nachvollziehbar und richtig. Und die Ergebnisse dieser Anstrengungen sind abzuwarten. Allerdings möchte ich vor allzu viel Reinigungseifer, gar Säuberungswut warnen und zur Behutsamkeit mahnen.

Denn was ist das Museum? Es mag auch moralische Lehranstalt sein, es ist dies aber viel weniger als es Ort der Präsentation von Geschichte ist von eben auch künstlerischen Zeugnissen und Hinterlassenschaften der Generationen vor uns Heutigen. Es ist das Ergebnis deren Sammelns und Auswählens. Wir Heutigen dürfen die Kriterien von damals kritisch befragen und Bewertungen revidieren, aber wir sollten dies tun im Blick auf die wirkliche Geschichte und im Respekt vor der Tradition.

Museen sind Orte der Diffenzierung

Das Museum ist ein Ort der Differenz: zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen dem Fremden und dem Eigenen, zwischen dem Alten und dem Jetzigen. Genau diese Differenz erst ermöglicht ästhetische Erfahrung und, ja, auch Urteilen und Lernen. Die Differenz verringern, gar einebnen zu wollen durch sprachliche Glättungen oder Reinigungen, hielte ich für falsch, weil dies Ausdruck einer befremdlichen Angst wäre und einer geradezu bestürzenden Unterschätzung des Publikums, dem man wohl die historischen Bezeichnungen nicht mehr zumuten dürfe: Als bedürfte das Publikum der überdeutlichen moralischen Belehrung und müsste mit dem Kopf darauf gestoßen werden, welche Irrtümer und Fehler die Früheren begangen haben. Als müssten die historischen Bezeichnungen mit einem Tabu belegt, also getilgt werden, weil sie – noch heute und immer wieder – kontaminierende Wirkungen hätten, infizierend wirkten. „Wo Worte für unberührbar erklärt werden, als seien sie selbst Sachverhalte oder Dinge, an denen man sich direkt anstecken kann, da kehrt etwas Uraltes wieder: Sprachmagie“, so hat der Leipziger Philosophieprofessor Christoph Türcke geschrieben. Das ist treffend bemerkt.

Die Geschichte selbst ist schmutzig, auch die Geschichte der Kunst! Darf sie deshalb nur in gereinigter Form den Unmündigen, historisch unwissenden Betrachtern präsentiert werden beziehungsweise müssen sensible Betrachter vor ihr geschützt werden? Hoffentlich nicht. Denn wie viel in der Geschichte der Künste ist mit Gewalt und Unrecht, mit Blut und Tränen verbunden! Wie viele ihrer Urheber waren moralisch zwiespältige Personen oder hatten uns heute höchst verwerflich erscheinende Ansichten und Überzeugungen!

Wir können uns gewiss erlauben, sie moralisch abzuurteilen, je gegenwärtiger umso entschiedener. Aber wie viel verlieren, verpassen wir dabei! Gegenüber künstlerischen Zeitgenossen mögen wir uns als Zeitgenossen, also mit unseren politischen und moralischen Urteilen verhalten. Gegenüber historisch gewordener Kunst und ihren Urhebern allerdings sollte angestrengter Moralismus zurücktreten können und der ästhetischen Erfahrung mit ihnen Platz machen. Dies zu ermöglichen, genau das ist Chance und Pflicht des Museums!

Aus gereinigter Geschichte ist nichts zu lernen

Also ja zu kritischer Kontextualisierung, ja zu historischen Erläuterungen und Einordnungen wo nötig! Aber nein zur Auslöschung von irritierender Erinnerung, nein zur Beseitigung von historischen Stolpersteinen, nein zur Einebnung von Differenz!

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Meine Bitte ist einfach: Schüttet nicht das ästhetische Kind mit dem moralischen Bad aus! Unterschätzt nicht das historische und moralische Wissen des Museumspublikums! Haltet also Maß. Auch mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger. Denn aus gereinigter Geschichte ist nichts wirklich zu lernen.

Unser Autor (Jahrgang 1943) ist ein deutscher Politiker (SPD). Von 1998–2005 war er Präsident des Deutschen Bundestages und von 2005–2013 dessen Vizepräsident.

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