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Vom Wesen der Freundlichkeit

Mit ihm würde man sofort gerne arbeiten: Andreas Dresens Interview-Buch wurde um „Gundermann“ erweitert.

Ideen entstehen bei Dresen-Drehs am besten im Team, so wie hier beim Dreh von „Sommer vorm Balkon“. Andreas Dresen (links) sagt von sich, er sei „durchaus auch der seelische Mülleimer, der Kindergärtner, Seelentröster, Witzemacher, Ermunterer“.
Ideen entstehen bei Dresen-Drehs am besten im Team, so wie hier beim Dreh von „Sommer vorm Balkon“. Andreas Dresen (links) sagt von sich, er sei „durchaus auch der seelische Mülleimer, der Kindergärtner, Seelentröster, Witzemacher, Ermunterer“. © imago images

Von Jörg Peter Löblein

Natürlich ist die Kunst immer wichtiger als der Künstler, da waren sich mal alle einig. „Wesentlicher als Bob Dylan sind für mich seine Songs“, lässt Regisseur Andreas Dresen in „Gundermann“ seine Hauptfigur sagen, in einem hollywoodschaukelnden Fernsehinterview im Garten. Die Szene ist fiktiv, aber der Satz ist echt, so wie er im Buche steht, und der Interviewer auch: Der Journalist Hans-Dieter Schütt gab nicht nur als Kleindarsteller in dieser Spielfilm-Szene den Fragenden, sondern er brachte auch im wirklichen Leben, nämlich 2006, einen Interviewband mit dem Lausitzer Sänger und Baggerfahrer heraus: „Tankstelle für Verlierer“ erschien zum Start des „Gundermann“-Films 2018 in dritter Auflage. Aber auch der Regisseur selbst stand Schütt schon vor „Gundermann“ ausführlich Rede und Antwort. Klar, dass dieses Interview-Buch nun nach Dresens bisher wohl wichtigstem Film einer erweiterten Neuauflage bedurfte.

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Zwölf Jahre Arbeit an „Gundermann“

Es ist freilich ein närrisch Ding um solche Künstlergespräche, egal ob sie nun echt oder erfunden sind: Es können die Interviewten darin noch so sehr betonen, dass das Werk über der Person des Autors stehe. Aber würde man sich nicht auch sehr für den Künstler selbst interessieren, bräuchte man das Interview doch gar nicht zu machen. Schütt entwickelte offenbar eine große Leidenschaft fürs Inszenieren solcher Gespräche. Als er nach der Wende vom Saulus (also dem linientreu einpeitschenden Chefredakteur der FDJ-Tageszeitung „Junge Welt“) zum Paulus wurde (ausführlich dargelegt in der Autobiografie „Glücklich beschädigt“ von 2009), interviewte und porträtierte er alles aus Ost und auch West, was nicht bei drei hinter der MDW-Schrankwand verschwunden war.

Dresen findet sich also in illustrer Gesellschaft mit Friedrich Schorlemmer und Dieter Mann, Regine Hildebrandt und Ursula Karusseit, Claus Peymann und Reinhold Messner. Kaum überraschend: Auf den nun 300 Seiten dieses Buches lernt man einen unglaublich angenehmen, unterhaltsamen Zeitgenossen kennen. „Ich verfechte gern und mit ganzem Herzen den Mut zur Freundlichkeit“, bekennt Dresen, und das schließt bei ihm gerade auch das Wissen um die Abgründe und Risse in der Welt mit ein. Das Aufzeigen solcher Risse hatte auch die zwölf Jahre dauernde Arbeit an „Gundermann“ zum Ziel. Dresen zitiert aus seinen Notizen, die am Anfang der Entwicklungsphase entstanden: Gegen die damals verbreiteten DDR-Klischees wolle er keine vom System verführte oder erpresste Figur zeigen, sondern eine, die „aus innerer Überzeugung“, aus dem „Glauben an eine gute, gerechte Sache“ gehandelt habe. Es gehe um den „Umgang mit widersprüchlichen ostdeutschen Biografien“, man wolle „die Fragen von Schuld und Verstrickung erneut diskutieren – nicht retrospektiv, sondern als Fallbeispiel für heutige Lebensentscheidungen.“

In "Gundermann" ging es Dresden unter anderem um den „Umgang mit widersprüchlichen ostdeutschen Biografien“.
In "Gundermann" ging es Dresden unter anderem um den „Umgang mit widersprüchlichen ostdeutschen Biografien“. © Peter Hartwig/Pandora Film

Auch in dieser Hinsicht war es also äußerst sinnreich, Hans-Dieter Schütt eine kleine Rolle in diesem Film zu geben. Wie viele glückliche Detail-Entscheidungen nötig sind, damit das Werk gelingt, macht Dresen auch anhand der Szene mit Peter Sodann als Parteiveteran anschaulich, der Gundermann schließlich zur Abgabe seines Parteibuchs auffordert. In letzter Minute habe man Sodanns Kostüm geändert: Cordjacke statt Anzug. Und die ganze Szene, die „zunächst so angelegt war, dass man sich anschrie“, wurde immer weicher, „leise und leiser“ – und dadurch umso eindringlicher.

Skrupel und Zweifel als ständige Begleiter

Ideen entstehen bei Dresen-Drehs am besten im Team, beim langen Kaffeetrinken am Drehort zum Beispiel. Für das eigene Tätigkeitsprofil entnimmt der Regisseur seiner Komödie „Whisky mit Wodka“ (2009) einen prägnanten Vergleich. Sylvester Groth plärrt darin als überforderter Filmemacher: „Ich bin kein Eimer, in den jeder scheißt“. Genau das aber sei das Berufsbild, scherzt Dresen: „Ich bin durchaus auch der seelische Mülleimer, der Kindergärtner, Seelentröster, Witzemacher, Ermunterer.“ Druckausübung sei seine Sache nicht, sondern das „Schaffen einer Atmosphäre, in der das Ungebändigte geschehen darf“.

Wenn man solche Passagen liest, würde man am liebsten sofort bei ihm anheuern, egal, was es gerade zu tun gibt. Aber Vorsicht, Dresen sei auch enorm anspruchsvoll, warnt die Drehbuchautorin Laila Stieler in einem Beitrag am Ende des Buches. Filmischer Realismus und lebendige Leichtigkeit, wie sie beispielsweise „Halbe Treppe“ (2002) oder „Sommer vorm Balkon“ (2005) auszeichnen, sind bei ihm nun mal etwas, das nur mit großem Aufwand hergestellt werden kann.

Ursula Werner und Horst Westphal in einer Szene von Dresens Film "Wolke 9".
Ursula Werner und Horst Westphal in einer Szene von Dresens Film "Wolke 9". © Senator/dpa

Auch wenn es um Andreas Dresens eigene Lebensrealität geht, im langen biografischen Teil des Gesprächs, verbinden sich Anekdote und Reflexion mit leichter Hand. Dass Dresen ziemlich oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftauchte, inspirierte wohl auch zum zerspreizten Buchtitel „Glücks Spiel“. Und andererseits bleiben ihm Skrupel und Zweifel ständige Begleiter: „Jeder Film ist Ausdruck der eigenen Unvollkommenheit zum Zeitpunkt seiner Entstehung. Punkt.“

Prunkvolle Formulierungen

Hans-Dieter Schütt wiederum wirkt als womöglich gar etwas zu wortgewaltig symphilosophierender Gesprächslenker. Als Dresen vom glücklicherweise einsetzenden Schneefall beim Dreh zum Krebs-Drama „Halt auf freier Strecke“ (2011) erzählt, dichtet Schütt: „Wenn er mit Schnee kommt, tut der Winter, was einzig er kann: die Welt verändern mit einem Schlag – dem sanftest möglichen Schlag.“ Ein Zitat? Wir googeln. Und siehe da: Schütt schrieb das schon einmal im Dezember 2009 im Feuilleton des Neuen Deutschland. Im Buch stimmt Dresen nun ein: „Wenn sehr viel Schnee fällt, dann ist es, als drücke eine große Fülle auf die Leere der Welt.“ So stand auch das damals schon in Schütts Zeitungsartikel. Ein irritierender Fund.

Einige Stichproben liefern noch weitere prunkvolle Formulierungen, die im Buch von Dresen gesagt und erstaunlicherweise bereits in früheren Artikeln von Schütt geschrieben wurden. Aber wer will kleinlich sein? Sind diese Preziosen nicht viel zu schade, um nur einmal benutzt zu werden, aus wessen Feder auch immer sie stammen? Die Autor-Persona wird ja womöglich ohnehin überschätzt. Und letztlich ist auch ein freundliches, kluges Interview-Buch ein Werk, das seine Schöpfer getrost hinter sich lassen darf.

Hans-Dieter Schütt: Andreas Dresen. Glücks Spiel. Porträt eines Regisseurs. be.bra verlag, 304 Seiten, 22 Euro.

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