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Von Porsche-Fans und radikalen Radlern

Im Theaterstück „Asphalt“ der Bürgerbühne Dresden dreht sich alles ums Autofahren. Sogar das Publikum sitzt am Steuer.

Darstellerin Maike von Harten wird für „Asphalt“ zur Baggerfahrerin.
Darstellerin Maike von Harten wird für „Asphalt“ zur Baggerfahrerin. © Sebastian Hoppe

Von Hannah Küppers

Von Klimaschützern wird es verteufelt, bei jungen Leuten verliert es an Relevanz, und doch verbringt jeder Deutsche pro Jahr wohl durchschnittlich 60 Stunden darin: Autos sind nicht einfach nur Transportmittel, sie erzählen Geschichten. Von Urlaubsfahrten und ungeplanten Übernachtungen auf der Rückbank, im schlimmsten Fall von lebensverändernden Unfällen. Der Regisseur des Theaterstücks „Asphalt“ hat nicht mal selber einen Führerschein. Aber Tobias Rausch fasziniert, wie wichtig das Auto für viele Menschen ist. Deshalb wollte er dieser Verbindung von Blechkasten und Mensch nachgehen. Daraus ist „Asphalt“ geworden, eine Inszenierung mit der Dresdner Bürgerbühne. Sie zeigt, wie vermeintlich kleine Dinge, die Erfindung der asphaltierten Straße, unsere ganze Welt verändert haben.

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Bei der Uraufführung am Sonntagabend rollt plötzlich eine lange Autokarawane auf den Dresdner Neumarkt. Ein alter Trabi, ein schicker Audi, ein Auto voller Duftbäume, das andere voller aufblasbarer Schwimm-Tiere. Dazwischen eine Baggerfahrerin, ein Abschleppwagen und ein sportlicher Fahrradfahrer. Der Verkehr stockt, die Fahrzeuge kommen zum Stehen – Stau. Tagelanger, wochenlanger, monatelanger Stau. Die Menschen sind wütend, sie haben Durst, ihre Handy-Akkus leeren sich. Eine Braut im weißen Kleid sollte eigentlich in ihren Flitterwochen sein, eine Mutter mit Kindern ist auf dem Weg in den Urlaub.

Plötzlich steigen alle aus und entdecken das Leben neu

Damit das Erlebnis authentisch ist, sitzt auch das Publikum in Autos. Jeder Zuschauer und jede Zuschauerin darf es sich in einem der VWs oder Audis bequem machen, die in einem Kreis auf dem Neumarkt angeordnet sind. Auf einer kleinen Bühne in der Mitte steht der Erzähler, der Erfinder des Asphalts, Docteur „Gourdon“. Tatsächlich wurde wohl der Schweizer Arzt Ernest Guglielminetti mit diesem Beinamen getauft, dem französischen Wort für Teer, nachdem er 1902 die erste Straße asphaltierte. Er sollte damit auf Wunsch des Fürsten von Monaco den Staub bekämpfen, den die Autos auf den Straßen aufwirbelten und die Menschen ununterbrochen einatmeten.

Docteur Gourdon, auf einen Gehstock gestützt, erzählt seiner Frau Trinchen das Märchen vom wochenlangen Stau: wie die Menschen ungeduldig werden, wie sie verzweifeln, fast verdursten, plötzlich alle aussteigen und das Leben neu entdecken, ihre Autos vergessen und nach Wasser buddeln. Währenddessen umrunden die Darstellerinnen und Darsteller das Publikum in ihren Fahrzeugen.

Die erotische Beziehung zwischen Fahrer und Gefährt

Nur wenige Meter kommen sie voran, dann stockt der Verkehr wieder, sie verkabeln sich mit den Publikums-Wagen und erzählen von ihren Erfahrungen. Reisen mit Mitfahrgelegenheiten, aus denen Ehen entstanden. Eine alleinerziehende Mutter über die Aggression der Männer im Straßenverkehr. Ein älterer Herr über die erotische Beziehung zwischen Fahrer und Gefährt. Der Fahrradfahrer berichtet von seinem brutalen Zusammenstoß mit einem Rechtsabbieger. Wichtige Momente oder grundlegende Veränderungen im Leben, die irgendwie mit dem Blechkasten verknüpft sind.

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Die Bürgerbühne wagt ein Stück, das Autos nicht verteufelt. Vielmehr fragt es danach, warum sich so wenige davon trennen wollen. Wahrscheinlich kann das jedem ein Lächeln abringen, der sich an eigene Erfahrungen im Straßenverkehr erinnert fühlt. Sei er oder sie nun Auto-Fanatiker, Porsche-Fan oder radikaler Radler.

Weitere Aufführungen am 22. und 23. September und vom 16. bis 19. Oktober um 19 Uhr auf dem Neumarkt.

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