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Bandoneon und Gülleorgel: Stelzenfestspiele locken Fans in die Provinz

Die Ära der Landmaschinensinfonien in Stelzen bei Reuth ist Geschichte. Doch die Tonkünstler sprudeln weiter vor Ideen. Nun steht ein Instrument im Fokus, das von Sachsen aus einen Siegeszug um die Welt antrat.

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Musiker Erwin Stache probt an einer Drillmaschine.
Musiker Erwin Stache probt an einer Drillmaschine. © Bodo Schackow/dpa

Stelzen. Das Kult-Festival Stelzenfestspiele bei Reuth im Vogtland setzt auch nach dem Abgesang der Landmaschinensinfonie auf Experimentierfreude und Klangvielfalt. Zur Auftakt des Festivals mit dem Schwerpunkt Musik gibt an diesem Freitag (28. Juni) ein Instrument den Ton an, das einst im nahen Erzgebirge das Licht der Musikwelt erblickte und von hier aus einen Siegeszug um die ganze Welt antrat: das Bandoneon.

In der Festspielscheune auf dem Grünen Hügel von Stelzen soll es nun mit bewährten Stelzen-Instrumenten wie Melkspinne und Gülleorgel - ein mit Gülleschleuchen angeblasenes Pfeifenwerk - harmonieren. Im Eröffnungskonzert der 31. Festspiele erklingt zudem ein Werk von Benjamin Stache mit dem vielversprechenden Titel "Sinfoniata Elektropneumata".

2023 war die beliebte Klangperformance "Landmaschinensinfonie" zum letzten Mal erklungen. Festivalchef Henry Schneider wollte nach drei Jahrzehnten neue Wege gehen, hält aber an Klassikern fest. Denn neben dem Dorffest, für das die Frauen von Stelzen jedes Jahr riesige Mengen an Kuchen backen, und dem Fußballspiel FC Traktor Stelzen gegen eine Auswahl des Leipziger Gewandhausorchesters gibt es auch das sonntägliche Kirchenkonzert und das Abschlusskonzert wie bisher. Der Auftritt in der Dorfkirche trägt den Titel "Zwischen Frühstück und erster Bratwurst" und bringt Kammermusik von Bach, Brahms und anderen zu Gehör. Für das Finale sorgt am Sonntagabend die Bayerische Kammerphilharmonie. Ausstellungen und ein Tango-Kurs sind gleichfalls im Angebot.

Für das Festival reisen auch in diesem Jahr wieder Künstlerinnen und Künstler aus dem Ausland an, darunter aus Argentinien, Estland und Südafrika. Dem Land am Kap der Guten Hoffnung bleibt der Samstagabend vorbehalten. Dann wird das Stück "Moments in a Life" aufgeführt, das dem südafrikanischen Bürgerrechtler Denis Goldberg (1933-2020) gewidmet ist. Mit Nelson Mandela und anderen wurde er nach seiner Verhaftung 1963 zu lebenslanger Haft verurteilt und saß 22 Jahre lang im Hochsicherheitsgefängnis in Pretoria ein. "Moments in a Life" - 2016 von Matthijs van Dijk komponiert und mit Goldberg als Sprecher uraufgeführt - erzählt mit Musik und Text von seinem Leben. Danach lädt die Jugendjazzband der Kronendal Music Academy aus Kapstadt zur Jam-Session.

Der frühere Gewandhaus-Bratscher Schneider hatte das Festival 1993 in seinem Heimatdorf gegründet. Stelzen befindet sich im Dreiländereck von Bayern, Sachsen und Thüringen. Der Name der Stelzenfestspiele bei Reuth spielt auf die Ähnlichkeiten mit den Bayreuther Festspielen an. Das dortige Festspielhaus ist hier eine Festspielscheune. Musiziert wird auch in Stelzen auf einem Hügel mit einem eigenen Festspielorchester. Mit originellen Programmen wurde Stelzen rasch schnell zu einem überregional bekannten Spektakel. Selbst Medien aus dem Ausland berichteten vom musischen Treiben in der sächsischen-thüringischen Provinz. In manchen Jahren pilgerten mehrere Tausend Fans in das Dorf und ließen die Bevölkerung um eine Vielfaches steigen. Denn sonst leben in Stelzen nur etwa 200 Einwohner. (dpa)