merken
PLUS Feuilleton

Wahnsinn vor den Schostakowitsch-Tagen

Die Sächsische Staatskapelle und Geiger Leonidas Kavakos entfesseln in Dresden Schostakowitschs Wucht.

Der Geiger Leonidas Kavakos beim Konzert im Kulturpalast.
Der Geiger Leonidas Kavakos beim Konzert im Kulturpalast. © Copyright by Matthias Creutziger

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Allzu oft hat die Staatskapelle Dresden noch nicht im Kulturpalast gespielt. Doch es war jedes Mal ein Ereignis. Am Mittwoch gab sie hier ein Sonderkonzert vor den Schostakowitsch-Tagen. Auch diesmal geriet das Publikum in Verzückung.Mit Dirigent Vladimir Jurowski, der einen starken Draht zur Kapelle hat, und Solist Leonidas Kavakos, der ebenfalls schon öfter zu Gast war, galt es zunächst, Schostakowitschs Violinkonzert op. 77 zu schultern. Das Werk, nicht nur wegen der vier scharf kontrastierenden Sätze von sinfonischem Zuschnitt, schmorte sieben Jahre in der Ablage, weil sich der vielfache Stalinpreisträger, der sich mit der Macht durchaus zu arrangieren wusste, in der 1948 entfachten Formalismus-Debatte nicht entblößen wollte. So wurde das Konzert erst 1955, nach Stalins Tod, uraufgeführt. Wer die Leningrader Aufnahme aus dem Folgejahr mit Solist David Oistrach kennt, dem das Opus gewidmet war, der ahnt, wie ein außer Kontrolle geratendes Feuerwerk klingt. Niemals wieder wurde das so aberwitzig schnell gespielt, und jetzt auch der Grieche an der Geige und die Kapelle nahmen sich spürbar mehr Zeit – aber nur für die Sätze eins und drei.

Anzeige
Jetzt Studienplatz sichern!
Jetzt Studienplatz sichern!

Die beste Zeit für Studieninteressierte sich einen Studienplatz an der Hochschule Zittau/Görlitz zu sichern ist jetzt!

Dunkel wehten im Nocturne die Klangbahnen der Bässe. Darüber stimmte Kavakos sein Nachtlied an, in das Celesta und Harfen Traumtränen tropfen ließen. Im mit Schwierigkeiten gespickten Überschall-Scherzo stemmte sich das Orchester ruckelnd, stolpernd, schwankend unter des Geigers Solohatz. Es entspann sich eine diabolische Motorik, als drehte der Sensenmann auf einer Jupiter-5 im Kreisverkehr Runde um Runde, um letztlich ungebremst zur Hölle heimzufahren. Extrem spannend auch die Solokadenz zwischen Passacaglia und finaler Burleske. Russische Kirmes dann: Die Fagottdogge bellte den Oboendackel nieder, Klarinettenkatzen greinten. Das Pfeifen der Nager aber war nicht von Dauer. Der Zaubergeiger fiedelte sie, ohne die Stradivari zu schonen, in den Rattenwahnsinn. Danach explodierte der Beifall. Bravos, Fußgetrampel, Ovationen. Das Publikum spürt genau, wenn jemand die Wucht und den Witz Schostakowitschs zu entfesseln vermag.

Im Anschluss dirigierte Jurowski den „Feuervogel“, Strawinskys 19-teilige Ballettmusik von 1909. Wir haben dies Prachtwerk gewiss schon filigraner und transparenter gehört, aber das war hier nicht der Plan. Die Kapelle malte Breitwandbilder, vor denen der orientalisch bunte Flammenvogel sich die magische Feder ausriss, um die Monster und ihren düsteren Herrn zu bannen. Das hatte in der Kakofonie von Part zwölf etwas Infernalisches, und es war zum Schmachten schön, als Fagottist Philipp Zeller das Wiegenlied anstimmte. Starker Applaus für eine klanggewaltige, partiell überwältigende Interpretation.

Mehr zum Thema Feuilleton