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Warum die Coronakrise den Frauen schadet

Die Soziologin Jutta Allmendinger fordert mehr Geschlechtergerechtigkeit. Ein Gespräch über ostdeutsche Modelle und falsche Rechenmuster.

Jutta Allmendinger, 64, ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.
Jutta Allmendinger, 64, ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. © dpa PA/Doris Spiekermann-Klaas

Als Sie in einer Talkshow prophezeiten, durch die Coronakrise würden Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung um Jahrzehnte zurückgeworfen, dachte ich: Aber nicht mit uns! Warum glauben Sie, dass Frauen sich den Rückschritt gefallen lassen?

Was heißt gefallen lassen? Vor allem Mütter haben gar keine andere Wahl. Sie haben keine Zauberformel gegen das Virus zur Hand, sie können ihre Kinder nicht einfach unbetreut zu Hause lassen, und sie sind – zumindest im Westen des Landes – in der Regel halbtags beschäftigt, während der Mann ganztags arbeitet. Das lässt sich während der Krise schwer ändern. Das hätten wir vorher tun müssen. Wir hätten zum Beispiel das ostdeutsche Modell der vollzeiterwerbstätigen Frau mit Ganztagsschulen und guter Betreuung der Kinder nicht einfach zugunsten des westdeutschen Modells beiseitelegen dürfen.

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Was gefällt Ihnen am ostdeutschen Modell?

Die Arbeits- und Sozialminister in Deutschland betonen immer wieder: Die Lebensleistung zeigt sich in den Altersrenten. Wenn man danach geht, haben Frauen und Männer in den neuen Bundesländern gleich viel geleistet, denn es zeigen sich kaum Unterschiede in den Altersrenten, in den alten Bundesländern aber haben Frauen viel weniger als Männer geleistet, ihre Altersrenten liegen bei nur etwa 60 Prozent der Männer.

Sind ostdeutsche Frauen durch ihren Gleichstellungsvorsprung besser davor gefeit, in alte Muster zurückzufallen?

Meine ostdeutschen Freundinnen und die Studierenden würden die Vermutung bestätigen. Auch ostdeutsche Männer antworten bei Befragungen nach ihrem Verständnis von Frauenleben, dass für Frauen die Vollerwerbstätigkeit wichtig ist, flankiert von guter Kinderbetreuung.

Sie beschreiben Ihren Berufsweg als „blitzeblank männlich oder ostdeutsch“ – wie kommen Sie zu dieser Gleichsetzung?

Das ostdeutsche Normmodell, das wissen Sie besser als ich, war die ununterbrochene Erwerbstätigkeit. Während Frauen im Osten durch öffentlich getragene Ganztagsschulen und Kindergärten entlastet wurden, musste ich mir die Entlastung einkaufen. Ich habe eine Kinderfrau angestellt – in Bremen gab es in den 90er-Jahren eine einzige Einrichtung für Kinder unter drei –, und das war durchaus kostspielig. Ich brauchte also erst mal viel Geld, um mir ein Kind und eine Vollzeiterwerbstätigkeit leisten zu können. Dadurch habe ich mir die Unabhängigkeit von Partnern erwirtschaftet. Das ist, in meinem Buch beschreibe ich das immer wieder, eine sehr privilegierte Position. Viele Frauen müssen Vollzeit arbeiten, da es sonst zum Leben nicht reicht. Die Kinder laufen dann oft unbetreut nebenher.

Bringt zufriedenstellende Arbeit, neben finanzieller Unabhängigkeit, nicht auch Bestätigung und mehr Horizont?

Unbedingt. Arbeit ermöglicht Kontakte, Selbstentfaltung, andere Sichtweisen, Gemeinsamkeit. Das muss sich man sich immer wieder klarmachen. Bevor man also lange die Erwerbsarbeit unterbricht oder stark reduziert, sollte man sich fragen: Wo will ich eigentlich sein, wenn mein Kind erwachsen ist? Was will ich dann tun und sein? Diese Frage war für mich immer wichtig. Bei der Suche nach der Antwort hat mir der Unterschied zwischen meiner Großmutter und meiner Mutter geholfen. Meine Großmutter war ihr Leben lang berufstätig im eigenen Laden. Meine Mutter widmete ihr Dasein ganz der Familie. Als sie 45 war, starb mein Vater, und sie hatte nichts. So wollte ich nicht dastehen.

Sie kämpfen schon lange dafür, dass es Frauen nicht so geht wie Ihrer Mutter. Veränderung, schreiben Sie, gibt es nur gemeinsam mit Wirtschaft, Politik, Partnern. Warum klappt es nicht?

Das Ganze ähnelt den Dominosteinchen, die einander beim Umfallen verstärken. Solange Männer Vollzeit arbeiten, kann ich der Wirtschaft keinen Vorwurf machen, dass sie auf eine Präsenzkultur setzt. Ebenso wenig kann ich Frauen einen Vorwurf machen, dass sie sich von Ehegattensplitting, Mitversicherung und dem meist höheren Verdienst ihrer Partner angehalten sehen, das Hier und Jetzt zu maximieren und nicht daran denken, wo sie in zehn Jahren stehen. Deshalb brauchen wir neue Strukturen in allen Bereichen. Zuerst müssten wir die Grundarbeitszeit ändern. Nicht dahingehend, dass Frauen so viel arbeiten wie Männer, sondern beide 32 oder 33 Stunden die Woche, über die Lebensarbeitszeit gerechnet. Neben der bezahlten Arbeit müsste die unbezahlte mitgedacht werden.

Soll der Staat die unbezahlte familiäre Sorgearbeit vergüten, wie es Feministinnen in den 70ern forderten?

Es ist für mich keine Lösung, das ganze Leben kapitalistisch zu verwerten. Dann würde ich auch ein Ehrenamt nur übernehmen, wenn es einen Lohn dafür gibt. Das ist nicht meine Vorstellung. Meine Vorstellung ist, dass sich Männer und Frauen die bezahlte und die unbezahlte Arbeit in gleichen Teilen aufteilen. Dies entspricht im Übrigen auch den Wünschen der jungen Menschen, bevor sie Kinder bekommen. Wenn die Kinder dann da sind, sieht das ganz anders aus. Männer arbeiten mehr als Vollzeit, Frauen gehen auf Teilzeit. Fragt man ältere Männer, was sie ihren Söhnen wünschen, heißt die Antwort oft: das eigene Kind aufwachsen sehen.

Dann ist Homeoffice während der Coronakrise eine Chance für Männer? Tatsächlich leisten sie ja viel mehr zu Hause als vorher.

Wir stellen fest, dass Männer in der Coronakrise mehr Zeit für Haushalt und Kinder verwenden als vorher. Aber, und das sage ich durchaus kritisch an meine eigene Profession: Unsere Rechenparameter stimmen nicht. Zum einen leisten Frauen schon immer mehr, sie können jetzt zu ihrer unbezahlten Arbeit und ihrer Erwerbstätigkeit nicht noch mehr draufpacken, ohne die Stunden einzuschränken, die für den Schlaf vorgesehen sind. Männer sind davon weit entfernt! Es geht also um Grenzlasten. Zum anderen messen wir falsch. Wir versuchen, Verantwortung in Stunden und Minuten zu quantifizieren. Meine Mitarbeiterinnen, die zwei oder drei Kinder haben und morgens oft etwas verhuscht aussehen, erzählen, wie sie nachts im Kopf den nächsten Tag organisieren, wer die Kinder betreut, wer was einkauft oder kocht. Das, was wir Mental Load nennen, psychische Belastung, das lässt sich in Zahlen überhaupt nicht darstellen. In der Empirie sehe ich sehr, sehr wenige Männer, die in der Coronakrise voll verantwortlich für ihre Familie da sind und nicht nur unterstützend.

Es ist eher entlarvend, wenn der Mann sagt, dass er gern hilft?

Nein. Wir sollten die Männer beim Wort nehmen. Und fragen, was Hilfe heißt. Der Gang zum Markt oder Spielplatz macht oft Spaß, man kommt unter Leute. Aber zu überlegen, was man braucht, ist die eigentliche Leistung.

„Frauen sollten sich nicht verbiegen“, das ist für mich ein zentraler Satz Ihres Buches. Warum neigen wir dazu, wie Männer reagieren zu wollen?

Stereotype haben eine starke Wirkung. Ich ertappe mich dabei, dass ich eine Sache nicht ablehnen will, weil es dann hieße: Das ist mal wieder typisch Frau. Aber wenn ich sie annehme, ist es nicht typisch Allmendinger.

Als Berufsanfängerin habe ich mein Frau-Sein eher verborgen, weil ich wegen meiner Leistung anerkannt werden wollte. Jetzt spielt das Geschlecht plötzlich eine Rolle. Ist das nicht auch ein Rückfall in alte Muster?

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Ich bin mir nicht sicher, ob der Ansatz überhaupt stimmt. Sie können ja Ihr Geschlecht nicht verheimlichen. Sie treten immer als Frau auf, und insofern werden Sie immer auf entsprechende Stereotypisierungen treffen. Wir wissen ja nicht, wie wir als Mann wären, sind ja kein doppeltes Lottchen. Ich wollte immer gern eines sein, mal Mann und mal Frau, dann hätte ich vergleichen können. Das können wir nun mal nicht. Wenn Sie auf die Quote abheben: Frauen müssen ja, um überhaupt quotiert zu werden, erst auf einer bestimmten Ebene angekommen sein. Der Weg ist oft das Schwierigere, da zeigen sie ihre Leistungen. Und solange diese Leistung nicht gesehen wird, brauchen wir eben Quotierungen.

Das Gespräch führte Karin Großmann.

Buchtipp: Jutta Allmendinger: Es geht nur gemeinsam! Ullstein Taschenbuch, 144 Seiten, 12 Euro

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