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Beim Gendern platzt vielen der Kragen

Fairness, Knacklaut und viel Frust: Fünf Gründe, warum uns die Debatte über Gender-Sprache so aufregt.

Gendersternchen regen viele Menschen auf - warum?
Gendersternchen regen viele Menschen auf - warum? © Sebastian Gollnow/dpa

Wer sich öffentlich zur Gendersprache äußert, lebt gefährlich. Jedes Pro wird genauso beschimpft wie jedes Kontra, und manchmal steigern sich die Angriffe bis zur Beleidigung mit juristischen Folgen. Wehe, wer geschlechtergerechte Formulierungen nicht nur herbeiwünscht, sondern sie sogar benutzt. Wenn von SportlerInnen die Rede und Schreibe ist, verlässt viele der Sportsgeist. Dann schwappen die Wellen der Erregung hoch. Warum ist das so?

Grund eins: Wir fühlen uns überfordert

Als hätten wir nicht genug zu tun mit dem abgestuften Stufenplan zur Öffnung der Schwimmbäder; jedenfalls soll die Inzidenzzahl, geteilt durchs Alter des Bademeisters, die Wassertemperatur nicht übersteigen. Oder war´s umgedreht? In dieser Situation wollen wir uns nicht auch noch mit den Tücken des generischen Maskulinums herumschlagen. Im Lehrerzimmer sitzen nicht nur Männer, das haben wir uns schon gedacht. In der Leichenhalle liegen ja auch nicht nur Frauen. Der Lehrer, die Leiche. Generisches Femininum? Aha. Plötzlich erscheint die Sprache, die wir seit immer benutzen, ein kompliziertes grammatisches Phänomen zu sein. Wer die eigene Schulzeit schon eine Weile hinter sich hat und auch keine Hausaufgaben behüten muss, hat die Regeln verinnerlicht und vergessen. Und jetzt geht das wieder los mit Pronomen und Genitiv? Noch mal Deutschunterricht 4. Klasse? Da müssen wir durch? Da wollen wir nicht durch. Da dürfen wir uns überfordert fühlen. Die Folge: Hilflosigkeit. Die Folge: Aggression. Selbst brave Bürger fallen nun aus der Rolle.

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Aber: Es ist wie sonst im Leben. Wer die Gebrauchsanleitung liest, hat Chancen, dass beim Zusammenbauen des Fernsehtisches die Füße nach unten kommen. Sprachwissenschaft besteht aus zwei Teilen. Wissenschaft ist der zweite Teil, und wer ernsthaft mitreden will, muss sich ernsthaft damit auseinandersetzen. Das braucht Zeit und guten Willen wie in der 4. Klasse.

Grund zwei: Wir fühlen uns reglementiert

Und zwar von oben. Das hatten wir schon. Das macht uns misstrauisch. Erst wurde uns die Gurtpflicht im Auto vorgeschrieben, dann das Rauchverbot in der Öffentlichkeit, und nun das Gendern im Deutschen und eine doppelte Dudenerklärung. Nach der allgemeinen Berufsbeschreibung für den Arzt kommt dasselbe noch mal für die Ärztin. Allerdings nur in der Online-Ausgabe. Was sollen wir davon halten? So wichtig, dass man sie drucken muss, ist die Gleichbehandlung auch wieder nicht? Alles nur Alibi? Schon damals hätten wir gerne mitgeredet und abgestimmt, wir wären gern gefragt worden, hätten unsere Erfahrungen eingebracht als Fußgänger und Nichtraucher. Denn immerhin handelt es sich um Eingriffe in die Intimsphäre. Das gilt für die Sprache erst recht. Wir wollen uns nicht beim Plaudern am Küchentisch von beckmesserischen Behörden zensieren lassen.

Aber: Die Damen und Herren Beckmesser werden sich nicht dafür interessieren, wie uns der Schnabel wächst. Im Unterschied zu Frankreich betreibt Deutschland keine Sprachpolitik. Der Staat schert sich nicht um Punkt, Komma, Strich, und mitbestimmungspflichtig ist die Grammatik auch nicht. Trotzdem wird es ohne Regeln kaum funktionieren. Sie kommen vom Rat für deutsche Rechtschreibung. Bis er sich nur zu einer Meinung durchringt, vergehen Jahre. Dann macht er Vorschläge für Bücher wie den Duden. Schulen brauchen ein Regelwerk. Sprachpolizei spielt niemand.

Grund drei: Wir fühlen uns durch Neuerungen gestört

Es kann ja sein, dass Linguisten seit Jahrzehnten über die sprachliche Diskriminierung von Frauen und Minderheiten streiten: Für uns sind die Gendersternschnuppen neu, und sie sind uns schnuppe. Wir wollen uns nicht umgewöhnen. Nun nicht erst noch. Kann nicht bitte alles so bleiben, wie´s war? Die Spielregeln haben sich doch seit dem sechsten Jahrhundert bewährt. Wenn sich drum herum in der Gesellschaft alles radikal ändert, brauchen Menschen eine Konstante! Jetzt schrecken wir jedes Mal zusammen, wenn eine Nachrichtensprecherin gluckst beim Wort Bürgerinnen. Denn sie sagt ja nicht Bürgerinnen, sondern setzt ab vorm i und fängt neu an. Angeblich heißt das Mikropause. Knacklaut. Glottisschlag. Nein, Glottis ist nicht die Göttin des Glatteises. Es hat irgendwas mit Kehlkopf zu tun und Stimmritze. Wir wussten nicht, dass wir das in uns besitzen und möchten auch nicht darüber nachdenken müssen. Mit dem Knack schaffen Behörden und Sender Tatsachen.

Aber: Den Knack gibt es seit Ewigkeiten, zum Beispiel in Wörtern wie Hebamme und Spiegelei, sonst würde man den Unterschied zwischen beinhalten und be-inhalten nicht merken. Es ist uns nur nicht aufgefallen. Jetzt fällt es auf. Eine bessere Idee hat noch niemand, um sprachliche Unterschiede hörbar zu machen. Denkbar, dass man sich daran gewöhnt wie an den Schundmutz, pardon, den Mundschutz. Ungern, aber doch. Das dauert, hat mit Einsicht zu tun, darin sind wir erfahren.

Grund vier: Wir fühlen uns ertappt

Das sagen wir aber nicht weiter. Denn es ist ein unangenehmes Gefühl. Tatsächlich haben wir uns für toleranter gehalten. Wir dachten, wir seien in Theorie und Praxis aufgeschlossen für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Als Frauen haben wir manchen Nagel in Wände versenkt und als Männer manchen Sonntagvormittag auf dem Sandkastenrand des Spielplatzes zugebracht. Nun fragen wir uns: Können wir es nicht dabei belassen? Müssen wir ständig und überall in jedem zweiten Satz auf Geschlechtsunterschiede verwiesen werden? Was ist denn daran so wichtig? Beklagen sich Frauen nicht dauernd darüber, dass sie auf ihr Frausein reduziert werden – und jetzt verlangen sie eben das? Können wir uns nicht einfach als Menschen verstehen?

Aber: Genau darum geht es, um ein bisschen mehr Fairness und etwas mehr Sensibilität für den anderen. Denn alle sind gleich viel wert. Höfliche Menschen drängeln nicht vor, wenn im Supermarkt eine weitere Kasse öffnet. Die besonders höflichen lassen sogar Frauen den Vortritt, doch, das passiert. Sprache kann solche Verhältnisse widerspiegeln, wenn sie will. Jetzt will sie.

Grund fünf: Wir fühlen uns genervt

Da wird an der Sprache herumgemodelt, als hätten wir nicht vor zwanzig Jahren die albtraumhafte Erfahrung mit der Rechtschreibreform gemacht. Eine Übergangsfrist folgte der nächsten, neue Schreibweisen wurden Stück für Stück wieder einkassiert und Freundschaften für immer zerstört beim Streit über Gämse und Gemse. Seitdem gibt es Regeln zum Raussuchen. Kann, aber muss nicht. Die Verunsicherung erwischte selbst Profischreiber, und das mit anhaltender Wirkung. Der oder das Kuddelmuddel, also das Durcheinander, sollte uns eine Lehre sein. Der Dichter Durs Grünbein nannte die Rechtschreibreform einen Inzest. Daran erinnern wir uns. Man vergreift sich nicht an der Mutter, sagte er, man spielt nicht mit dem Körper, der einen gezeugt hat. Da können wir mitreden, bei Sprache können wir überhaupt mitreden und unseren Frust ablassen.

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