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Integration: Warum sie Zuwandererinnen leichter fällt als ihren Männern

Viele Familien von afghanischen Ortskräften kommen nach Sachsen. Die Leipziger Politologin Fatemeh Hippler forscht über deren kulturelle Anpassung.

Von Oliver Reinhard
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"Nicht jede Frau hat den Mut, ihre Rechte gegenüber ihren Männern auch wahrzunehmen geschweige denn sich zu emanzipieren", sagt Fatemeh Hippler.
"Nicht jede Frau hat den Mut, ihre Rechte gegenüber ihren Männern auch wahrzunehmen geschweige denn sich zu emanzipieren", sagt Fatemeh Hippler. © Hannah Arendt Institut

Fatemeh Hippler wurde 1982 im Iran geboren, studierte dort Journalismus und Kulturwissenschaft, ging 2011 nach Deutschland und promovierte an der Uni Augsburg in Politikwissenschaft. Sie arbeitet am Dresdner Hannah-Arndt-Institut und veranstaltet zusammen mit ihrer Kollegin Francesca Weil am 8. und 9. Mai den Workshop „Akkulturationsprozesse nach Deutschland geflüchteter afghanischer Frauen“. Wir sprachen mit Frau Hippler über die großen Unterschiede zwischen Zuwandererinnen, über deren Emanzipation in Deutschland und darüber, dass ihre Männer damit oft Probleme haben.

Frau Dr. Hippler, Sie arbeiten an einer Studie über Akkulturation afghanischer und iranischer Frauen in Deutschland, also über deren kulturelle Anpassungsleistung. Jetzt organisieren Sie an der TU Dresden einen Workshop dazu. Wie kamen Sie auf das Thema?

Wenn wir hier über afghanische Frauen reden, geht es immer nur um Burka und Unterdrückung. Dabei gibt es so viele unterschiedlichen Potenziale! Ich bin 2011 nach Deutschland gekommen, um zu promovieren. Ich habe mich seit 2016 in der Flüchtlingshilfe als Sprachmittlerin engagiert, um zu verstehen, welche Bedürfnisse die Frauen haben. Dann war ich zweieinhalb Jahre beruflich in Pakistan, habe im Bereich der nachhaltigen Entwicklung gearbeitet und dabei intensiv mit afghanischen Frauen zu tun gehabt, von denen ja sehr viele im pakistanischen und noch mehr im iranischen Exil leben. Meine Studie über die Akkulturation afghanischer Frauen in Deutschland ist in der Vorbereitung, und gerade der Gender-Aspekt von Migration und kultureller Anpassung war für mich immer sehr reizvoll.

Sie selbst stammen aus dem Iran.

Deshalb habe ich viele Vergleichsmöglichkeiten zwischen afghanischen und iranischen Frauen. Meine wichtigsten Erkenntnisfragen sind: Wie passen sie sich kulturell an die Aufnahmegesellschaft an? Denn woher die Frauen kommen, beeinflusst ihre Fähigkeiten zur Akkulturation. Und da gibt es große Unterschiede zwischen den Frauen aus Iran und aus Afghanistan. Das schlägt sich auch in deren Sichtbarkeit in Deutschland nieder.

Inwiefern?

Akkulturation ist ein Prozess, in dem Migranten sich sozial, psychologisch und kulturell verändern, wenn sie in einem neuen Land sind und eine neue Kultur erleben. Es bedeutet, dass sie Wissen, Werte, Normen, Institutionen, Fähigkeiten, Techniken, Gewohnheiten und die Sprache der Aufnahmekultur übernehmen. Die afghanischen Migrantinnen zeigen hohe Potenziale für Akkulturation.

Welche wären das?

Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich zwar erste Erkenntnisse habe, die ich aber noch viel stärker durch weitere Forschungen vertiefen muss. Nach dem, was ich bisher sagen kann, ist es natürlich ein sehr großer Unterschied, ob die Frauen vom Land in Afghanistan kommen oder aus der Stadt. Die Städterinnen sind vielfach gebildet, auf dem Land sieht das ganz anders aus. Entsprechend sind deren Fähigkeiten zur Akkulturation ausgebildet. Akkulturation funktioniert über Sprache, Netzwerke, Arbeit und Nachbarschaft. Und daran, wie sich die Frauen integrieren in diesem Kontext, sehe ich, dass die afghanischen Frauen aus dem Iran schneller und kompetenter sind als die Frauen, die aus Afghanistan migrieren. Die größten Unterschiede bestehen zwischen Afghaninnen vom Land und Frauen aus iranischen Städten.

Woher rührt dieser Unterschied zwischen Afghaninnen und Iranerinnen?

Das kann ich noch nicht empirisch belegen, aber meine Arbeitshypothese ist: Im Iran herrscht zwar ein religiöses Unterdrückungssystem, unter dem Frauen massiv leiden. Aber gerade deshalb ist die Frauenbewegung auch sehr stark, und sie sind im Iran grundsätzlich freier, moderner, liberaler und feministischer.

Aus welchen Gründen?

Weil der Iran wesentlich weiter entwickelt ist als Afghanistan. Das betrifft die Kultur, die Bildung, was beides in der iranischen Gesellschaft sehr wichtig ist. Die Alphabetisierung ist dort wesentlich weiter fortgeschritten als in Afghanistan. Auch die Organisation des öffentlichen Lebens bis hinein in die Bürokratie funktioniert deutlich besser. Deswegen können sich Menschen aus dem Iran in Deutschland auch wesentlich schneller und mit weniger Problemen zurechtfinden als Menschen aus Afghanistan

Warum diese Unterschiede trotz Unterdrückung?

Der Islamismus hat in den islamischen Ländern sehr unterschiedliche Ausprägungen. Auch der Islamismus in Afghanistan unterscheidet sich sehr von dem im Iran. Dort ist der Islamismus Ende der Siebziger an die Macht gekommen, als modernes Gedankengut und Liberalismus längst in der Gesellschaft verankert waren und trotz allem nie wieder aus ihr verschwunden sind. Das Konzept des modern organisierten Staates hatte bereits sehr gut funktioniert. In Afghanistan hingegen hat der Staat kaum funktioniert, die Moderne und liberales Gedankengut haben sich niemals durchsetzen können. Auch in den 20 Jahren der Vertreibung der Taliban und der westlichen Hilfe ist das nicht wirklich gelungen.

Was immer wieder auffällt: Frauen meistern den kulturellen Anpassungsprozess in Deutschland häufig besser als Männer. Können Sie das bestätigen?

Ja, Frauen passen sich kulturell schneller und besser an als Männer. Das ist aber eine allgemeine Erkenntnis, die sich nicht nur auf Frauen aus Afghanistan und Iran beschränkt. Dass Frauen generell eine größere Akkulturationsfähigkeit haben, zeigen seit Jahren Migrationsforschungen auf der ganzen Welt, gerade in den traditionellen Einwanderungsländern wie Kanada, USA und Australien.

Wie wirkt sich das konkret in Deutschland aus?

Ich arbeite auch als Migrationsberaterin, ich will zwar nicht generalisieren, aber meine Perspektive über Akkulturation hat sich geändert. Laut meiner Erfahrung wollen diejenigen, die aus dem Iran kommen, nicht lange von Staatshilfe abhängig sein. Sie nehmen ihre Schicksale selber in die Hand, auch und gerade iranische Frauen. Sie lernen die deutsche Sprache schneller, arbeiten sich schneller in die Bürokratie ein und sind die besseren Netzwerker in der einheimischen Nachbarschaft.

Gibt es auch Zusammenhalt unter Afghanen und Iranern in Deutschland?

Aber ja. Im Iran erleben Afghanen Rassismus, hier halten sie aber zusammen, sie sind vielfach befreundet, helfen und besuchen sich gegenseitig. Der Informationsaustausch wichtig, gerade für Frauen, und viele sind völlig verblüfft, wenn sie erfahren, was Frauen für Rechte in Deutschland haben. Vor allem Afghaninnen wussten oft nicht, was für sie hier alles möglich ist. Jedenfalls theoretisch. Aber nicht jede Frau hat den Mut, ihre Rechte gegenüber ihren Männern auch wahrzunehmen geschweige denn sich zu emanzipieren.

Von denen, die es doch tun, haben sich viele Frauen sozusagen durch ihre Selbstständigkeit von den Männern emanzipiert, viele Ehen sind gescheitert. Ist das Risiko unter den Afghaninnen und Afghanen höher?

Es kommt ein bisschen auf die Generationen an. Sehr traditionell orientierte Männer aus Afghanistan, die es gewohnt sind, das alleinige Sagen in der Ehe zu haben, kommen nicht damit klar, wenn ihre Frauen selbstständiger werden und ihnen bald vieles voraushaben. Die meisten von ihnen, aber auch viele Männer aus dem Iran, legen Wert auf die traditionelle Rolle von Frauen, also die Beschränkung auf die Familie und das Zuhause. Aber zumindest im Iran ändert sich das sehr stark. In der jüngeren Generation akzeptieren immer mehr Männer nicht nur aktive emanzipierte moderne Frauen, sie legen sogar Wert darauf. Vielleicht ist auch das ein Zeichen dafür, dass die Diktatur im Iran ihrem Ende entgegengeht

Am 8. Mai um 20 Uhr wird im Dresdner Thalia-Kino der Dokumentarfilm „Nasim“ über eine Afghanin und deren Familie im Geflüchtetenlager Moria gezeigt. Danach gibt es eine Podiumsdiskussion mit der vielfach ausgezeichneten ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf.