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Warum wir wieder mehr Columbo brauchen

Zwischen Klassenkampf und Komik: Vor 50 Jahren lief die erste Folge der Kult-Krimiserie. In der Corona-Zeit wird der kauzige Inspektor neu entdeckt.

Peter Falk (1927 - 2011) alias Inspektor Columbo.
Peter Falk (1927 - 2011) alias Inspektor Columbo. © dpa

Helge Schneider zum Beispiel ist bekennender Columbo-Fan. Der Komiker besitzt alle Folgen auf DVD und hat sich sogar mal einen Peugeot 403 Cabrio aus den Sechzigern gekauft, wie ihn der berühmte Inspektor fährt, verrostet und verbeult. Fernsehen, sagte Schneider mal, interessiere ihn kaum, „nur Columbo“. Man könnte ihn sich auch gut vorstellen in dieser Rolle, mit Trenchcoat und zerknittertem Hemd, immer leicht schrullig und verwirrt, aber dennoch hochintelligent, mit mildem Humor gesegnet.

Als die Krimiserie vor 50 Jahren, am 15. September 1971, erstmals auf Sendung ging, wurde die Figur bald Kult. Meist ermittelt der Inspektor der Mordkommission vom Los Angeles Police Department in der Welt der Reichen und Mächtigen. Manche wollten damals schon eine klassenkämpferische Haltung dahinter erkennen: der proletarisch-bescheidene Polizist gegen das protzig-arrogante Establishment.

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Doch die beiden Columbo-Erfinder, Richard Levinson und William Link, haben dieser Interpretation widersprochen. Der Grund für die kontrastreiche Konstellation sei „eher dramaturgisch als politisch“, erklärten sie. Sie fanden es einfach lustig, den tapsigen Columbo-Darsteller Peter Falk, der 2011 gestorben ist, mit hochmütigen Gegnern zu konfrontieren.

Tatsächlich ergeben sich daraus immer wieder komische Situationen, etwa in Dialogen wie diesem: „Officer, vielleicht sollten Sie diesen Mann festnehmen. Er weigert sich, das Gelände zu verlassen.“ – „Dieser Mann ist Inspektor Columbo, Sir. Er leitet hier die Untersuchungen.“

Der Kauz als Kult

Es bleibt dem Zuschauer unbenommen, eine Portion Gerechtigkeitssinn in die Serie hineinzuinterpretieren, auch wenn die Autoren das nie beabsichtigt haben. Bei genauerer Betrachtung bietet sich aber noch eine andere Deutung an.

In der Gesamtschau aller 69 Folgen zeichnet sich ein interessantes Bild ab: Columbo, so scheint es, verkörpert das Gegenteil einer auf Leistung, Erfolg, Effizienz und Perfektion getrimmten Gesellschaft. Er steht für einen Menschentypus, der in der modernen Welt immer weniger zu suchen hat, den wir aber vielleicht gerade heute mehr denn je benötigen: den Kauz.

Ein Kauz ist ein schnurriger, wunderlicher Mensch, ein Sonderling, ähnlich wie der gleichnamige Vogel. Der Kauz schert sich nicht um Konventionen und Etiketten. Er hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, eben weil er anders ist. Käuze sind manchmal peinlich, oft aber trotzdem sympathisch. Ihr Auftreten ist meist eher leise und zurückhaltend, und doch fallen sie auf, weil sie sich irgendwie schräg verhalten.

Käuze sind Außenseiter, aber keine Versager. So bringen sie die Angepassten zum Nachdenken. Vielleicht mehr als jeder Revolutionär, Punk oder Outlaw. Eine Gesellschaft, die keine Käuze mehr kennt, ist deshalb arm und im Grunde zu bedauern.

Am Ende gewinnt der Gute

Die Bösen, das sind in "Columbo"-Folgen immer die Intelligenten, Smarten, Durchsetzungsfähigen. Der Gute ist immer der Kauz. Und am Ende gewinnt immer der Gute. Es ist auch nicht bloß Columbos Äußeres, der Trenchcoat, das strubbelige Haar, die Billigzigarre, der treudoofe Hund, ein kuhbraun gefleckter Basset. Es ist sein ganzes Verhalten.

Sogar seine Ermittlungsmethoden sind kauzig und treiben seine Kollegen oft zur Verzweiflung. Sie machen es, wie sie es in der Polizeischule gelernt haben: effizientes Dokumentieren und Auswerten von Fakten, Tatortanalyse nach Schema F, technisch perfektionierte Spurensicherung.

Dann tritt Columbo auf, oft noch völlig verschlafen, einmal hat er aus Versehen sogar noch seinen Pyjama an. Oder er pellt sich erst mal ein Ei, weil er noch nicht gefrühstückt hat, und weiß dann nicht, wohin mit der Schale. Trotzdem ist er es immer, der die entscheidende erste Spur entdeckt, oft nur einen winzigen Hinweis, ein Detail, eine Unstimmigkeit, die sonst niemandem aufgefallen wäre.

Auch Unternehmensberater wissen: Leistungssteigerung und Effizienz bringen nicht immer die besten Ergebnisse. Menschliche Fähigkeiten wie Kreativität und Intuition können dadurch unterdrückt werden. Das schadet dem Einzelnen. Das schadet dem Unternehmen. Und das könnte der ganzen Gesellschaft schaden.

Schon der Erfolg der „Columbo“-Serie ist der beste Beweis dafür, dass die totale Optimierung nach Marktkriterien und Algorithmen an den wahren Bedürfnissen der Menschen völlig vorbeigehen kann.

Als nämlich Richard Levinson und William Link das Konzept für ihre Serie vorlegten, hatte der Fernsehsender NBC zunächst erhebliche Bedenken: Der Mörder soll schon von Anfang an bekannt sein? Die Hauptperson Columbo soll immer erst nach 20 Minuten auftreten? Der Inspektor soll keine Waffe tragen? Er soll zwar verheiratet sein, aber seine Frau bekommt der Zuschauer nie zu Gesicht? Das alles widersprach sämtlichen Regeln für eine hohe Einschaltquote. Doch Levinson und Link blieben stur – und „Columbo“ wurde eine der beliebtesten Fernsehserien aller Zeiten.

Es könnte auch eine Erklärung dafür sein, warum „Columbo“ in der Corona-Zeit von Jüngeren wieder neu entdeckt worden ist, wie zuletzt etwa die BBC berichtete. Wenn Menschen sich auf das Wesentliche, Besondere besinnen, sticht Columbo gegen andere Krimi- und Action-Serien hervor. Jede Folge sei ein „Rätsel, bei dem man schon die Antwort kennt, und das hat etwas Tröstendes“, sagt der Autor David Koenig, der in den USA gerade ein neues Buch über Columbo herausgebracht hat.

Dostojewski und Chesterton

Die beiden amerikanischen Krimiautoren hatten, wie sie selbst sagten, zwei literarische Vorbilder für die Columbo-Figur: Den Untersuchungsrichter Porfyrij Petrowitsch aus dem Roman „Schuld und Sühne“ von Fjodor Dostojewski; und den Priester und Hobbydetektiv Pater Brown aus den Krimis von G. K. Chesterton. Auch diese beiden Figuren charakterisiert eine gewisse Verschrobenheit, mit der sie ihre Mitmenschen irritieren – und die Täter überführen.

„Gott selbst hat mir schon so eine Gestalt verliehen, dass sie in anderen nur komische Gedanken erweckt“, sagt Petrowitsch einmal über sich selbst. Der Erzähler Dostojewski beschreibt ihn so: „Sein volles, rundes und ein wenig stumpfnäsiges Gesicht hatte eine kränkliche, dunkelgelbe Farbe, war aber munter und spöttisch.“

Ähnlich schreibt auch Chesterton über seinen Pater Brown: „Unwissenheit und Erkenntnis konnten sich gleichermaßen in seinem Gesicht ausdrücken. Wie der Blitz aber konnte die Maske der Dummheit fallen und die Maske der Klugheit ihren Platz einnehmen.“ Solche Figuren umgibt, trotz ihrer Kauzigkeit oder Albernheit, eine zutiefst menschliche Würde.

„Columbos schönste Eigenschaft ist der unbedingte Respekt, den er jedem Menschen – egal ob gut oder schlecht – entgegenbringt“, schreiben die Filmexperten Armin Block und Stefan Fuchs in ihrem großen „Columbo“-Buch. Und Michael Striss schwärmt in seiner Studie „Columbo – der Mann der vielen Fragen“ von der „herrlichen Unvollkommenheit“ des Inspektors. Er kommt zu dem Schluss: „Columbo weist uns darauf hin, dass jeder Mensch ein Geheimnis in sich birgt, das es zu wahren gilt.

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