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Was Tellkamp und Thierse verbindet

Politisch werden die beiden keine Freunde mehr. Nun aber haben sie denselben Aufruf unterzeichnet. Was ist da nur passiert?

© SZ-Montage / dpa

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Wenn sowohl Uwe Tellkamp als auch Wolfgang Thierse einen Aufruf unterschreiben, dann muss etwas Schlimmes passiert sein. Der Dresdner Schriftsteller einerseits, der SPD-Politiker und Erfinder des Ausdrucks "Sächsische Demokratie" andererseits: Politisch werden sie keine Freunde mehr. Aber wenn es um die Rettung der deutschen Sprache geht, dann müssen alle zusammenhalten.

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) hat jetzt einen Aufruf gestartet mit dem Titel: "Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!" In der Online-Ausgabe des Wörterbuchs sollen nämlich künftig Tausende Begriffe sowohl in weiblicher als auch in männlicher Form aufgeführt werden. Von einer "Zwangs-Sexualisierung" spricht der VDS, und dessen Vorsitzender Walter Krämer erinnert an die Tücken der Grammatik: "Ein 'Schelm' kann genauso eine Frau sein wie eine 'Dumpfbacke' ein Mann." Eine Schelmin, wer Böses dabei denkt.

Ich persönlich bin für die Rettung der deutschen Sprache immer zu haben, kann mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Sprachwächter zunächst mal bei sich selbst anfangen sollten. Der VDS-Aufruf zum Beispiel beginnt mit dem Satz: "Der Verein Deutsche Sprache e.V. fordert alle Freunde der deutschen Sprache auf, den aktuellen Bestrebungen der Dudenredaktion zu einem Umbau der deutschen Sprache entgegenzutreten." Dreimal "deutsche Sprache" hintereinander, bürokratischer Nominalstil ("Bestrebungen"), umständliche Infinitiv-Satzbildung - das alles hätte mein Deutschlehrer in roter Tinte ertränkt.

Mehr als 100 Personen aus Kultur und Wissenschaft haben den Aufruf unterzeichnet, darunter auch viele Frauen. Dass Tellkamp, der Schriftsteller, und Thierse, der Germanist, unter so ein stilistisch misslungenes Schriftstück ihre Namen setzen, ist kein gutes Zeichen für den Zustand, in dem sich unsere Sprache befindet. Und jetzt deklinieren noch mal alle zum Mitschreiben: die Sprache, das Virus, der Weltuntergang - bitte schön!

Dieser Text ist ein Auszug aus unserem Feuilleton-Newsletter "SZ-Foyer - Kultur und Debatte in Sachsen", der jeden Freitagnachmittag verschickt wird. Hier können Sie sich kostenlos anmelden.

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