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Was tun wir wirklich für die nächste Generation?

Die zweite Kinderbiennale in Dresden widmet sich in sinnlichen Erlebnisräumen den Themen Natur und Nachhaltigkeit.

Giuseppe Licari hat zwölf Tonnen Lehm als Fußboden ins Museum gebracht. In den Rissen wachsen Pflanzen, die Trockenheit und Kälte aushalten. Der Italiener will aber auch testen, wie viel Natur ein Museum ertragen kann.
Giuseppe Licari hat zwölf Tonnen Lehm als Fußboden ins Museum gebracht. In den Rissen wachsen Pflanzen, die Trockenheit und Kälte aushalten. Der Italiener will aber auch testen, wie viel Natur ein Museum ertragen kann. © Oliver Killig

Von Uwe Salzbrenner

Natur im Kunstwerk zielt manchmal wie ein Automat auf ein bezauberndes Ergebnis: Gestrichelter Samen stäubt aus dem an die Wand projizierten Dschungel, und Schmetterlinge flattern auf, wenn Kinder im Raum mit den Armen wedeln oder auf und ab springen. Kameratechnik, die jede Bewegung erfasst, versetzt das digitale Ökosystem des US-amerikanischen Studios Design i/o in Aufregung. Natur in der Kunst kann aber auch ein statisches Schattenspiel sein, Ergebnis einer raumteilenden Installation. Man weiß nicht, ob da etwas wächst oder etwas kaputt geht. Die schattenwerfenden Pflanzen hat der Ungar István Csákány aus Holz geschnitzt, mitsamt Holzschnipselerde in hölzernen Pflanztöpfen. Manchmal ist Natur auch eine gepolsterte Wiese unterm Blütenmeer, in Therese Rothes Anordnung von 3.500 Kunstseidenblumen. Schaut man aber auf die spiegelnde Goldfolie, scheint man über einem Blütenbassin zu schweben.

Kinderbeiräte haben das Thema eingebracht

Die zweite Kinderbiennale der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) umreißt in den ersten drei Ausstellungsräumen im Japanischen Palais spielerisch ihr Thema: „Embracing Nature“ – die Natur umarmen – meint die Nachhaltigkeit der Ressourcen-Nutzung und die Beziehungen von Menschen zu ihrer Umwelt. Bereits die Kinderbeiräte der ersten Biennale 2018 haben es eingebracht, so Marion Ackermann, Generaldirektorin der SKD: Sie wollten keinesfalls Müll produzieren und fanden das Digitale gut. Jetzt gehört zur Nachhaltigkeit auch, dass zwei Hingucker aus früheren Ausstellungen erneut Platz finden. Und zur Ressource Wald gehören Daten. In der blitzenden und klickenden Kreation des Niederländers Thijs Biersteker zählen Displays die Größe des pro Sekunde abgeholzten Amazonas-Regenwaldes: 650 Quadratmeter, ein durchschnittliches Fußballfeld.

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Sie bringt Maschinen zum Singen
Sie bringt Maschinen zum Singen

Ab April 2022 ist Esmeralda Conde Ruiz die neue Residenzkünstlerin des Schaufler [email protected] Dresden. Was sie vorhat, gab es so bisher noch nie.

Mitmachen wir mit großem M geschrieben: Wer die Biennale durchstreift, verändert mit seinen Bewegungen den Raum.
Mitmachen wir mit großem M geschrieben: Wer die Biennale durchstreift, verändert mit seinen Bewegungen den Raum. © Oliver Killig

Eine Neufassung des Disney-Films „Das Dschungelbuch“

Das Vorbild der Kinderbiennale stammt aus dem südostasiatischen Stadtstaat Singapur, dessen Nationalgalerie das Format 2017 erfunden hat, um der einheimischen Bevölkerung beiläufig in Familie internationale Gegenwartskunst nahezubringen. Das hat ein Jahr später in Dresden ebenfalls geklappt: Es kamen 110.000 Besucher, je zur Hälfte Kinder und Erwachsene.Einer der Berühmtheiten unter den diesmal von den Beiräten ausgesuchten Künstlern ist der Belgier David Claerbout, von dem die SKD schon das Video einer Klavierspielerin als Leihgabe besitzen. In die Kinderbiennale 2021 schickt Claerbout eine Neufassung des Disney-Zeichentrickfilms „Das Dschungelbuch“ aus dem Jahre 1967.

Allerdings tanzen bei ihm die Tiere nicht, sprechen nicht und wollen nicht singen. Sie schlafen bloß, sie ruhen aus, sie fressen – sie verhalten sich wie Tiere in der Wildnis. Für ein Menschenjunges, das zu erziehen wäre, sind sie nicht zuständig. Beim Isländer Ólafur Elíasson, mit seiner weiterzubauenden Stadt aus schneeweißen Lego-Bausteinen die Attraktion der ersten Dresdner Kinderbiennale, redet und singt dagegen 2021 grob gezeichnete Natur mit Kinderstimmen aus einer App. Das ist ebenfalls in guter Absicht gar nicht lustig. Kinder sind eingeladen, sich für die Erde einzusetzen. Die App läuft auf Computern draußen im Gang, und David Claerbouts Raum ist zwangsläufig ein Kinozimmer zum Stillsitzen.

Man kann auch im digitalen Pflanzenmeer baden.
Man kann auch im digitalen Pflanzenmeer baden. © © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsam

Wie man gefilmt wird und dabei Beulen bekommt

Ansonsten gewinnt die zweite Kinderbiennale mit viel Platz in Erlebnisräumen, ist mit forcierter Künstlichkeit nah an ihren Gästen dran. Dass man etwas bewirkt durch seinen Körper, das fasziniert Kinder, aber Erwachsene kaum weniger. Ebenfalls, dass Magie mit einfachen Mitteln herzustellen ist, aber ihr Geheimnis nicht allzu rasch verrät. Siehe Design i/o, Csákány und Rothe. In die Reihe gehört auch Mark Justinianis Spiegelbrunnen, der nach der ersten Biennale im Palais verblieben ist und unendliche Tiefe vortäuscht.

Im Raum von Andreas Schlegel, Hazel Lim-Schlegel und Hanna Xin Schlegel, einer Singapurer Familie, wird man auch gefilmt. Dort wiederholt sich dann das Bild 64-fach oder wird groß in Beulen verzerrt. Kann auch sein, man erkennt im Bildschirm, was hinter einem ist, oder sieht die eigenen Arme von der Seite ins Bild greifen. Solche optischen Tricks haben mehrere Vorzüge und ein Manko: Man kann untersuchen, was passiert, indem man Bewegungen wiederholt oder Spiegelbilder mit der Brunnengröße vergleicht. Wann reagiert der Dschungel, wie ändern sich Jahreszeiten? Sieht man, wenn man im Bild ist, das Bild anders als von außen? Würde man hinter die Spiegel passen? Wie wird das Ganze überhaupt erzeugt?

Wie man sich bettet, so liegt man. Zum Beispiel auf Wolken.
Wie man sich bettet, so liegt man. Zum Beispiel auf Wolken. © Oliver Killig

Klimabewegte sind willkommen

Vielleicht kommt da ein Verlangen nach Bildung auf, und anschließend eines nach Wiederverzauberung. Damit erfährt man indessen mehr über Apparate, Software und die durch sie unterstützte Kunst als über die Gegensätze von Natur und Gesellschaft. Die Ausnahme: Für den Raum von Giuseppe Licari muss man mehrmals wiederkommen, in größeren Abständen. Der Italiener hat zwölf Tonnen Lehm als Fußboden eingebracht, so wie man sonst Wände baut. Bei ihm gibt es aber einen Trampelpfad, und der Lehm ist so mager, dass er reißt. In die Risse gepflanzt hat Licari Pflanzen aus dem Botanischen Garten, die Trockenheit und Kälte aushalten. Seine Kunst wird allerdings auch testen, wie viel Natur ein Museum aushalten kann. In ein paar Wochen ist der Lehm wahrscheinlich knochenhart, sodass keine Fußspuren mehr zu sehen sind, und das Zimmer überwuchert.

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Den größten Horizont jedoch eröffnet abseits der Schau der Saal im ersten Stock, mit Werkstätten zum Upcyceln abgelegter Kleidung, einer Umweltbibliothek und einem Treffpunkt für junge klimabewegte Aktivisten. Genau wie Elíassons App, um der größeren Nähe willen aber persönlich. Die Ideenwerkstatt ist für alle Interessierte offen, um eine Kultur der Nachhaltigkeit zu entwickeln, auch für die Leitlinien des Ausstellungshauses. „Die entscheidende Frage ist, was tun wir für die nächste Generation?“, sagt Ackermann. Anders gefragt: Was tun wir besser nicht, worauf können wir verzichten?

„Embracing Nature“: bis 27. Februar 2022 im Japanischen Palais Dresden, Di. bis Fr. von 13 – 18 Uhr, Sa., So. und in den Ferien von 10 – 18 Uhr, Eintritt frei.

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