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Weihnachten lässt hoffen

Es gibt keinen Grund für Pessimismus: Das beste Geschenk für die Zukunft ist es, Wissenschaft, Kultur und Bildung zu stärken.

Er leuchtet auch künftig: der Herrnhuter Stern.
Er leuchtet auch künftig: der Herrnhuter Stern. © www.foto-sampedro.de

Das Weihnachten dieses Jahres lässt ein Stück von der Zukunft ahnen. Denn es hat sich schon jetzt vieles geändert. Die Mitglieder der Familie sitzen nicht mehr direkt alle zusammen, sondern einige sind aus Berlin, Hongkong oder Barcelona per Bildschirm zugeschaltet. Und das völlig unmaskiert. Jeder kann am Heiligen Abend dabei sein, muss aber nicht umweltbelastend fliegen oder von einer Krankheit angesteckt werden. Die Bescherung als Zoom-Konferenz. Oder noch etwas zukunftsträchtiger: Cousinen, Großeltern und Freunde werden als Hologramm in den Raum projiziert. So könnten sogar Tote dabei sein.

Das heißt erstens: Wir rücken künftig wieder enger zusammen. Das jedenfalls meint Matthias Horx. Der Trendforscher, dessen Zukunftsthesen immer wieder zu kontroversen Diskussionen führen, gründete 1998 das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt am Main. Er sagt: „Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde sind näher gerückt und haben sogar verborgene Konflikte gelöst.“

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Das heißt zweitens: Zukunft ist immer konkret. Der Mensch neige dazu, sich die Welt von morgen als einen Film vorzustellen, wo ein Raumschiff durch die Gegend fliegt oder eine künstliche Intelligenz uns frisst, meint Matthias Horx. Radikaler Wandel wird vorzugsweise durch Zombies visualisiert, durch brennende Städte und riesige Fluten, die alles zerstören. Zukunft wird immer dann vorstellbar, wenn sie Bilder produziert, auch positive. Vielleicht so: Das Weihnachtsessen wird in der vollautomatischen Küche von Robotern gekocht. Das Öffnen des Adventskalenders durch Fingertippen auf den Touchscreen, der in der Wand integriert ist. Allein durch die Berührung erkennt der digitale Weihnachtszähler die Gefühle des Menschen und hält entsprechend der Stimmung hinter jedem Türchen eine Überraschung bereit. Der Weihnachtsbaum steht ganz echt in der Erde im Fußboden und produziert Proteine, die von Glühwürmchen stammen und so im Dunkeln leuchten. Das schützt die Wälder vor Abholzung und bringt gleich ganz andere Lichtstimmung, frischer Nadelduft inklusive. Der Baum steht übrigens das ganze Jahr im Zimmer und wandelt sich per Gentechnik je nach Jahreszeit. Der Strom für die Wohnung kommt aus dem lokalen Biokraftwerk.

Geschenke aus dem 3-D-Drucker

Das heißt drittens: Der technische Fortschritt beeinflusst massiv die Zukunft. Horx meint, dass die längst begonnen habe. Die meisten Geschenke kommen dieses Jahr sowieso schon mit dem Lieferdienst ins Haus. Auf dem Smartphone verfolgen die Besteller den Weg von der Produktionshalle bis ans heimische Ziel. Da bekommt das Lied „Horch, was kommt von draußen rein“ eine neue Bedeutung. Es ist kein weiter Weg mehr bis zu der Möglichkeit, das Leben der Weihnachtsgans vom Ei bis zum Braten in der Röhre online zu verfolgen. Und die Geschenke werden demnächst direkt in der Stube im 3-D-Drucker ausgedruckt. Der neue Corona-Impfstoff wurde zudem in kürzester Zeit entwickelt. Künftig bekommen jene, die es sich gewünscht haben, zur Bescherung ein Medikament zur gesundheitlichen Selbstoptimierung geschenkt. Und wer gesund ist, der trägt zur Gesundheit aller bei.

Das heißt viertens: Der Fortschrittsglaube wird verbunden mit sozialer Kompetenz. Sozialpsychologe Harald Welzer weist darauf hin, dass eine rein technische Zukunftssicherung am Ende wenig nütze, wenn sich die Gesellschaft selbst nicht weiterentwickele. Der Wissenschaftler ist Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei, die sich das Aufzeigen und Fördern alternativer Lebensstile und Wirtschaftsformen zur Aufgabe gemacht hat. Er sagt: „Wenn mit den Heilsversprechen der Technik vor allem im Bereich Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz keine entsprechende gesellschaftliche Vision einhergehe, würde das die Gesellschaft weiter spalten.“ Er sieht im Technik-Optimismus des Silicon Valley, wo man von der Eroberung des Weltalls träumt, statt sich um die irdischen Probleme zu kümmern, ohnehin eher einen Rückschritt in die 1950er-Jahre. Technik allein helfe nicht weiter.

Mehr individual als global

Das heißt fünftens: Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Massive Individualisierung, Verstädterung, Globalisierung oder Mobilität erreichen irgendwann eine Sättigungsgrenze. Wenn also alle mobil sind, stehen alle im Stau, und wenn alles globalisiert ist und in jeder Stadt alle Läden gleich sind, dann fühlen sich die Menschen nicht mehr wohl. Einer der Gegentrends heißt auch Nationalismus. So fasst es Welzer zusammen. Und Horx sagt: „Die Corona-Krise zeigt uns Risse und Spannungslinien in unseren Systemen auf, sie enthüllt Schwächen oder Disparitäten, an die wir uns gewöhnt hatten, und die wir für unveränderlich hielten. Sie zeigt uns all das bisher ohne größere Gewaltausbrüche oder totalen Zusammenbruch: auf eine stille, bescheidene Art. Eine Art Un-Apokalypse.“

Das heißt zusammengefasst: Dieses Weihnachten bringt Hoffnung. Insofern behält das Fest auch künftig seine traditionelle Funktion. Harald Welzer meint, dass die westliche Gesellschaft mit ihrem hohen Freiheits- und Lebensstandard „kein Recht auf Pessimismus“ habe. Horx erklärt: „Schon vor der Krise konnte man Menschen kaum anhand von Alter definieren, sondern durch Werte und Lebensstile.“ Und: „Wenn wir zurück ins 20. Jahrhundert blicken, dann haben wir uns weitgehend von Rassismus und Sexismus befreit. Und wir werden hoffentlich die soziale Spaltung von Arm und Reich überwinden.“ Die humane Evolution sei immer durch die Überwindung scheinbar starrer Verhaltensmuster vorangetrieben worden. Dazu tragen Wissenschaft, Technik, Kultur und vor allem Bildung bei. Diese Faktoren müssen dringend gestärkt werden. Ein schöneres Geschenk für die Zukunft gibt es nicht.

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