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Wenn der Lockdown zum Hockdown wird

In der Corona-Zeit kommt es zur Auflösung von Gemeinsamkeit: Der Dresdner Bildhauer Thomas Reimann zeigt die Folgen der Isolation.

Für „Hockdown“ bat Thomas Reimann befreundete Künstler um Fotos von deren Corona-Arbeitsplätzen. Es kamen Einsendungen aus Dresden, Leipzig, Berlin, Kanada, Afrika, Japan, Portugal, den USA ...
Für „Hockdown“ bat Thomas Reimann befreundete Künstler um Fotos von deren Corona-Arbeitsplätzen. Es kamen Einsendungen aus Dresden, Leipzig, Berlin, Kanada, Afrika, Japan, Portugal, den USA ... © Collage: SZ

Herr Reimann, Sie nennen den „Lockdown“ jetzt „Hockdown“und erheben ihn zum Kunstwerk. Warum muss dieses überstrapazierte Thema in eine Galerie?

Ich möchte diesen Zustand festhalten. Ich sammle die Eindrücke, um diese Zeit zu konservieren. Denn wir werden erleben, dass sie ganz schnell wieder vergessen oder von anderen Themen überlagert sein wird. Und mich trieb die Neugier, zu erfahren, wie Menschen in der Welt mit dem zwangsweisen Rückzug in die Heimarbeit umgehen. Das betrifft oder betraf ja alle.

Sie haben also spontan Ihnen bekannten Künstlerinnen und Künstlern gemailt, Sie mögen Ihnen Fotos von ihrem privaten Arbeitsplatz senden?

Genau. Im Dezember des vergangenen Jahres hatte ich das Gefühl großer Einsamkeit und ahnte, dass ich hier in Sachsen nicht allein bin. Ich brauchte einen Trost und suchte den im Austausch mit anderen. Der fehlte mir in diesem Augenblick der verordneten Heimarbeit enorm.

Wer hat Ihnen geantwortet?

Ich bekam in wenigen Tagen 67 Fotos von Arbeitsplätzen aus der ganzen Welt. Geantwortet haben mir zum Beispiel aus Berlin die Schauspielerin Suzanne von Borsody, aus Dresden die Staatskapellen-Musikerin Heide Schwarzbach, die Maler Fritz Wolf und Holger John. Aus Leipzig der bildende Künstler Fischer Art, aus den USA die Malerin Brigitte Wolf, aus Japan der Glaskünstler Masahiro Hachida, aus Portugal der Bildhauer Christian Tobin oder aus Südafrika die Bildhauerin Maureen Quin.

Was zeigen die Fotos?

Ich war überrascht, dass sich die Heim-Arbeitsplätze alle ziemlich ähnlich sind. Weltweit sitzen Menschen auf komischen Stühlen vor irgendwelchen Computern oder Schreibtischen mit Tee- oder Kaffeetassen. Ich sah triste Wände, unordentliche Regale und trübe Fensterscheiben. Diese globale Pause schien wie eine Blaupause einer uniformen Individualität. Ich hatte das Gefühl, dass diese Home-Office-Situationen eine Alltagsuntauglichkeit ausstrahlen, die aber offenbar jeder als selbstverständlich empfindet. Der Mensch gewöhnt sich ja bekanntlich an so vieles. Im Grunde ist er ein Anpasser.

Macht nicht genau das den Menschen so überlebensfähig?

Das stimmt, aber es kostet gleichzeitig viel Kraft, sich aus dieser Anpassung wieder zu lösen. Dazu sind Impulse notwendig, die manche sich selber geben, aber meistens von außen notwendig sind.

Ihr „Hockdown“ ist somit die Kunst des Alltäglichen?

Ja, es ist Alltagskunst. Aber sie wird es tatsächlich erst, wenn sie ausgestellt ist und Publikum darauf reagieren kann. Die Auseinandersetzung damit ist notwendig. Ohne diese Interaktion gibt es meines Erachtens keine Kunst. Denn es muss sie erst einmal jemand als solche im doppelten Sinne ansehen. Kunst benötigt Bestätigung oder Ablehnung, um sich entwickeln zu können. Kunst bietet gleichzeitig die Möglichkeit, sich zu artikulieren, sie kann ein Ventil in der Gesellschaft sein. Wenn sie aber nicht mehr existiert, fehlt das Ventil und der Druck verlagert sich anderswo hin, zum Beispiel auf die Straße.

Ohne Öffentlichkeit keine Kunst?

Für mich nicht. Der Öffentlichkeitsentzug entzieht Kunst jede Möglichkeit, Einfluss zu nehmen beziehungsweise sich in einer Umgebung zu positionieren. Plötzlich fehlt die Reichweite. Erst die Reaktion darauf bringt doch eine Veränderung, für die Künstlerinnen und Künstler ebenso wie für jene, die ihre Werke betrachten. Es ist ja oft die Rede von einem Denkanstoß. Demzufolge ist Kunst immer anstößig. Aber wenn sie in Ateliers, auf Dachböden oder in Kellern verbleiben muss, wenn sie nicht gesehen wird, so ist sie unsichtbar und verliert ihren Sinn. Sie wird sinnlos. So kann man übrigens Kunst auch wegsperren. Wie viele Bilder von Malerinnen und Malern aus der DDR lagern beispielsweise in Depots.

Allein der schöpferische Prozess ist für Sie nicht befriedigend?

Eine gewisse Zeit schon, natürlich. Dieser Prozess ist ja Voraussetzung, um Kunst zu erschaffen. Aber in einer längeren Isolation wird das zur reinen Selbstbefriedigung. Der Mensch aber lebt von seinen sozialen Beziehungen. Wie oft erleben wir, dass Leute in der Einsamkeit verwahrlosen oder sich verlieren, weil sie keinerlei Orientierung mehr bekommen. Sie sind sich selbst überlassen und geraten oft in depressive Situationen. Keiner holt sie da mehr raus.

Dann lehnen Sie das Homeoffice ab?

Nein. Aber ich lehne es ab, das Produkt meiner Heimarbeit nicht mehr präsentieren zu dürfen. Was mir jeder schrieb, der mir ein Foto gesendet hat, war der Wunsch, nach Kommunikation. Was jetzt mit dem Recht auf Homeoffice passiert, ist ja eine fortschreitende Vereinzelung der Gesellschaft. Die Menschen werden separiert, die Gemeinschaft, in der Austausch stattfindet, wird maximal reduziert. Somit werden Organisationen aufgelöst, die es ermöglichen, zusammen zu agieren, etwas systematisch vorzubereiten, aufzubauen und für einen bestimmten Zweck einheitlich zu gestalten.

Hat zu Hause arbeiten nicht auch viele Vorteile?

Ja, sie sparen den Arbeitsweg, sie können sich im Zweifel ihren Tag viel flexibler einteilen, es ist völlig egal, wo sie sich mit ihrem Laptop befinden. Es gibt ja auch das mobile Arbeiten. Dann sind sie vom Ort völlig losgelöst. Aber gleichzeitig befreien sich Unternehmen von Kosten, nicht nur der Büromiete, sondern zugleich der Kosten für Strom, Wasser, Abwasser, Büromöbel, Kantinen und so weiter. Ohne klare Regeln ist das ein Rückfall in die Heimarbeitszeit des 19. Jahrhunderts, wo es viele der gewerkschaftlichen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts noch gar nicht gab.

Und das sagen Sie als freier Künstler, der Sie ja all diesen Regeln bewusst entsagt haben?

Genau deshalb sage ich es ja. Bei mir sind Freizeit- und Arbeitszeit schon immer verschwommen, aber das war meine freie Entscheidung, und anders könnte ich gar nicht kreativ sein. Aber wenn jetzt Homeoffice als Heilmittel einer modernen Arbeitswelt verkauft wird, so darf das nicht auf Kosten der Arbeitenden gehen. Der Trend besteht doch darin, dass sämtliche Dienstleistungen wie die persönlichen Bankgeschäfte, das Buchen von Reisen oder teilweise der Einkauf komplett ins Zuhause verlagert sind. Das verändert nicht nur die soziale Struktur der Familie, sondern ebenso die der Städte. Es braucht neue Formen des Zusammenlebens und der Kommunikation.

Was schlagen Sie vor?

Ich schlage vor, diese Formen gemeinsam zu finden. Und genau dazu soll mein Kunstobjekt des „Hockdowns“ ja führen. Ich möchte Menschen in die Kunst integrieren, darüber zu reden, sich auszutauschen, Position zu beziehen, sich zu bilden, dazuzulernen, sich gegenseitig zu inspirieren. Ohne diesen Prozess erleidet der Mensch psychische Schäden. Guy de Maupassant sagte schon vor 1880: Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.

Das Gespräch führte Peter Ufer

Die Ausstellung mit Fotos, Grafiken und Skulpturen ist zu sehen in der Galerie Flox, Obergraben 10, Dresden

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