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Wenn Vater dement wird

Einmal mehr Oscar-reif: Anthony Hopkins und Olivia Colman brillieren als Vater und Tochter im bewegenden Alzheimer-Drama „The Father“.

Anthony (Anthony Hopkins) leidet zunehmend unter Stimmungsumbrüchen und Vergesslichkeit. Für ihn und das Verhältnis zu seiner Tochter Anne (Olivia Colman) wird das mehr und mehr zu einer seelischen Belastung.
Anthony (Anthony Hopkins) leidet zunehmend unter Stimmungsumbrüchen und Vergesslichkeit. Für ihn und das Verhältnis zu seiner Tochter Anne (Olivia Colman) wird das mehr und mehr zu einer seelischen Belastung. © Tobis

Von Andreas Körner

Ein langes Leben, mithin 83 Jahre, auf einzelne Momente heruntergebrochen. Vielleicht zwei Drittel davon hat man selbst mit diesem Menschen verbracht, so nah, wie man ihm nah sein konnte und wollte, so fern, wo es Distanz brauchte und nötig war. Und jetzt? Verliert dieser alte Baum all seine Blätter. In einer besonderen, am Schluss platzierten Szene von „The Father“, wird es Anthony, der Vater, schaffen, seine heftigsten Gefühle zu bündeln. Das mit den Blättern kommt als Bild unter Tränen aus seinem Mund.

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Ein britischer Film, mithin 97 Minuten, auf einzelne Momente heruntergebrochen. Ein Drama, das sich mit Empathie und Kraft einem Vater und seiner Tochter widmet und damit einem Dilemma gegenwärtigen Alltags, das, wie man mit halb beschwingtem Unterton so gern verkündet, keinem auf der Stirn geschrieben steht. Wenn es noch immer Leben gibt, bevor man stirbt, auch wenn manche sagen, dies sei keines mehr. Wenn man denjenigen, den man kennt, nicht mehr erkennt. Wenn guter Rat nicht nur teuer, sondern unbezahlbar ist.

Zwischen Angst, Frust, Liebe, Wut und Zärtlichkeit.

Anthony (Anthony Hopkins) war einst Ingenieur und sicher einer mit Erfolg. Es ist keine Wohnung, in der er lebt, es ist ein kleines Reich. Mit Kunst an den Wänden, Henry Purcell im Kopfhörer, edlem Holz. Anthony, der Feingeist, der unbedingt seine Uhr am Handgelenk braucht, wenn man sie ihm nicht gerade „gestohlen“ hat. Ein Grandseigneur. Stepptänzer aber war er nie. Ein grandioser Auftritt vor Laura (Imogen Poots) – vielleicht die neue Pflegerin, vielleicht auch nicht – soll es weismachen, kombiniert mit einem herzhaft in die Kehle gepeitschten Whisky. Es ist ein Moment der vage befreiten Art.

Doch Tochter Anne (Olivia Colman) hat schon andere Momente mit Anthony erlebt, im Ausmaß nur Bruchteile einer Minute getrennt von Angst, Frust, Liebe, Wut, Zuneigung, Ohnmacht, Zärtlichkeit. Anne ist stets wiedergekommen, obwohl sie jetzt, da „The Father“ zeitig sein Tableau offenbart hat, weggehen will. Nach Paris. Sie hätte da jemanden kennengelernt. „Einen Mann?“, prustet Vater los. „Paris? Sie sprechen kein Englisch in Paris!“ Dieser Moment gehört dem Sarkasmus. Anthony beherrscht auch den ziemlich gut.

Sein eigenes Theaterstück auf die Leinwand gebracht

Florian Zeller ist Spielfilmdebütant. Der 42-jährige weltweit gefeierte französische Autor und Dramatiker hat mit „The Father“ sein eigenes Theaterstück für die Leinwand adaptiert. Das muss nicht gutgehen, es ist auch nicht zwingend. Hier aber dringt das tiefe Wissen um den Stoff aus jeder Pore, denn Zeller schrieb das Stück und drehte den Film nach familiärer Konfrontation mit Demenz. Stärke, die nicht zur Behauptung wird ... Visuell brillant – keine Frage. Als Kammerspiel in Räumen inszeniert – neu ist das nicht. Hervorragendes Interieur – es musste sein. Komponist Ludovico Einaudi in Schach gehalten – das war nötig. Selbst das phänomenale Präzisionsspiel von Anthony „...und der Oscar 2021 geht an“ Hopkins und Olivia Colman, wo Worte sind und Worte fehlen, preist man sogar ein, denn hinter diesen Namen standen noch selten Enttäuschungen.

Doch da ist noch etwas, das diesem Film eine drängende Wirkung verleiht und die frühe Ahnung nährt, man würde „The Father“ nicht nur anschauen können, sondern von ihm Besitz ergreifen müssen. Es ist die Konsequenz, mit der Zeller aus des Vaters Perspektive erzählt, ohne die Tochter in ihrer Wahrhaftigkeit zu beschneiden. Mit Momentaufnahmen. Mit Verwirrungen und Verunsicherungen, Aggressionen, inneren Labyrinthen, Rätseln ohne Lösung. Mit Realitätsebenen, die sich spielend verschieben und Dialogen, die wie Fallen wirken. Mit lockeren Spielchen und quälendem Schmerz,

Das hier ist doch meine Wohnung, oder?

Anthonys wiederkehrenden Fragen an sich selbst: Wo ist mein Überblick? Was geschieht mit mir und hier? Mit meiner und der anderen Anne? Wer ist dieser Schwiegersohn heute in meiner Wohnung, und wer war der andere gestern? Es ist doch meine Wohnung, oder?Nein, „The Father“ ist nicht nur das nächste Kinostück über Demenz oder Alzheimer und die Folgen. Es ist ein Zugriff.

Andere Filme haben anders darüber erzählt, einige mit dem komödiantischen Beil („Honig im Kopf“) oder im Seitenstrang („Falling“), gern mit betagten Eheleuten („Am goldenen See“, „An ihrer Seite“, „Das Leuchten der Erinnerung“) oder authentischen Einzelpersonen („Iris“), überraschend jungen Menschen („Claire“, „Still Alice“), per animierter Graphic Novel („Wrinkles“), oder als Dokfilm („Vergiss mein nicht“ und demnächst „Mitgefühl“). Es gab zuletzt sogar eine türkische Thrillerserie mit einem Ex-Gerichtsmitarbeiter, der knapp vor dem Verdampfen noch Verbrechen aufklärt („Ein guter Mensch“). All das wundert nicht, wenn Kino als Kunstform dem Alltag folgt.

"The Father" läuft in Dresden (Programmkino Ost und Schauburg) sowie in Görlitz

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