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Wie die Aldi-Brüder sehr sehr reich wurden

Der Historiker Guido Knopp vermittelt, wie Karl und Theo Albrecht mit Aldi deutsche Esskultur mitprägt haben. Darunter auch zweifelhafte Geschäftspraktiken.

Aldi – ein Discounter, der sich alle paar Jahre neu erfindet und dabei auch Trends setzt. Ein neues Buch versucht, den Erfolg und seine Geheimnisse zu erklären.
Aldi – ein Discounter, der sich alle paar Jahre neu erfindet und dabei auch Trends setzt. Ein neues Buch versucht, den Erfolg und seine Geheimnisse zu erklären. © Rolf Vennenbernd/dpa

Von Christian Ruf

Im Frühjahr 2019 war in Berlins in die Jahre gekommenem Szene-Viertel Kreuzberg eine große Demonstration. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches mag sich mancher denken, irgendwo wird dort doch immer protestiert, schon gar gegen Konzerne, Kommerz und Kapital. In diesem Fall protestierten die Kreuzberger Altlinken allerdings unter dem Motto „Kiezmarkthalle statt Luxus-Food-Halle“ – letztlich vergeblich – dagegen, dass in Kreuzberg die Filiale von Aldi-Nord aus einer historischen Markthalle Neun auszog, damit dort stattdessen künftig Edelessen aller Art für die Neureichen verkauft werden kann.

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ALDI – dieses Kürzel für „Albrecht Discount“ und Synonym für günstigen Einkauf hat im Positiven wie auch im Negativen Konsumverhalten und Esskultur der Deutschen erheblich geprägt, der im Osten allerdings erst seit 30 Jahren. In der sozialistischen Planwirtschaft hatte ein „kapitalistischer Konzern“ keinen Platz, allerdings machte man Geschäfte mit ihm. Die Brüder Theo und Karl Albrecht, durften in der DDR Waren produzieren, etwa im VEB Strumpfkombinat Esda in Thalheim. Die DDR bekam wichtige Devisen, Aldi profitierte bei der Warenproduktion vom wesentlich niedrigeren Lohnniveau im Osten.

Sonneberg als Aldi-Süd-Enklave

Als dann die Mauer fiel und 16 Millionen Neukunden winkten, trafen die Aldi-Brüder die Entscheidung, dass allein der von Theo Albrecht geführte Aldi Nord sich in die neuen Bundesländer ausdehnen dürfe – mit einer einzigen Ausnahme. Sonneberg in Thüringen gehört zu Aldi Süd, wie der über Fernsehdokumentionen wie Geschichtsbücher bekannte Historiker Guido Knopp in seinem Buch schreibt, das unter dem Titel „Schampus für alle“ über die Geschichte von Aldi informiert.

Knopps Werk ist nicht das erste, das versucht, über die Firmengeschichte zu informieren. Über das Supermarktimperium Aldi gibt es zwar viele Mythen, im Großen und Ganzen gilt aber hinsichtlich des inneren Gefüges der Firma immer noch weitgehend der Spruch: „Nichts Genaues weiß man nicht.“ Die Albrecht-Brüder, die 2010 (Theo) und 2014 (Karl) verstarben, waren für ihren zurückgezogenen Lebensstil ohne Extravaganzen und ihre Verschwiegenheit berühmt, gar berüchtigt – lediglich Karl Albrecht ließ sich kurz vor seinem Tod zu einem in der FAZ gedruckten Interview überreden. Ansonsten großes Schweigen. Licht ins Dunkel brachte auch nicht der Prozess 1971 gegen die Entführer von Theo Albrecht.

So muss sich Knopp auf das wenige verlassen, das die strenge Stillschweigedoktrin bei Aldi irgendwie passiert hat, und auf das, was Ehemalige berichten, etwa die einstigen Aldi-Manager Eberhard Fedtke, Dieter Brandes und Andreas Straub. Auf die praktizierte Geheimniskrämerei kommt Knopp häufig zurück, ebenso widmet er sich wiederholt einem zweiten Aldi-Klischee, dem der persönlichen Knausrigkeit der Eigentümer.

Mit etlichen anderen Mythen räumt Knopp überzeugend auf. Die Albrecht-Brüder wuchsen nicht in Armut auf, sondern in bescheidendem, kleinbürgerlichen Wohlstand. Das Prinzip „Selbstbedienung“ war amerikanischem Vorbild abgeguckt. Theo und Karl Albrecht waren auch nicht die Erfinder des (Lebensmittel-)Discounthandels, die Discountwelle hatten längst andere losgetreten, etwa Anfang 1961 in Essen der Kaufmann Heinz Langschädel. In jener Zeit teilten auch die Albrecht-Brüder die Firma in zwei eigenständige Unternehmen unter sich auf, aber dies war keinem Zerwürfnis geschuldet. Man wollte in erster Linie die Pflicht zur Offenlegung von Geschäftszahlen umgehen. Gegenüber Lieferanten trat man weiterhin gemeinsam auf und über alle Leistungs- und Kostenzahlen tauschte man sich laut Ex-Manager Brandes aus, „nur über den tatsächlichen Jahresgewinn der jeweiligen Gruppe wurde nicht gesprochen“.

Tchibo & Co das Fürchten gelehrt

Zum Erfolg trug maßgeblich bei, dass die Albrecht-Brüder von Anfang an auf markenfreie Produkte, die sogenannten Eigenmarken setzten. Die unterlagen im Gegensatz zu Markenartikeln keiner Preisbindung und konnten auch wegen des lange herrschenden Werbeverzichts günstiger angeboten werden. Verzichtet wurde auch darauf, Produkte in eigenen Werken billig herzustellen – eine von zwei Ausnahmen war der „Albrecht“-Kaffee, der eine Marktmacht entwickelte, die Jacobs, Tchibo & Co das Fürchten lehrte. Generell galt bei den angebotenen Produkten absolutes Qualitätsdenken. Das Kundenvertrauen, beste Qualität bei billigsten Preisen zu erhalten, durfte nicht erschüttert werden.

Eine einzige Erfolgsgeschichte war Aldi nicht, die Expansion ins Ausland war in der Bilanz durchwachsen. Nur in Slowenien und Ungarn konnte sich der Discounter dauerhaft etablieren. Griechenland wurde 2010 komplett aufgegeben, der Gang nach Kroatien und in die Slowakei kurz vor knapp wieder abgeblasen.

Die Schattenseiten des Billigwahns und damit auch Aldi werden nicht unter den Teppich gekehrt, weder die Mülllawine noch, dass die radikale Preispolitik manchen Lieferanten in den Ruin trieb. Aldi zahlte, das ist verbürgt, die höchsten Gehälter in der Einzelhandelsbranche, aber fast alle Mitarbeiter arbeiteten deutlich mehr als die vereinbarten Stunden – was denn doch dazu führte, dass Aldi die geringsten Personalkosten hatte. Wie Knopp zudem darlegt, bestand oft ein Viertel einer Filialbelegschaft aus Azubis, manchmal sogar zu 40 Prozent. Ihr Lohn betrug kaum die Hälfte einer normalen Kassiererin, Leistungsprovisionen erhielten sie keine. Nach zwei Jahren bekam nur ein kleiner Teil der Azubis die Chance, das dritte Lehrjahr zu absolvieren und sich tatsächlich zum Einzelhandelskaufmann ausbilden zu lassen. Knopps Zeuge Straub lässt wissen, dass unter zehn Prozent derer, die eine Ausbildung bei Aldi angefangen hatten, längerfristig im Unternehmen blieben.

Und plötzlich war Geiz „geil“

Erhellend sind auch die Ausführungen zum Imagewandel, der Mitte der 1980er-Jahre einsetzte. Der preiswerte Einkauf galt als schick, auch betuchtere Kreise gingen zum Discounter. Knoop schreibt griffig: „In der Kassenschlange bei Aldi waren alle gleich: arme Schlucker und reiche Schnösel, Konservative und Sozis, Muslime und Christen, Griechen und Türken, Schalker und Dortmunder. Echte ,Konsumdemokratie‘, wenn auch nur für die Dauer eines Einkaufs.“ Die 1990er-Jahre setzten dann sogar noch einen drauf. Aldi wurde Kult.

Wie das passieren konnte? Nun, zum einen, weil Geiz plötzlich nicht nur bei einschlägigen Sparfüchsen „geil“ war, zum anderen passte das asketisch-nüchterne Ambiente von Aldi-Läden ausgezeichnet zum neuen Zeitgefühl, wegen dem plötzlich Edelboutiquen den Reiz einer Bahnhofshalle versprühten und Kunstgalerien mit Industriecharme zu punkten versuchten. Man gefiel sich in der „neuen deutschen Bescheidenheit“, der von Knopp zitierte Trendforscher Matthias Horx prägte für dieses Phänomen die griffige Formel „Aldisierung“.

Aber dann erfand sich Aldi neu. Der Trend zur Schlichtheit ebbte ab – was das konkurrierende Unternehmen Lidl viel früher erkannte. Viele Kunden suchten nun auch beim Discounter ein Mindestmaß an Erlebnis. Man setzte mehr auf größeres Angebot, auf frische und regionale Produkte und gehobene Ausstattung. In den Zentralen der Unternehmen gönnt man sich laut Knopp sogar „Pressesprecher, die mehr machen, als nur Anfragen abweisen“.

G. Knopp: Schampus für alle. Aldi – eine deutsche Geschichte. S. Fischer Verlage, Frankfurt. 352 S., 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro

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