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Wie die Stasi 1980 einen Streik in Westberlin niederschlug

Ein erregender Roman basiert auf einem weithin unbekannten Vorfall der deutschen Geschichte.

Dass die Stasi ihr eigenes Volk beobachtete und bei Protestzügen aktiv wurde wie hier im Herbst 1989, ist bekannt. Weniger aber, dass Mielkes Truppe 1980 in Westberlin einen Streik niederschlug.
Dass die Stasi ihr eigenes Volk beobachtete und bei Protestzügen aktiv wurde wie hier im Herbst 1989, ist bekannt. Weniger aber, dass Mielkes Truppe 1980 in Westberlin einen Streik niederschlug. © BStU

Von Rainer Rönsch

Ein Debütant thematisiert in einem Polit-Thriller gern ein sensationelles Ereignis. Hier aber schildert der namhafte Journalist Hans-Ulrich Jörges, lange Jahre Mitglied der Chefredaktion des Nachrichtenmagazins Stern, in seinem Romanerstling einen weithin unbekannten Vorfall aus der deutsch-deutschen Geschichte. Eine Absurdität der deutschen Spaltung war die Zuständigkeit der „Deutschen Reichsbahn“ der DDR für die S-Bahn in Westberlin. Beschäftigt wurden rund 3.000 Westberliner, vorzugsweise Kommunisten und Sympathisanten. Die verdienten rund ein Viertel weniger als ihre Kollegen bei der Bundesbahn, die Rentenversicherung in Ostmark war fast wertlos. Im Februar 1980 kam es zu fristlosen Kündigungen. Unmut regte sich, ein Drittel der Westberliner Beschäftigten folgte einem Streikaufruf. Der Bahnverkehr wurde unterbrochen, die politischen und wirtschaftlichen Folgen waren unabsehbar.

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Auch weil der Streik an dem Tag begann, an dem die polnische „Solidarität“ als Gewerkschaft zugelassen wurde, wollten Ost und West das Westberliner Signal schnellstens auf Halt stellen. Mit westlicher Duldung schlug eine Einsatztruppe der Stasi am 23. September den Streik nieder. Auf den Schienen marschierend, überschritten die Stasileute mit Schlagstöcken und Einbruchswerkzeugen die Grenze, von britischer Militärpolizei halb eskortiert, halb überwacht. Bestreikte Bahnhöfe, Stellwerke, später die Streikzentrale im Containerbahnhof Moabit wurden geräumt. Ohne Blutvergießen, aber mit Gewalt.

Wichtige Dokumente verschwanden im Westen spurlos

Der Autor Hans-Ulrich Jörges hat 18 Jahre lang seine Politik-Kolumne „Zwischenruf aus Berlin“ im Stern veröffentlicht. Er kennt das Umfeld jenes Streiks genau, denn er war mittendrin. Als Westberlin-Korrespondent der britischen Agentur Reuters erfuhr er frühzeitig vom Streikplan. Noch heute besitzt er ein Dokument, das ihm Zugang zur Streikzentrale gewährte. Warum hat er dem Thema keine Dokumentation gewidmet? Unter anderem, weil in Westberlin wichtige Unterlagen über den Streik spurlos verschwanden. Doch eiskalte Formulierungen einer Bonner Staatssekretärsrunde verraten, dass man die illegale Aktion der Stasi akzeptiert hat.

Authentisch wird erzählt, wie es in der Streikzentrale zuging und wie der junge Reuters-Korrespondent Valentin Freytag vom Beobachter zum Streikhelfer wurde. Charaktere auf der dem Unrecht dienenden Gegenseite sind schwer zu gestalten. Bei Klischees wie einem säuerlich riechenden Stasioffizier belässt es der Autor nicht. Ein Leutnant und überzeugter Kommunist will den Streik nicht zerschlagen und hat Glück, dass er nur in die Braunkohle geschickt wird. Andere Abtrünnige bezahlen mit dem Leben. Szenen im Bundeskanzleramt und im Politbüro zeugen von der Erfahrung des Autors als politischer Beobachter; da klingt jeder Ton stimmig. Insgesamt ein erregendes Buch über die „dunkelste Stunde der Entspannungspolitik“.

Hans-Ulrich Jörges: Stille Invasion. be.bra Verlag, 224 Seiten, 22 Euro

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