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Wie ein Baby in der DDR verschwand

Im neuen Roman des Dresdner Bestsellerautors Frank Goldammer geht es um eine fanatische Wahrheitssuche.

Frank Goldammers neuer Roman dreht sich um ein angeblich totes Baby.
Frank Goldammers neuer Roman dreht sich um ein angeblich totes Baby. © Christine Fenzl

Wer noch keinen Verfolgungswahn hat, kann ihn beim Lesen des neuen Romans von Frank Goldammer leicht bekommen. Schatten lauern in der Dunkelheit, Schrankfächer stehen plötzlich offen, und anonyme Briefe verheißen nichts Gutes. Die Geschichte beginnt 1973 in einer Dresdner Frauenklinik. Ricarda Raspe erfährt, dass ihr Baby kurz nach der Geburt starb. Das will sie nicht glauben. 

Ein Leben lang sucht sie das Kind. Sie verdächtigt ihren eigenen Vater. Er missbilligte ihre unstandesgemäße Liebe zu einem Monteur und die Schwangerschaft – als Klinikchef hätte er das Baby beseitigen können. Oder gab er es zur Adoption weg? War er in dunkle Geschäfte verwickelt und erpresst worden? So vermutet es der Polizist Thomas Rust. Er hatte nachts bei der Klinik einen Moskwitsch mit Berliner Kennzeichen beobachtet. Seine Nachforschungen führen in höchste Kreise der Kommerziellen Koordinierung in der DDR.

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"Der Angstmann" mit Traum-Auflage

Die jüngere ostdeutsche Geschichte spielt als Kulisse immer mit in den Romanen des Dresdner Autors Frank Goldammer. Nach Anläufen in kleineren Verlagen kam er vor vier Jahren zum Deutschen Taschenbuch Verlag und gleich zu Bestsellerehren: Der Krimi „Der Angstmann“ erschien mit der traumhaften Auflage von 100.000 Exemplaren. Kriminalinspektor Max Heller hat seinen ersten Auftritt. Der sechste Heller-Band folgt nächstes Frühjahr. Weil aber Frank Goldammer das Schreiben braucht wie andere Leute Drogen, erfindet er auch Geschichten ohne Inspektor. Spannend sind sie allemal.

In „Zwei fremde Leben“ spannt der Autor die Fäden von den Siebzigerjahren über die Neunziger bis in die unmittelbare Gegenwart. Eine Frau habe ihn nach einer Lesung auf das Thema Zwangsadoption in der DDR aufmerksam gemacht, erzählt Frank Goldammer. Er recherchierte in der Fachliteratur, stieß auf widersprüchliche Angaben, studierte Berichte von Betroffenen, las von der Exhumierung eines Kindes in Dresden und baut all das in seinen Roman ein. Auch seine Erfahrung als Handwerker. 

In den Nachwendejahren lernte er in der Malerfirma des Vaters und erlebte, dass Großkunden ihre Rechnungen unter Vorwänden oft nicht bezahlten. Die neue Freiheit „ließ zu viel Platz für Geschäftemacher, Betrüger und Scheinheilige und fraß das Vertrauen der Leute, die geglaubt hatten, jetzt ihres eigenen Glückes Schmied zu sein“, heißt es im Buch. „Die Zukunft hatten sie sich so nicht vorgestellt.“

Zwei Besessene

Inzwischen leitet Goldammer die Firma selbst. Weder die Ausbildung zählt noch die Berufserfahrung, stellt Ricarda Raspe fest. Sie wird arbeitslos, schreibt Dutzende Bewerbungen und fühlt sich schließlich im Callcenter eines Möbelhauses wie eine Leibeigene behandelt. Ihre Ehe ist längst kaputt. Doch die Suche nach ihrem Kind gibt sie nie auf. 

Auch der Polizist Thomas Rust folgt hartnäckig seinem Verdacht.Hier werden zwei Besessene porträtiert, die Gewissheit wollen um jeden Preis und kriminelle Methoden dabei nicht scheuen. Bei allem Verständnis bleiben sie einem suspekt. Goldammer zeigt seine Figuren differenziert, von unterschiedlichen Seiten. 

Er lockt die Leser auf falsche Fährten und erfindet nach einer überraschenden Wendung die nächste. „Du bist gar nicht unser Kind!“, zischt eine wütende Mutter ihre halbwüchsige renitente Tochter an. Gut 300 Seiten später wird man erfahren, zu wem die Tochter gehört. Vorsicht vor voreiligen Schlüssen!

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