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Wie ein DDR-Fotograf Westmusik knipste

Einmal traten die Rolling Stones in Warschau während des Kalten Krieges auf – festgehalten von einem Studenten.

Die Menge im Dunkeln tobt. Mick Jagger heizt sie im Warschauer Kulturpalast noch an.
Die Menge im Dunkeln tobt. Mick Jagger heizt sie im Warschauer Kulturpalast noch an. © Michael Wagner/Archiv: Robert-Havemann-Gesellschaf

Von Thomas Purschke

Christoph Ochs zieht seine weißen Handschuhe an. Dann zupft der Fotoarchivar der Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin behutsam aus einer großen gelben Original-Pappschachtel mit dem Aufdruck „Fotopapier“ und dem alten DDR-Firmen-Logo „ORWO“ historische Schwarz-Weiß-Abzüge, die ein ganz besonderes Ereignis dokumentieren. Es sind einzigartige Aufnahmen des damaligen Fotografie-Studenten Michael Wagner aus Cottbus, vom Konzert der von den DDR-Kulturfunktionären damals gehassten britischen Rock-Kapelle Rolling Stones in Warschau am 13. April 1967.

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Ein Foto zeigt den Sänger Mick Jagger im Warschau-Konzert, damals 23 Jahre jung, der bei einem seiner zahlreichen Luftsprünge förmlich einen halben Meter über der Bühne schwebt. Die Dynamik und Ekstase dieses Augenblicks hat der damalige Fotostudent Wagner mit seiner analogen Spiegelreflexkamera für die Ewigkeit auf hervorragende Weise festgehalten. Auch die Warschau-Aufnahmen von Brian Jones mit seiner Gitarre oder Keith Richards, der mit nachdenklicher Miene in einem Sessel sitzt, ein begeistertes Publikum und viele weitere Motive von Michael Wagner sind von hoher Qualität. Diese Fotos wurden bisher noch nie öffentlich in einer Ausstellung gezeigt.

Bei Westmusik liberaler als die DDR

Die beiden jeweils kaum einstündigen Auftritte der Stones in Warschau, die zu jener schon drogen- und alkoholgeschwängerten Zeit als Revoluzzer im Westen die Grenzen der Provokation im Musikgeschäft und darüber hinaus gewaltig verschoben, fanden an jenem 13. April im riesigen Kulturpalast um 17 Uhr und noch mal um 20.30 Uhr statt. Das Besondere daran: Es war das einzige Konzert der Rolling Stones zu Hochzeiten des Kalten Krieges hinter dem Eisernen Vorhang, abgesehen von zwei weiteren Auftritten in Zagreb im Juni 1976 in Jugoslawien. Der DDR-Staatschef Ulbricht und sein Nachfolger Honecker hätten dies nie zugelassen. Auch der 1967 amtierende polnische Parteichef Wladislaw Gomulka war ein Hardliner. Doch in Sachen Westmusik ging es im Nachbarland einst ein Stück weit liberaler als in der DDR zu. Die polnischen Kulturfunktionäre hatten auch die britischen Bands „The Animals“ mit Eric Burdon und die „Hollies“ nach Warschau zu Konzerten geholt. In der DDR traten die Stones erstmalig nach dem Mauerfall, am 13. und 14. August 1990, in Berlin auf.

Christoph Ochs hat in seinen Arbeitsräumen in der Robert-Havemann-Gesellschaft einen riesigen Fundus an Exponaten. Das Archiv der DDR-Opposition sammelt, bewahrt und erschließt jegliches Material zum Aufbegehren und Widerstand gegen die kommunistische Diktatur in der DDR. Nach dem Umzug der Havemann-Gesellschaft vor zwei Jahren vom Prenzlauer Berg befindet sich diese nun direkt in der einstigen Stasi-Zentrale an der Ruschestraße. Also dort, von wo aus auch DDR-Stones-Fans besonders in den 1960er-Jahren als „feindliche und dekadente Subjekte“ von der DDR-Geheimpolizei überwacht und verfolgt wurden.

Von der „FF dabei“ zum "Filmspiegel"

Im „Haus 17“ auf dem Gelände, wo ab Mitte der 80er-Jahre die Stasi-Abteilung Büro der Leitung und die Zentrale Arbeitsgruppe Geheimnisschutz (ZAGG) residierte, befindet sich nun das große Archiv der DDR-Opposition. Neben viel bedeutendem Schriftgut, Sachexponaten, Fotos und Filmen, liegt hier gut verwahrt in vier großen Umzugskisten auch das Lebenswerk des Fotografen Michael Wagner, insgesamt über 30.000 Fotos, Mittelformat- und Kleinbild-Negative sowie Dias. Archivar Ochs freut sich, dass die Wagner-Fotos, die vornehmlich aus der Zeit von 1967 bis 1990 stammen, viel DDR-Zeitgeschichte abbilden. Anfang 2019 bekam Christoph Ochs den Hinweis, dass der Fotograf Michael Wagner aus Friedrichshain seine Fotos gerne in ein Archiv geben würde. Er besuchte den Pensionär und ließ sich dessen berufliche Lebensgeschichte erzählen.

Bereits während des Fotografie-Studiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig reiste Michael Wagner mit Kommilitonen nach Polen. Er arbeitete von 1970 bis 1977 bei der DDR-Fernsehzeitung „FF dabei“ in Berlin. Weil ihn die sozialistischen Vorgaben, was er zu fotografieren habe und was nicht, in seiner künstlerischen Freiheit einschränkten, ging er danach bis 1981 zur Zeitschrift „Filmspiegel“, wo er vornehmlich Schauspieler ablichtete. Weil Wagner ein bescheidener Mensch gewesen sei, der sich nie in den Mittelpunkt spielte, habe er auch die einzigartigen Stones-Fotos aus Warschau nie irgendwo veröffentlicht oder öffentlich ausgestellt, erklärt Ochs. Nach 1991 arbeitete Wagner, der lieber als stiller Beobachter des Zeitgeschehens hinter seiner Foto-Kamera wirkte, in verschiedenen ABM-Maßnahmen.

Mit Glück und List in den Saal

Als Wagner 1967 von dem geplanten Stones-Konzert hörte, fuhr er mit Mitstudenten nach Warschau. Eine Eintrittskarte hatten sie natürlich nicht. Vor dem Kulturpalast gab es ein großes Gedränge, viele der Stones-Fans hatten keine Tickets bekommen, da die polnische Staatspartei und ihre sozialistische Jugendorganisation das Konzert im großen Kongress-Saal vornehmlich mit staatstreuen Leuten füllte. Der Saal hatte eine Kapazität von 2.700 Menschen und war drastisch überfüllt. Die Polizei setzte Knüppel und Tränengas gegen die wütenden Musikfans vor dem Kulturtempel ein. Kurz vor Konzertbeginn gelang es Wagner und seinen Freunden dennoch mit etwas Glück und List, mit ihren Studentenausweisen in den Veranstaltungssaal reinzukommen. So konnten sie vom Bühnenrand und zwischen den beiden Kurz-Konzerten auch Backstage die damals schon weltbekannten und von der Jugend in Ost und West verehrten Musiker aus England, aus nächster Nähe ablichten.

Für Michael Wagner sei es eines der schönsten Erlebnisse in seiner Berufslaufbahn gewesen, erzählt Christoph Ochs. „Als er mir bei der Übergabe seines Fotoarchivs seine Werke erklärte, zeigte er mir sofort die Stones-Bilder, und er hatte dabei leuchtende Augen“, erinnert sich Ochs an diesen bewegenden Moment im März diesen Jahres. Das sei damals in Warschau eine tolldreiste Aktion gewesen, die er sein ganzes Leben nicht vergessen habe, hat Wagner zu Ochs gesagt. Wenige Tage später, am 30. März 2019, verstarb Michael Wagner an einer schweren Krankheit.

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Wagners Ehefrau Angelika ergänzt am Telefon: „Es gab gute private Kontakte nach Polen und nahezu jährliche Besuche“ zusammen mit ihrem Mann, der seit seiner Jugend ein begeisterter Musikfan war und eine große Schallplattensammlung hatte. „Und die Stones hat er natürlich besonders geliebt.“ Ein weiteres „bewegendes Ereignis“ für das Ehepaar Wagner war der Mauerfall 1989, wo sie „in der Nacht noch am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße nach Westberlin“ liefen. Jedoch ein Konzert der Stones haben die beiden nach 1989 nie besucht. „Mein Mann zehrte von seinen Erinnerungen an 1967. Große Stadionauftritte mit so vielen Menschen haben ihn weniger interessiert.“

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