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Wie habt ihr das gemacht?

Ost und West sind sich dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch nicht einig. Wie sich das ändern kann - ein Gastbeitrag.

Berlin, 10. November 1989:
Nach Öffnung der DDR-Grenzen zum Westen. Schüler aus dem Bezirk Wedding bilden auf der Böse-Brücke am Grenzübergang Bornholmer Straße ein Begrüßungsspalier für Besucher aus dem Ostteil der Stadt.
Berlin, 10. November 1989: Nach Öffnung der DDR-Grenzen zum Westen. Schüler aus dem Bezirk Wedding bilden auf der Böse-Brücke am Grenzübergang Bornholmer Straße ein Begrüßungsspalier für Besucher aus dem Ostteil der Stadt. © akg-images

Von Carolin Wilms

Wie habt ihr das gemacht? How did you guys do that? Diese anerkennende Frage stellten uns ausländische Freunde, Kollegen, ja Taxifahrer auf der ganzen Welt, wenn es um die deutsche Wiedervereinigung ging.

Solche Unterhaltungen führten meine in Thüringen geborene Co-Autorin Ilka Wild und ich, aus Bremen stammend, als wir mehrere Jahre im Ausland unabhängig voneinander gearbeitet haben. Die Frage trieb uns umso mehr um, nachdem wir auch in beiden Landesteilen gelebt hatten und heute als freie Journalistinnen unser Geld in Leipzig und in Taiwan verdienen.

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Von außen, also mit dem Weitwinkel-Objektiv betrachtet, scheint die deutsche Einheit eine einmalige Erfolgsgeschichte zu sein. Aber ist das Land auch zusammengewachsen? Sind sich Ost und West einig?

Gibt es die eine Antwort auf diese Frage oder würden wir 83 Millionen unterschiedliche bekommen, wenn wir jeden befragten? Als Journalistinnen haben wir im Alltag, im Beruf, im Freundeskreis Beobachtungen angestellt, Studien gelesen, Fakten gesammelt und dies in unserem Buch „Sind wir uns wirklich einig?“ kontrastiert.

Als ich wenige Jahre nach der Wiedervereinigung in Mexiko-City arbeitete, sagte mein mexikanischer Chef zu mir, wie sehr er sich für die Deutschen freue, wie großartig das sei, und legte dabei seine Hand aufs Herz, wie man es in emotionalen Momenten in Mexiko macht: La patria – das Heimatland – spielt in Mexiko eine sehr große Rolle. Ich kann mich an meine Antwort nicht mehr erinnern: aber Hand aufs Herz, pathetisch war sie bestimmt nicht.

Als ich nach Deutschland zurückkehrte, konnte ich erleben, wie zäh die Wiedervereinigung in der Umsetzung war, die aus der Ferne so herzergreifend wirkte. Denn aus der supertotalen Perspektive verlieren sich die Einzelschicksale. Mit dem Teleobjektiv betrachtet, wird klarer, was sich hinter dem abstrakten Begriff des Transformationsprozesses für jede Einzelne und jeden Einzelnen im Osten verbarg: Alle hatten nach über 55 Jahren durchgängiger Diktaturerfahrung – davon vierzig Jahre Sozialismus – individuell eine tiefgreifende Veränderung ihres gesamten Lebens zu bewältigen. Die Zusicherung, dass „schon bald blühende Landschaften“ entstehen würden, konnte sich angesichts des fundamentalen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Wandels nicht erfüllen.

Bedürfnis nach einer „heilen Welt“

Die Erwartungen wurden rasch gedämpft und die Ursachen für das schmerzhafte Empfinden darüber hat viele Väter: Die Auswirkungen des vierzig Jahre waltenden Sozialismus oder die Auswüchse des Kapitalismus und der Demokratie? Je nach politischem Lager fanden Reinwaschungen statt, Salz wurde in offene Wunden gerieben und berechtigte Fragen gestellt: Hat nicht jedes Land einen Geheimdienst? Warum sollte die DDR dann keine Stasi haben? War nicht an allem die Treuhand schuld? Warum gibt es keine Ost-Quote? Wie soll die Stimme der Menschen im Osten in den Medien und in der Wirtschaft Widerhall finden, wenn sie dort nicht vorkommen? Wie sollen sie nachwachsenden Generationen ein Beispiel sein, wenn sie nicht repräsentiert sind?

Der Osten kannte den Westen schon immer besser, weil das andere Deutschland vielleicht nicht für jeden Sehnsuchtsort war, dafür aber trinkbaren Kaffee und Meinungsfreiheit hatte, die man im Osten nur aus dem West-Fernsehen kannte. Gleichzeitig entsprach dieses vermittelte Bild des Westens nur bedingt der Realität: Das Einfamilienhaus, wie es die Familie Schuhmann in einer ZDF-Serie bewohnte, war und ist nicht der westdeutsche Standard. Es befriedigte vielmehr das Bedürfnis der West-Deutschen nach einer „heilen Welt“ und erzeugte im Osten falsche Vorstellungen. Im Gegensatz dazu wussten viele Menschen im westlichen Teil des Landes nicht viel über den Osten. Das lag auch daran, dass es im Westen kein vergleichbares Medium gab, um sich damals ein Bild über die Situation im Osten zu machen. Menschen wie ich, die weit von der innerdeutschen Grenze entfernt lebten und keine Verwandtschaft im Osten hatten, fehlte ein Anknüpfungspunkt; zudem war für fast alle von uns der Westen der Nabel der Welt.

Seitdem sind 30 Jahre ins Land gegangen, die Informationen sind vielfältig vorhanden und die Möglichkeit, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, ist grenzenlos. Leider werden sie etwa in der Schule nicht in dem Maße genutzt, das notwendig wäre, um bei Schülern das Verständnis zu wecken und das Wissen zu vertiefen. Analysen zeigen, dass dieser Teil der Zeitgeschichte meist nicht behandelt wird und auch Klassenfahrten oder Projekttage den Schülern selten Zeit und Raum geben, sich mit diesem wichtigen Kapitel zu befassen. Das ist umso bedauerlicher, als wir in der deutschen Geschichte kein vergleichbar positives Ereignis aufzuweisen haben wie die friedlich erreichte Selbstbefreiung der Ostdeutschen.

Muss man jeden Satz mit „Ja, aber“ beginnen?

Gerade das Interesse und die Offenheit voneinander mehr zu erfahren, ist eine Gelegenheit, eingefahrene Sichtweisen differenziert zu hinterfragen: Hängt der Osten am Geldhahn des Westens? War in der DDR alles fantastisch oder muss man restlos alles verteufeln? Muss man jeden Satz mit „Ja, aber“ beginnen oder mit „es hätte alles so viel schöner sein können“ beenden? Hat wirklich alles, was mit enormer finanzieller Unterstützung aufgebaut wurde, ein Kainsmal, weil es nicht genuin ist? Bringen uns Begriffe wie „Bürger zweiter Klasse“ wirklich weiter oder nähren sie nur eine Selbstminorisierung, ähnlich wie „Besatzer“ eher an eine Kriegsrhetorik erinnert, die wir lange hinter uns glaubten? Ist es da nicht ratsamer, das Erreichte als Erfolg zu sehen?

Dabei sollen die Fehler, die im Zuge der Wiedervereinigung gemacht wurden, nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber eine andauernde rückwärtsgewandte Fehlersuche und dessen Aufarbeitung wird kaum Erkenntnisse hervorbringen, die es nicht schon gibt, und gleichzeitig Energie binden, die notwendig ist, um an der Verbesserung der jetzigen Lebensverhältnisse und vor allem an Zukunftschancen zu arbeiten.

Ob es ein Trost ist, festzustellen, dass eine gesamtdeutsche Eigenschaft das Kritisieren ist? Während die Mexikaner beherzt ihr „Viva!“ rufen, betrachten wir den schalen Bierrest im vermeintlich halbleeren Glas. Darauf und auf die eingangs gestellte Frage geben wir ausführlich Antwort in unserem Buch „Sind wir uns wirklich einig?“.

Carolin Wilms ist freie Journalistin in Leipzig und schreibt für die FAZ. Im April erschien im Mitteldeutschen Verlag das Buch „Sind wir uns wirklich einig?“ von Wilms und Ilka Wild.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

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