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„Hausfrau, spare Gas!“

Gas sparen ist nicht zum ersten Mal Thema, Krieg leider auch nicht. Was SZ-Autorin Karin Großmann von einem Aufsatz ihrer Mutter lernt.

Von Karin Großmann
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Gas sparen, das war schon Thema in der Jugend von Karin Großmanns Mutter.
Gas sparen, das war schon Thema in der Jugend von Karin Großmanns Mutter. ©  Symbolbild/pexels.com

Die Bilder sind von der Wand genommen. Das Geschirr ist verschenkt. Die Säcke mit den Sommer- und Wintersachen liegen in den Containern der Kleidersammlung. Nun ist die Wohnung leer. Was bleibt, sind die Manschettenknöpfe des Vaters mit falschen Funkelsteinen, die lebenslänglich gehütete Lieblingsbluse der Mutter und ein Kartoffelschäler. Endlich mal einer, der weiß, wie´s geht. Vier Umzugskartons im Keller bleiben, mit allem, was man gewiss nie brauchen wird, aber nicht wegwerfen kann.

Dort bei den Memorabilien liegt in einem Stapel von Aufsatzheften ein dünner gelbbrauner Einband. „Hausfrau, spare Gas!“ steht darauf. Vier unlinierte Papierblätter sind mit einem weißen Faden hineingeheftet.

Eine Federzeichnung zeigt heftig rauchende Schlote ein halbes Jahr vor Kriegsende. 19.9.1944. Das Datum ist auf dem ersten Blatt notiert neben dem Namen der Schülerin und einem Bild. Mutter war gut im Zeichnen. Vielleicht wirkt der Herd etwas abschüssig. Eine junge Frau mit Küchenschürze steht davor. Sie hebt mit der linken Hand einen Deckel vom kochenden Topf und dreht mit der Rechten das Gas herunter. Das ist das Wichtigste an dem Bild. Runterdrehen und abschalten.

"Wir brauchen sehr viel Gas für die Rüstung"

Für den Aufsatz hat sich die Verfasserin etwas einfallen lassen. Sie ist gerade mal 15 und tut, als würde sie einen Vortrag für Hausfrauen halten. Es ist immer gut, das Publikum mitzunehmen. „Sie werden sich gewiss schon einmal gefragt haben, warum wir eigentlich Gas sparen müssen.“ Mangels Erklärbär gibt die Schreiberin selbst die Antwort: „Wir brauchen sehr viel Gas für die Rüstung.“ Das Wort Gas hat die Lehrerin mit roter Tinte gestrichen und durch Kohle ersetzt. Aber das Prinzip stimmt.

Die Rechnung im Aufsatz dürfte nicht nur Habeck begeistern. Wenn ein Haushalt im Monat nur einen Kubikmeter Gas spare, ergäbe das eine Jahresersparnis von 144 Millionen Kubikmeter für alle deutschen Haushalte. Damit könnten 22.500 Panzer, 63.000.000 Gewehrläufe, 9.000.000.000 Handgranaten und 20.000.000.000 Gewehrpatronen hergestellt werden. Die Zahlen korrigiert die Lehrerin nicht. Wer weiß, woher Mutter die vielen Nullen hat.

Auf den ideologischen Teil folgt der praktische, und da kann man lesen, wie sie die lieben Hausfrauen an die Hand nimmt. Sie hätten sich wohl nie mit Sorgfalt um den Brenner am Kocher gekümmert? Das sollten sie nachholen! Am besten eigne sich eine Bürste. Dann brenne die Flamme heller und größer. Der untere Topfrand solle mit der Flamme abschließen. „Die Flammen, die darüber hinausschlagen, sind verlorenes Gas.“ Eine Topfunterlage verzögere nur die Erwärmung. Und natürlich brauche jeder Topf einen Deckel. Es sind immer wieder die gleichen Ratschläge, und sie werden immer wieder gern genommen. In breiten, niedrigen Töpfen kocht Wasser schneller als in schmalen, hohen. Das wussten schon die Hausfrauen am Höhlenfeuer.

In feiner Schreibschrift folgt ein Exkurs über richtiges Einkochen. Gleich ist die Erinnerung wieder da an das endlose Abschnippeln von Stachelbeeren im Garten. Jede Beere mit der Schere, oben und unten, Bärtchen und Stiel, und das Kompott schmeckt nicht mal. Wir wären damals froh gewesen, wenn wir mehr … Schon gut. Alle historischen Vergleiche hinken. Aber vielleicht ist der Tipp zum Turmkochen brauchbar? „Wenn Sie täglich über dem Kartoffeltopf das Spülwasser mit erwärmen, haben Sie viel Gas gespart.“

„Vorteilhaft für die Hausfrau“

Das Aufwaschen unter fließendem heißem Wasser können wir uns nicht mehr leisten, schreibt Mutter 1944. Nie hat sie später unter fließendem Wasser aufgewaschen. Nie. Aber manchmal hat sie den Reis ins Bett gestellt. Ersatz für die Kochkiste, die sie in ihrem Aufsatz als „vorteilhaft für die Hausfrau“ bezeichnet. Man könne so was auch selber herstellen aus einer Kiste mit Lumpen und Holzwolle. Gut zugedeckt, werde die angekochte Speise von selber gar. Dauert bloß länger.

Kochkisten werden vermutlich das Trendthema dieses Winters. Hält karierter Stoff besser warm als gestreifter, und wie sieht es mit Daunen aus? Werden sich nicht die Vitamine zersetzen und irgendwelche Bakterien furchtbar vermehren? Hauptsache, Gas wird gespart. „Sie helfen damit unseren Soldaten auf Ihre Weise, die Entscheidung zugunsten Deutschlands herbeizuführen.“ Inhalt, Ausdruck und Rechtschreibung zwei, Äußeres eins bis zwei. Das Wort Krieg taucht in dem Aufsatz kein einziges Mal auf. Was für ein Glück. Dass Mutter schon tot ist.