merken
PLUS Feuilleton

Gibt es zu viel Welterbe in Deutschland?

Die Welterbe-Auszeichnung bedeutet touristische Aufmerksamkeit und Einnahmen. Doch gibt es auch eine Kehrseite.

Die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal war von 2004 bis 2009 Weltkulturerbe. Die Unesco hat den Titel aberkannt, nachdem 2007 die Waldschlößchenbrücke erbaut wurde.
Die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal war von 2004 bis 2009 Weltkulturerbe. Die Unesco hat den Titel aberkannt, nachdem 2007 die Waldschlößchenbrücke erbaut wurde. © Marco Klinger

Von Gregor Tholl

Deutschland hat wieder ein paar Welterbe-Titel mehr. 50 von der Unesco mit dem Titel bedachte Stätten in der Bundesrepublik werden gezählt. Neu sind seit ein paar Tagen auf der Liste die Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen neben acht anderen europäischen Bädern wie Spa und Karlsbad. Zudem die Schum-Stätten in Mainz, Worms und Speyer als eine Wiege des europäischen Judentums, der Niedergermanische Limes als Teil der Grenze des Römischen Reichs und die Jugendstil-Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt. Das ist ja alles schön und gut für diese Orte, denken viele. Aber ist es nicht vielleicht ein bisschen übertrieben?

Anzeige
Banksy erobert Dresden
Banksy erobert Dresden

Die Ausstellung „The Mystery of Banksy – A Genius Mind“ gibt einen umfassenden Überblick und Einblick in das Gesamtwerk des Genies und Ausnahmekünstlers.

„Hinter Italien und China steht Deutschland jetzt auf Platz drei der Nationenliste. Für ein schwer kriegszerstörtes Land ohne spektakuläre Naturwunder scheint mir das recht weit oben, ganz gleich, welchen Maßstab man anlegt“, sagt Christoph Brumann vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle an der Saale. Der Experte, der gerade dieses Jahr in New York das Buch „The Best We Share: Nation, Culture and World-Making in the Unesco World Heritage Arena“ publiziert hat, findet gut, dass die Welterbeliste anders als anfangs nicht mehr nur aus Palästen, Kathedralen und Altstädten bestehe. „Doch hat sich nichts daran geändert, dass die Initiative vom jeweiligen Staat kommen muss.“

Den europäischen Ländern falle es mit ihrer Erfahrung und ihren Ressourcen leichter, die notwendigen Nominierungsdossiers mit Hunderten oder gar Tausenden Seiten zu verfassen, sagt Professor Brumann. Auch in diesem Jahr sei deshalb wieder mehr als die Hälfte der neuen Nominierungen aus Europa gekommen. „Die Absichten sind nicht eurozentrisch, doch die Ergebnisse sind es.“

Kultur- und Naturstätten von „herausragendem universellen Wert“

Als Welterbe werden Kultur- und Naturstätten von „herausragendem universellen Wert“ ausgezeichnet, wie es die Unesco – die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation mit Sitz in Paris – formuliert. Den Anstoß zur Schaffung der Welterbekonvention gab der Aufruf der Unesco vom 8. März 1960, die durch den Bau des Assuan-Staudammes vom Nil bedrohten Denkmale in Nubien für die Nachwelt zu retten. Die Tempel von Abu Simbel und Philae wurden abgetragen und 180 Meter landeinwärts an einer 64 Meter höher gelegenen Stelle wieder aufgebaut. Diese Kampagne kostete gut 80 Millionen US-Dollar. Etwa die Hälfte der Gelder kam aus Spenden von 50 Ländern. Obwohl es sich bei Abu Simbel um eine fassadierte Rekonstruktion handelt, wurde der Denkmalwert dieses Bauwerks ausdrücklich betont.

Mit Stand 2021 umfasst diese Liste 1.121 Stätten in 167 Ländern. Davon sind 869 als Weltkulturerbe und 213 als Weltnaturerbe gelistet, weitere 39 Stätten werden als gemischte Kultur- und Naturerbestätte geführt. 39 Welterbestätten sind grenzüberschreitend oder transnational.

Welterbe in Deutschland

In Deutschland sind die Welterbe inzwischen gerecht verteilt übers Land, als hätte die Unesco genau im Blick, den deutschen Föderalismus zu befriedigen. Kein Bundesland ist ohne. Der Aachener Dom als herausragendes Bauwerk der karolingischen Renaissance und Krönungsstätte vieler Könige und Kaiser ist dabei der Dienstälteste. Er gehörte 1978 neben zum Beispiel der Altstadt von Krakau zu den ersten elf Stätten überhaupt, die auf die Liste kamen.

Der gemeinhin als wichtigste Kirche Deutschlands gesehene Kölner Dom gelangte dagegen erst 18 Jahre später auf die Liste. Der Speyerer Dom in Rheinland-Pfalz wurde immerhin schon 1981 Welterbe, die Wieskirche in Oberbayern 1983, Dom und Michaeliskirche in Hildesheim 1985.Und sonst? Die Hansestadt Lübeck wurde 1987 Welterbe, die Schlösser von Potsdam 1990, die Altstadt von Quedlinburg in Sachsen-Anhalt sowie die saarländische Völklinger Hütte 1994, die thüringische Klassik-Stadt Weimar 1998, die Berliner Museumsinsel 1999, die Klosterinsel Reichenau im badischen Teil des Bodensees im Jahr 2000. 2001 wurde der Ruhrpott-Industriekomplex Zeche Zollverein in Essen Welterbe, 2002 kamen die Altstädte von Stralsund und Wismar in Mecklenburg-Vorpommern hinzu. 2004 folgten Rathaus und Roland in Bremen, 2013 der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel, 2015 Hamburgs Speicherstadt und 2019 die grandiose Montanregion Erzgebirge.

„Wollte man tatsächlich eine Weltliste haben und nicht wie jetzt eine, die fast zur Hälfte mit europäischen Stätten gefüllt ist, müssten die Europäer Pause machen bei den Nominierungen, genauso wie es innerhalb Deutschlands dann die Bundesländer mit ihren Vorschlägen machen müssten“, sagt Ethnologe Brumann. Doch dafür finde sich natürlich keine Mehrheit. „Es hängt einfach zu viel am Wachstum der Liste und an der Aussicht, einen Platz auf ihr zu ergattern.“ Die von Politikern und Touristikern so mit Aufmerksamkeit bedachte Auszeichnung bedeutet touristische Aufmerksamkeit und entsprechende Einnahmen – ungeachtet der wissenschaftlichen und politischen Einwände.

Der Ruf des Welterbetitels scheine ungebrochen. „Bis jetzt gibt es weder Absetzbewegungen seitens der Staaten noch Forderungen danach, die Welterbeliste zu schließen.“ Ethnologe Brumann erwartet keine Trendwende. „Die Welterbeliste wird weiter wachsen und weiterhin sehr europäisch bleiben.“ (dpa)

Welterbe in Sachsen

Weiterführende Artikel

Welterbe bleibt Welterbe, auch ohne Titel

Welterbe bleibt Welterbe, auch ohne Titel

Alle 16 Bundesländer haben mindestens eine Welterbestätte. Damit wird das Einmalige nivelliert. Ein Kommentar über die inflationäre Titelvergabe.

  • Das Unesco-Welterbe in Sachsen besteht aus zwei Welterbestätten: dem Muskauer Park in Bad Muskau und der Montanregion Erzgebirge.
  • In Sachsen gibt es darüber hinaus bedeutende Stätten von internationalem Rang, die für das Welterbe kandidiert hatten, darunter die Albrechtsburg als eines der ersten Residenzschlösser Deutschlands, die reiche Altstadt von Görlitz und die Göltzschtalbrücke als größte Ziegelsteinbrücke der Welt.
  • Ein Unesco-Weltnaturerbe gibt es in Sachsen bisher nicht, aber ein Unesco-Biosphärenreservat: das der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft. In dem 301 Quadratkilometer großen Reservat gibt es über 350 Teiche, seltene Tiere wie Fischotter und Kreuzotter leben in der größten Teichlandschaft Mitteleuropas.
  • Zum immateriellen Kulturerbe in Sachsen gehören die Sächsischen Knabenchöre und die Bergparaden und Bergaufzüge im Sächsischen.
  • Zum Weltdokumentenerbe in Sachsen zählen zwei Bücher des Welterbes „Renaissance-Bibliothek des Mathias Corvinus (Bibliotheca Corviniana)“. Beide Bücher weisen schwere Kriegsschäden auf. Sie werden in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aufbewahrt. Es handelt sich um das Buch „Über die Kriegskunst“ von 1472 und Ciceros „Briefe an Familienmitglieder“ aus dem 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Mehr zum Thema Feuilleton