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Amy Winehouse und Kurt Cobain singen wieder

Töne aus dem Totenreich? Nein: Künstliche Intelligenz macht’s möglich. Dahinter steckt ein ernstes Anliegen von Fans.

Eine Jahrhundertstimme, die nur 27 Jahre alt wurde. Amy Winehouse als Teenie.
Eine Jahrhundertstimme, die nur 27 Jahre alt wurde. Amy Winehouse als Teenie. © Universal

Jim Morrison hatte es bereits anno 1970 vorhergesagt: Die Technik wird die Musikindustrie irgendwann derart revolutionieren, dass bald nur noch Einzelkünstler im Rampenlicht stehen, Videos drehen und Live-Musiker nahezu obsolet werden. Eine kluge Vorausschau. Aus heutiger Sicht allerdings nicht klug genug. Denn heute können Lieder auch komplett ohne das Zutun von Musikern entstehen – mithilfe von künstlicher Intelligenz.

Damit hätte wohl weder der Doors-Sänger noch ein anderer Klang-Visionär gerechnet. Obwohl, bereits Alan Turing, der Quasi-Erfinder des Computers, baute 1951 ein Modell, das drei simple Melodien komponieren konnte. War der Weg zur digitalen Klangkunst also längst vorberechnet? Fakt ist, künstliche Intelligenz generiert inzwischen spielend „neue“ Songs. Einfach das gesamte Text- und Tonmaterial in den Computer, zum Beispiel ins KI-Programm „Magenta“ von Google einspeisen, kurz warten, und schon scheint der neue Hit programmiert.

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Auch "Nirvana"-Kopf Kurt Cobain (1967 – 1994) ist einer der Auserwählten.
Auch "Nirvana"-Kopf Kurt Cobain (1967 – 1994) ist einer der Auserwählten. © Getty Images

Ein neues Lied von Nirvana, den Doors, Jimi Hendrix oder Amy Winehouse gefällig? Überraschend ist es dann aber doch, dass es jetzt auch „neue“ Lieder längst beerdigter Helden gibt. Da kommen nicht nur Fans schnell ins Träumen bei der Frage: Was hätten die viel zu früh gegangenen Künstler noch so abliefern können? Zu hören ist das aktuell unter dem Namen „Lost Tapes Of The 27 Club“.

Mit dem Projekt wird Künstlern gedacht, die die Welt bereits im zarten Alter von 27 verließen. Im Internet stehen aktuell vier „neue“ Songs: „You‘re Gonna Kill Me“, „Drowned In The Sun“, „The Roads Are Alive“ und „Man, I Know“.Fans und Kenner der Musik ahnen bereits beim Lesen, welche der Titel welchem Künstler zuzuordnen sind. Und lauscht man den Neukreationen, dürfte so einigen schnell heiß und kalt werden.

Geschmacklos oder reizvoll?

Die Strophen und Refrains klingen wie ein Lockruf aus dem Reich der Toten, mit einem starken, futuristischen Beigeschmack. Kann man seinen Ohren noch trauen? Geschmacklos, würden einige sofort sagen. Zugleich ist es viel zu interessant, um die Stopp-Taste zu drücken. Was das Hören Sekunde für Sekunde erträglicher macht: Die Stimmen stammen nicht aus dem digital erzeugten Jenseits, sie wurden von lebenden Künstlern eingesungen.

So kann man sich ganz auf die Kompositionen konzentrieren, die es in einer analogen Welt so nie gegeben haben dürfte. Was Doors-, Nirvana, Winehouse- und Hendrix-Fans vor allem hören: halbvertraute Akkorde, Melodien, längst verschollen geglaubtes Charisma, das man gerne mal live erlebt hätte.

Großes Staunen, große Freude – doch bald wird klarer: Die berühmten Musikwelten werden damit auch ein Stück weit abgewertet, entmenschlicht. Songs, die abgeschnitten von den verblichenen Helden entstehen und von anderen gesungen werden, können nicht denselben Wert haben. Das ist schmerzlich, vor allem für Fans der ersten Stunde, aber eben auch für Nachahmer in Tribute-Bands oder in Bezug auf eigene Musik, die sich teils aus dieser Klangwelt speist. Die ach so verehrte Künstler-Individualität wurde im Computer quasi auf Nullen und Einsen heruntergerechnet.

Jimi Hendrix gehört zum "Club 27"; er wurde nur 27 Jahre alt.
Jimi Hendrix gehört zum "Club 27"; er wurde nur 27 Jahre alt. ©  Archiv/dpa

Auffällig ist auch: Die „neuen“ Lieder bewegen sich einen Hauch zu aufdringlich in bekannten Text- und Tongefilden. Gerade Kenner erleben hier, dass nur mal eben die Klang-Karten neu gemischt wurden, ohne etwas wirklich Neues zu bieten, wozu ein echter Künstler ja durchaus fähig wäre.

„The Roads Are Alive“ von den „Doors“ klingt dann eben nur wie ein neu zusammengesetztes Text-Ton-Puzzle bereits bekannter Weisen. Bei den anderen dreien ist es ähnlich. Hörenswert? Ja. Aber die künstliche Intelligenz wirkt in diesem Stadium eher künstlich als wirklich intelligent. Zum kreativen Songschreiben reicht es jedenfalls noch nicht. Dass das aber eines Tages, oder auch jetzt schon, möglich sein wird, ist zu befürchten. Dem Anliegen der Aktion „Lost Tapes of the 27 Club“ spielt das überschaubare Musik-Niveau aber eher in die Hände: Man will endlich aufräumen mit der Verklärung viel zu früh verstorbener Künstler. Denn die Überhöhung plakattauglicher Musikhelden seit den 1960ern habe viele zu Träumern gemacht, aber nur wenigen zu echten Musikkarrieren verholfen.

Die Idee dahinter: Hilfe gegen Depressionen

Das Projekt möchte die psychische Gesundheit von Musikfans stärken, dabei helfen, dass die Träume nicht zu groß werden, dass ein Scheitern nicht zu schmerzhaft verläuft und ein Leben in Rausch und Depression vermieden wird. Das darf man gut finden, blickt man auf die Tragödien der Verstorbenen, die von ihren großen Erfolgen zu Lebzeiten selbst kaum etwas hatten. „Depression wird in der Musikindustrie normalisiert und romantisiert. Ihre Musik wird als authentisches Leiden gesehen“, sagt Sean O’Connor von „Over The Bridge“, einem Unternehmen aus Toronto, das Leuten in der Musikbranche helfen möchte, mit psychischen Erkrankungen umzugehen.

Laut des 27er-Projektes glauben 71 Prozent der Musiker, schon mal Angst- und Panikattacken gehabt zu haben, bei 68 Prozent sind es Depressionen. Die Selbstmordversuchsrate sei in der Musikindustrie doppelt so hoch. „Was wäre, wenn all diese Musiker, die wir lieben, Unterstützung bei psychischen Problemen gehabt hätten?“, fragt O’Connor. Zu Recht, denn die Liste des „Club 27“ ist lang.

Hier gibt Amy Winehouse zum Reinhören

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