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Wir "Indianer" sind keine Karnevalsfiguren

Drew Hayden Taylor vom Volk der Anisinhaabe fasziniert die „Indianer“-Liebe der Deutschen. Für seinen Dokumentarfilm darüber war er auch in Sachsen.

Von Oliver Reinhard
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Drew Hayden Taylor ist schon ein bisschen aufgeregt: „Ich freue mich auf die Arbeit mit den Landesbühnen Sachsen.“
Drew Hayden Taylor ist schon ein bisschen aufgeregt: „Ich freue mich auf die Arbeit mit den Landesbühnen Sachsen.“ © privat

Es gibt in Kanada keinen erfolgreicheren indigenen Autoren, Stückeschreiber, Humoristen und Filmemacher als Drew Hayden Taylor. Momentan ist der 60-Jährige in Dresden und Radebeul, es ist sein 20. Besuch in Deutschland. Für seinen Dokumentarfilm „Searching for Winnetou“ hatte Taylor schon 2017 auch Sachsen bereist, außerdem die Pullman City nahe Passau und die Festspiele in Bad Segeberg. Eine seiner Obsessionen ist die große Leidenschaft der Deutschen für Karl May, Winnetou und die „Indianer“, an der ihm vieles gefällt, vieles aber auch nicht.

Mr. Taylor, Wie haben Sie in Kanada von der großen Leidenschaft der fernen Deutschen für Karl May, Winnetou und die Indianer erfahren?

Als Native American habe ich während meiner Besuche in Deutschland natürlich immer wieder von Karl May und Winnetou gehört. Auch von solchen Weisheiten wie „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ – aber sorry: Auch wir kennen Schmerzen.

Hätte ich jetzt nicht gedacht …

Leider doch. Und je öfter ich hier war, desto größer wurde meine Neugier auf eure Indianer-Leidenschaft. So wuchs die Idee, darüber den Film „Auf der Suche nach Winnetou“ zu drehen. Das führte mich unter anderem auf die Festspiele von Bad Segeberg und ins Karl-May-Museum Radebeul.

Wie haben Sie bei den Dreharbeiten die harten Indianer-Fans erlebt?

Bad Segeberg ist fantastisch gemachtes Familien-Entertainment, ein riesiges Theater-Event. Aber natürlich genauso authentisch wie Hollywood oder die Winnetou-Filme aus den Sechzigern. Mit Apachen, die in Tipis leben und Büffel jagen und mit Kanus über die Flüsse paddeln – nichts davon haben die Apachen getan. Die DDR-Filme waren authentischer, aber auch sie bleiben Entertainment, keine Bilder der Realität.

Sie erzählen davon mit viel Humor. Trotzdem haben Sie ein Problem damit?

Aber ja. So werden die alten verzerrenden Klischees bis in alle Ewigkeit am Leben gehalten. Und ich frage mich: Wenn man heute über die Kulturen der Native Americans doch schon so viel mehr weiß als zu Zeiten von Karl May: Warum zeigt ihr immer noch Märchen, obwohl ihr die Realität zeigen könntet? So bleiben die Natives auch weiterhin fremde Fantasiegestalten, eben „die Anderen“. Das ist eine Form von Ausgrenzung. Das gilt übrigens ebenfalls fürs Überhöhen der Ureinwohner als irgendwie reiner oder besser.

Viel kleiner, aber vergleichbar mit Bad Segeberg sind die Karl-May-Stücke auf der Felsenbühne Rathen. Und während der Karl-May-Festspiele Radebeul erlebt man etwas Ähnliches wie in Pullman City. Wie fanden Sie es dort?

Es war absolut bizarr für mich, all die verkleideten Deutschen zu sehen. Aber es gibt große Unterschiede. Einige laufen unglaublich kitschig herum, in Fantasieklamotten, man kann sogar in Holz-Tipis übernachten. Ernsthaft: Holz-Tipis! Andere Fans legen in ihrer Kleidung und beim Tanzen extremen Wert auf Authentizität. Vieles geschieht in großem Respekt vor unserer Kultur, gleichzeitig sieht man dort auch mal die Südstaaten-Flagge der Konföderierten …

… die für viele Indigene ein Symbol ist für Unterdrückung und Rassismus …

Richtig, und ein Schild „Keinen Alkohol für Indianer“. Ich hatte wirklich genug Gelegenheiten zum Kopfschütteln.

Einige halten diese klischierten Darstellungen für rassistisch. Würden auch Sie so weit gehen?

Nein, das ist für mich weniger Rassismus als Kolonialismus, oder besser: Es ist Exotismus, der uns eben zu „Anderen“ macht. Viele andere Natives finden diese deutsche Leidenschaft für uns eher amüsant. Andere sind ziemlich verärgert. In meinem Land würde sich auch niemals ein Weißer als Indianer verkleiden, das ist ein absolutes No-Go. Und „Indianer“ nennen wir uns nur untereinander. Als Fremdbezeichnung anderer – auch das geht in Kanada gar nicht.

Die Winnetou-Filme mit Pierre Brice und Lex Barker sind gut erzählte Märchen, stellen aber vieles falsch da. Die Apachen jagen darin Büffel, leben in Tipis, paddeln in Kanus - nichts davon haben sie tatsächlich gemacht.
Die Winnetou-Filme mit Pierre Brice und Lex Barker sind gut erzählte Märchen, stellen aber vieles falsch da. Die Apachen jagen darin Büffel, leben in Tipis, paddeln in Kanus - nichts davon haben sie tatsächlich gemacht. © picture alliance/United Archives

Unlängst hat es in Deutschland heftige Diskussionen über das Thema kulturelle Aneignung gegeben. Wie lautet ihre Definition dafür?

Kulturelle Aneignung bedeutet, etwas aus einer anderen Kultur zu übernehmen, ohne die Erlaubnis dafür zu haben.

Das gilt auch für Kostüme etwa beim Karneval, in Pullman City oder beim Karl-May-Fest?

Für die meisten schon. In Pullman City laufen viele Leute in indianischen Kleidern herum, meist von asiatischen Herstellern. Das ist Kitsch, verbreitet die falschen Indianer-Klischees weiter, hält sie am Leben und beutet unsere Kultur aus. Aber andere Fans tragen Sachen von indigenen Herstellern oder Designern. Die kann man auch in Deutschland kaufen oder im Internet. Das ist okay, denn diese Sachen sind authentisch, sie sind angefertigt, um von Indigenen und genauso von Nicht-Indigenen getragen zu werden. Die indigenen Hersteller verdienen mit den modischen Traditionen ihrer Kultur Geld – das ist nur fair.

Dann sind solche Textilien okay, auch zu Karneval oder beim Karl-May-Fest?

Beim Karneval – nicht okay.

Nicht mal bei Kindern?

Ich würde sagen: nein. Wenn kleine Indianer zwischen kleinen Piraten, Clowns, Minions oder Käfern rumlaufen, finde ich das nicht angemessen. Wir sind weder Märchenfiguren noch Tiere.

Obwohl Karl May viele falsche Klischees über "Indianer" verbreitet hat, kann Drew Hayden Taylor seinem Werk auch etwas abgewinnen: "Er hat großes Interesse für die American Natives geweckt, er hat sie respektiert, sie als zivilisiert beschrieben und ihre
Obwohl Karl May viele falsche Klischees über "Indianer" verbreitet hat, kann Drew Hayden Taylor seinem Werk auch etwas abgewinnen: "Er hat großes Interesse für die American Natives geweckt, er hat sie respektiert, sie als zivilisiert beschrieben und ihre © Karl-May-Museum

Manche malen sich außerdem das Gesicht rot an. Ich vermute, auch in Ihren Augen geht das gar nicht.

Definitiv nicht. Redfacing ist genau wie Blackfacing eindeutig rassistisch. Und auch dabei spielt es keine Rolle, ob man das nun abwertend meint oder nicht. Wichtig ist, dass Native Americans es als abwertend empfinden.

Nun ist die Leidenschaft und das Interesse vieler Deutscher für Winnetou und die Native Americans ja nichts per se schlechtes …

Absolut nicht!

Spannend finde ich dabei, dass es so etwas in keinem anderen Land gibt, nur hier in Deutschland. Was denken Sie, was sind die Ursachen?

Ich glaube, dafür gibt es viele Gründe. Eines war im 19. Jahrhundert sicher die Idealisierung des einfachen, naturnahen Lebens, das nicht von der Industrialisierung belastet und bedroht war. Das ging einher mit der Sehnsucht nach Freiheit bis zum Horizont, vom Aufgehen in der Natur, im Wald, auf der Jagd.

Diesen Hang zur Natur inklusive einem ausgeprägten Natur-Mystizismus hatte gerade in Deutschland ja schon das Zeitalter der Romantik mit sich gebracht …

… und dafür waren Karl Mays Indianer mit ihren Natur-Religionen bestimmt perfekte Projektionsflächen. Später kamen andere Gründe hinzu. Viele Deutsche fanden das Führer-Gefolgschaftsprinzip sehr reizvoll, den Opferwillen im Kampf, und im Nationalsozialismus faszinierten die Indianer durch das Konzept der Rasse-Reinheit, was besonders dem großen Karl-May-Fan Hitler begeisterte.

Auch im Radebeuler Karl-May-Museum befinden sich etliche Gegenstände der Ureinwohner Nordamerikas, bei denen nicht klar ist, ob die ursprünglichen Besitzer sie freiwillig hergeben haben.
Auch im Radebeuler Karl-May-Museum befinden sich etliche Gegenstände der Ureinwohner Nordamerikas, bei denen nicht klar ist, ob die ursprünglichen Besitzer sie freiwillig hergeben haben. © Fotoatelier Meissner

Wie gefällt Ihnen das Karl-May-Museum in Radebeul?

Faszinierend. Besonders Mays Arbeitszimmer. Er hatte eine großartig ausgestattete Bibliothek für einen Autor seiner Zeit. Man vermutet, dass er sogar ein Apache-Wörterbuch besaß. Er war sehr um gründliche Recherche bemüht in einer Zeit, wo das Recherchieren extrem schwierig war. Natürlich hat er viel herbeifantasiert und vor allem Märchen erzählt. Aber das würde ich ihm nicht zum Vorwurf machen, das war typisch für seine Ära. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Jules Verne nicht 20.000 Meilen unter dem Meer war.

Aber vielleicht ist er in 80 Tagen um die Welt gereist?

Da würde ich ebenfalls Zweifel anmelden. Aber wie Verne hat auch Karl May das geschrieben, was in seiner Zeit gefragt war, was die Leute lesen wollten. Das war völlig okay. Nur haben sich die Zeiten geändert. Und es ist an der Zeit, dass auch wir da weitergehen und die Dinge etwas anders betrachten, mit unserem Wissen von heute. Früher hat es bestimmt auch niemanden interessiert, woher all die indianischen Gegenstände stammen, die May damals von anderen Sammlern geschenkt bekommen hat und die im Museumsbestand sind. Ich gehe davon aus, dass die meisten davon nicht mit dem Einverständnis ihrer ursprünglichen Besitzer den Weg nach Radebeul gefunden haben – und das verursacht mir keine guten Gefühle. Genau wie beim Gedanken daran, dass man dort bis vor einigen Jahren sogar menschliche Skalps gezeigt hat.

Können Sie Karl May auch heute noch Positives attestieren?

Aber ja! Er hat großes Interesse für die American Natives geweckt, er hat sie respektiert, sie als zivilisiert beschrieben und ihre Vernichtung beklagt. Das war nicht nur für seine Zeit sehr ungewöhnlich: Noch in den großen Hollywood-Western der Fünfziger waren die Indianer nur die bedrohlichen mörderischen Wilden. Zugleich: Wenn ich bei Karl May lese, dass Winnetou kurz vor seinem Tod noch den rechten Weg findet und von seiner Religion zum angeblich einzig wahren Christentum wechselt – da muss ich echt die Augen verdrehen.

Sie sind gerade an der Elbe, um noch einmal das Museum zu besuchen und ein Projekt an den Landesbühnen zu besprechen. Worum geht es dabei?

Ehrlich gesagt weiß ich das noch nicht genau. Vielleicht wollen sie ein Stück von mir aufführen, vielleicht soll ich eines für sie entwickeln oder – und das würde mich wahnsinnig reizen – sie wollen, dass ich eine Geschichte von Karl May für ihr Theater adaptiere. Ich bin jedenfalls ziemlich aufgeregt und freue mich drauf.