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Worauf wir uns freuen, wenn's wieder losgeht

Vor genau einem Jahr schlossen alle Theater, Museen und Kinos. Wir hoffen auf ein Ende der Kunst-Pause - und vermissen nicht nur das Künstlerische.

Die Semperoper - noch im Lockdown.
Die Semperoper - noch im Lockdown. © Ronald Bonß

… auf den Moment im Theatersaal, kurz bevor das Licht ausgeht, in dem man ungestört den Blick schweifen lassen kann über Frisuren, Outfits und leise tuschelnde Pärchen – und das Parfüm der Sitznachbarin, das kenne ich doch irgendwoher?

… auf schales Bier in labbrigen Plastebechern. Weil das bei einem Konzert doch immer einen ganz eigenen und süchtig machenden Geschmack bekommt. Einen Kick, den Flaschenpils nie erreichen wird.

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

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… die Vorfreude auf den Abend: den Smoking aus dem Schrank holen, die Manschettenknöpfe bereitlegen, die Fliege raussuchen – passend in der Farbe der zu erwartenden Emotionen.

… auf einen fremden Menschen im Kinosessel neben mir, der jede zweite Szene halblaut kommentiert oder mit der Chipstüte raschelt. Könnte sein, dass wir beim ersten Mal nachsichtig lächeln und erst beim zweiten Mal böse gucken.

… auf Vernissagen, die wir sonst gern meiden, weil man da immerzu den Grüßaugust und Smalltalk machen muss und vor lauter Menschen die Kunst gar nicht zu sehen bekommt.

… das Stimmen der Instrumente. Dieses Klanggemisch beim Betreten eines Musiksaals, das dann verstummt, wenn der Dirigent den Graben betritt. Alle atmen noch mal durch, kommen zur Ruhe und gleiten mit dem ersten Ton in eine andere Welt.

… auf das Erlebnis eines Films auf großer Leinwand über ein großes Soundsystem im Dunkel des Kinosaals. Für dieses Komplett-Abtauchen werden Filme gemacht, und nicht fürs Streamen über popelige Bildschirme zu Hause.

… auf die Oberchecker- und -innen, die, noch während der letzte Ton einer Sinfonie oder Oper ausklingt, als Erste aufspringen, den Genuss des leisen Verhallens ruinieren, lauthals „Bravo!“ schreien, sich die Handflächen hitzig applaudieren, damit auch alle im Saal merken: Oh, ein wahrer Kenner, der weiß, wann ein Stück wirklich vorbei ist.

… darauf, ganz spontan in die Bibliotheken gehen zu können, um dort ohne digitale Anmeldung und ohne zeitliche Beschränkung zwischen den Regalen herumzustromern, hier ein Buch in die Hand zu nehmen und da eine Zeitschrift, sich hinsetzen und in aller Ruhe schmökern zu können, eingebettet zwischen dem Duft alter Bücher und dem analogen Wohlklang vielstimmigen Seiten-Geraschels.

… auf die Dame, die ihren Reizhusten unterdrückt und dabei den Bonbon in quälender Zeitlupe auspackt, weil sie meint, dadurch weniger zu stören – und das ganze Drama damit nur in die Länge zieht.

… darauf, im Neuen Grünen Gewölbe endlich einmal die geschnitzten Gesichter auf dem Kirschkern zu zählen. Investigative Recherchen haben ergeben, dass es nur 113 Gesichter sind und nicht 186, wie lange behauptet wurde. Aber besser, man prüft selbst.

… darauf, sich die im Dauerlockdown längst steif geworden Knochen von unwiderstehlich hämmernden Beats mal wieder kräftig durchschütteln zu lassen.

… auf still weggewischte Tränen im dunklen Theatersaal.

… darauf, stundenlang durch die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister zu schlendern.

… auf öffentliche Disskussionsrunden, bei denen nicht nur die Post abgeht. Endlich wieder live streiten, Meinungen austauschen, Argumente schwingen, sich fetzen und bestenfalls wieder vertragen. Endlich wieder lebendige Debattenkultur!

… auf das Geschenk, dass sich Menschen auf der Theater- oder Opernbühne mit aller Leidenschaft und Kunstfertigkeit hingeben, ihr Innerstes nach Außen kehren und einige Stunden lang voll da sind, um fremden Menschen dieses einzigartige Glücksgefühl zu verschaffen, das sie nur im Theater erleben.

… auf das sachte Klingeln in den Ohren, das einem auf dem Heimweg nach einer zünftigen Rock-Show begleitet.

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… auf die Ausgelassenheit der Freundinnengrüppchen, die sich nicht nur zum gemeinsamen Sommertheaterbesuch verabredet haben, sondern auch zum Dauerkichern, was sie ungeachtet fader Witze auch konsequent durchziehen.

… darauf, nach einem Konzert schwitzend an der frischen Luft zu stehen, erfüllt vom Bass und der gemeinsam erlebten Energie.

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