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Zurück in die Pubertät des Ostens

Als der Staat DDR verschwand, war der Autor Björn Stephan drei Jahre alt. Heute fragt er sich: Was an mir ist ostdeutsch? Was heißt das überhaupt noch?

Erst in Hamburg, sagt Björn Stephan, wurde er zu dem Ostdeutschen, der er vorher nie gewesen ist.
Erst in Hamburg, sagt Björn Stephan, wurde er zu dem Ostdeutschen, der er vorher nie gewesen ist. © MARIO WEZEL

Björn Stephan ist Reporter bei der Wochenzeitung Die Zeit. Jetzt hat er den Roman „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ geschrieben (Galliani, 352 S., 22 Euro). Die Geschichte von Jugendlichen in der Nachwendezeit ist das Ergebnis eines Häutungsprozesses: der nachträglichen „Ostdeutschwerdung“ des 1987 in Schkeuditz bei Leipzig geborenen Sachsen.

Herr Stephan, als der Staat DDR verschwand, waren Sie gerade drei, Ihr Ich-Erzähler im Roman aber ist sieben Jahre älter als Sie. Wie eignet man sich literarisch eine DDR-Kindheit an?

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Die DDR ist ja 1990 nicht einfach verschwunden. Sie hat weiterexistiert in den Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen der Menschen, auch bei meinen Eltern. Ich bin nach dem Umzug von Schkeuditz nach Schwerin in der Platte aufgewachsen und weiß noch genau, wie es dort aussieht, wie es dort riecht, wie die Stimmung war. Ansonsten habe ich einfach viel recherchiert.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Ich war oft in Bibliotheken, habe über die DDR gelesen und sehr viele Gespräche geführt. Aber das war eh nur für die paar Rückblicke im Roman wichtig, die Geschichte spielt ja 1994, da war ich immerhin schon sieben und habe eigene Erinnerungen, wenn auch viele verschwommen sind. Aber ich habe noch viel vor Augen, zum Beispiel den Löwenzahn zwischen den Fugen der Plattenstraßen und die verrosteten Wäschestangen in den Höfen.

Das gab es vor 20 Jahren auch noch. Warum haben sie die Geschichte nicht 2001 verortet, als Sie so alt waren wie Ihr Held Sascha Labude?

Am Anfang stand mein Wunsch, mich mit meiner Herkunft auseinanderzusetzen und zu fragen: Was bedeutet das heute überhaupt noch, ostdeutsch zu sein? Was heißt das 30 Jahre nach dem Ende der DDR? Darüber kam ich schnell dazu, eine Geschichte von Jugendlichen in der unmittelbaren Nachwendezeit zu erzählen.

Weil das die eigentliche Zeit der Umbrüche war, der Ernüchterungen?

Genau. Ich wollte diese Gleichzeitigkeit der Umbrüche erzählen. Einerseits die historisch-politischen Veränderungen mit der hohen Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Dass kann man ja sehr gut anhand der Platten schildern, die in der DDR beliebt waren, sich danach aber stark veränderten und vielfach zu einem Synonym für sozialen Abstieg wurden. Der andere Umbruch ist der, der mit meinen Figuren geschieht, die ja alle in der Pubertät sind und ebenfalls einen oft schmerzhaften persönlichen Veränderungsprozess durchmachen.

Die Nachwendezeit als Ost-Pubertät?

In gewisser Hinsicht schon. Auch das war ja wie die Pubertät von Sascha Labude im Roman eine Art Häutungsprozess, in dem sich für viele Menschen ihr Leben komplett verändert hat und sie das Alte abstreifen mussten. Und genau dieser Prozess, dieser Wandel hat mich interessiert. Auch weil ich das Gefühl habe, dass sich, wenn wir über diese Zeit oder auch über die DDR reden, die öffentliche Erinnerung und die private extrem voneinander unterscheiden.

Wie stark war oder ist die DDR noch präsent in den Erinnerungen und Erzählungen Ihrer Familie?

In den Erzählungen sehr, aber eher auf eine etwas lustige, sehr eigene Weise. Ich wollte immer etwas darüber hören, und das waren meistens eher anekdotische und kuriose Sachen. Etwa davon, was meine Eltern und Großeltern damals alles noch nicht hatten oder kannten, Kiwis oder Coca-Cola zum Beispiel. Überhaupt würden sich aber vor allem meine Eltern gar nicht mehr als Ostdeutsche bezeichnen.

Was denken Sie warum?

Sie wollten nach der Wende so schnell wie möglich in diesem neuen Land ankommen und als Deutsche betrachtet werden, nicht als Ossis, was ja auch meistens abwertend gemeint war. Sie haben ihre ostdeutsche Identität mehr oder weniger abgestreift.

Inwieweit empfinden Sie selbst sich als Ostdeutscher?

Das hat für mich lange gar keine Rolle gespielt. Ich fand diese Kategorien Ost und West überwunden und überholt. Das hat sich erst geändert, als ich nach Hamburg gezogen bin und plötzlich als Ostdeutscher gelesen wurde. Da habe ich den Begriff „Ossi“ zum ersten Mal als Kränkung empfunden, weil er ja auch so gemeint war, selbst wenn er meistens scherzhaft verpackt ist. Und genau in dieser Zeit habe ich begonnen, mich mit meiner Herkunft auseinanderzusetzen. Ich wurde also zu dem Ostdeutschen, der ich vorher gar nicht war.

Was an sich finden Sie typisch ostdeutsch?

Oje, was heißt das denn genau, ostdeutsch? Ich könnte mir etwas zusammenbasteln und sagen, das bedeutet, dass man weiß, wer Alfons Zitterbacke ist oder „Kling Klang“ von Keimzeit mitsingen kann. Aber ob das nur für mich gilt oder sich auch andere darin wiederfinden, weiß ich nicht. Ich finde es aber eigentlich auch gar nicht so wichtig, was „ostdeutsch“ genau meint. Viel wichtiger ist für mich, dass sich mittlerweile immer mehr junge Ostdeutsche damit auseinandersetzen, darüber reden und den Begriff auch sehr selbstbewusst verwenden. Das führt auch dazu, dass uns noch stärker auffällt: Die Ostdeutschen sind auch noch 30 Jahre nach der Wende in den Führungspositionen von Politik und Wirtschaft völlig unterrepräsentiert, sogar in Ostdeutschland selbst. Und da geht es um etwas ganz Entscheidendes, nämlich um Macht- und Repräsentationsfragen.

Gerade in den Medien führt diese Schieflage dazu, dass Geschichten über den Osten zumeist aus West-Perspektiven erzählt werden.

Richtig, deshalb versuche ich in meinen Reportagen auch immer, ein differenzierteres Bild vom Osten zu vermitteln. Ich weiß ja aus eigenem Erleben, dass der Osten viel bunter und vielfältiger ist, als er meistens dargestellt wird. Ich möchte auch mit meinem Buch zeigen, dass es auch hier sehr viel Hoffnung und Zauber und Kreativität gibt, auch in Plattenbaugebieten. Aber diese Dominanz des West-Blicks ändert sich allmählich, da hat sich schon viel getan.

Umso interessanter finde ich Ihren eigenen Blick auf die Helden Ihres Romans: Sascha Labude, sein talentierter Freund Sonny, der Pianist werden will, das Mädchen Juri mit ihrem Interesse für den Kosmos sind in ihrem Plattenbaugebiet alles Außenseiter …

Oh. Ehrlich gesagt habe ich das noch gar nicht so betrachtet.

Immerhin empfinden sie sich als nicht wirklich zum großen Ganzen zugehörig, würden das aber eigentlich gerne. Ähnlich empfinden manche Ostdeutsche, die sich von der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft als „Ossis“ immer noch ausgegrenzt fühlen.

Ja, wenn ich darüber nachdenke, passt das eigentlich sehr gut. Zumal Klein Krebslow, die Plattenbausiedlung im Buch, ja auch am Stadtrand liegt. Davon abgesehen sind Außenseiter mit all ihren Konflikten und Kämpfen in der Literatur ja traditionell fast immer die spannendsten Figuren und meistens auch die Helden.

Außenseitertum hat ja nicht zwingend etwas mit Opfertum zu tun, oder?

Nein, im Gegenteil. Gerade Juri ist ja sehr selbstbewusst und kämpferisch und will sich aus ihrem Mikrokosmos befreien, indem sie buchstäblich nach den Sternen greift. Auch die Geschichte von Sascha erzählt eigentlich von einer Selbstermächtigung. Er wäre gerne so stark wie Juri.

Sie selbst scheinen ebenso verliebt in Juri zu sein wie Sascha. Was fasziniert Sie am meisten an ihr?

Sie ist mutig, laut, sie nimmt sich den Platz, der ihr zusteht, und sie verteidigt ihn. Außerdem interessiert sich Juri für den Kosmos, denkt größer, über Grenzen hinweg – anders als Sascha, der das erst noch lernen muss. Er sammelt einzigartige Wörter und nimmt sie in seine Sprache auf, um sich besser ausdrücken zu können. Im Gegensatz zum Vater, der seinen Job verloren hat und seitdem verstummt ist, versucht Sascha, seine eigene Sprache zu finden. Und sich so einen Reim zu machen auf diese rätselhafte ostdeutsche Wirklichkeit, die ihn umgibt und sich so rasant verändert.

Das Gespräch führte Oliver Reinhard.

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