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Kulturinsel lädt ein zum großen Platschen

Beim 23. Folklorum am Wochenende gibt es neben Musik viele Wettbewerbe mit Nasswerde-Garantie.

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© Wolfgang Wittchen

Von Irmela Hennig

Zentendorf. Platsch. Und dann landet Jürgen Bergmann tatsächlich im Neißewasser. Gerade war der Gründer der Kulturinsel Einsiedel in Zentendorf noch über einen Baumstamm balanciert, der zu einer Art improvisierter Neißebrücke gehört, dann ging es abwärts ins etwa 1,60 Meter tiefe Nass. „Ist nicht kalt“, meint der Oberinsulaner. Trotzdem klebt ihm der gelbe Kaftan nun am Leib. Und der Wind ist an diesem Dienstag auch ziemlich frisch.

Beim Folklorum wird mit Turiden bezahlt.
Beim Folklorum wird mit Turiden bezahlt. © Wolfgang Wittchen

Aber Spaß muss sein. Und Ausprobieren auch. Schließlich sollen sich am Wochenende nicht nur Kulturinselmitarbeiter über den Baumstammsteg trauen, sondern auch die Gäste, die zum 23. Folklorum in den Freizeitpark nördlich von Görlitz kommen. Denn zum dritten Mal heißt Folklorum eben nicht nur ein bunter Mix aus Folk- und Weltmusik, Tanz und Theater, sondern auch jede Menge schräge Wettkämpfe – darunter Baumstamm-Balancieren unter erschwerten Bedingungen. An den Turnierdisziplinen können alle erwachsenen Besucher teilnehmen. Für Kinder wären die meisten der neun Aktionen wohl zu schwierig, vielleicht auch zu riskant. „Außerdem brauchen sie keine zusätzlichen Spiele. Die ganze Insel ist ihr Spielplatz. Kinder haben hier immer zu tun“, ist Jürgen Bergmann überzeugt. Er will vielmehr das Kind im Erwachsenen wieder zum Vorschein bringen. Darum die neuen Angebote.

Die Wettkämpfe finden an drei Orten statt – im Zauberwald direkt auf der Kulturinsel, an der Neiße bei der Holzbrücke zum Nachbarland beziehungsweise dem Neiße-Café und im neu geschaffenen polnischen Teil des Freizeitsparks beim Dorf Bielawa Dolna (Niederbielau). Die Teilnehmer – letztes Jahr waren es 63 – messen sich in Sportarten wie Baumringski, Eierrutschum, Dracheneirollerei. Oder eben im Balancieren. Zwei Leute müssen auf zwei nebeneinanderliegenden Stämmen über die Neiße laufen. Dabei halten sie ein Brett gemeinsam fest, das eine mit Wodka gefüllte Vertiefung hat. Angekommen auf der anderen Seite, wird gemessen, wie viel Hochprozentiges noch übrig ist. Dann trinken die Wettkämpfer und laufen zurück. Je nachdem, wie weit man kommt, wie viel Wodka es über die Neißegrenze schafft, bekommt man Punkte. Eiserne Teilnehmer, die in den Disziplinen viele Punkte sammeln, haben die Chance, bei einer Weihe Ehrenturiseder zu werden. Turiseder gelten als die verschollenen Ureinwohner der Kulturinsel, deren Bräuche hier so nach und nach entdeckt werden. Das Neiße-Baumstammbalancieren und Wodkatrinken geht auch auf sie zurück, sagt Melvin, einer der kreativen Programmmacher der Insel. „So etwa haben die Inselbewohner einst Brüderschaft getrunken.“

400 Künstler auf 13 Bühnen

Die Wettkämpfe, zu denen sich Interessierte anmelden und eine Teilnahmegebühr bezahlen müssen, unterscheiden das Folklorum deutlich von anderen Folkfestivals. Genau das will Jürgen Bergmann unbedingt. Deswegen gab es nach dem 20. Fest den Wechsel. Zuvor hatten die Veranstalter immer einen musikalischen Länderschwerpunkt gesetzt. Den gibt es nun nicht mehr. „Wir haben das Folklorum nie für Folkfans gemacht. Uns ging es um Multi-kulti an der Grenze. Wir haben die Musik hergeholt, die uns selbst gefällt.“ Allerdings sei man durch den Namen „Folklorum“ in eine bestimmte Ecke gerückt worden. „Das hat uns nicht gefallen.“

Musik gibt es natürlich immer noch. Sie mache zwei Drittel des Gesamtkonzeptes aus, schätzt Manuela Claus. Sie ist zuständig für die Kultur- und Veranstaltungsleitung beim Folklorum. Wer keine Lust auf Spiele habe, könne einfach den 400 Künstlern zuschauen und zuhören, die auf den 13 Bühnen zu erleben sind. Sogar ein musikalisches Motto haben die Insulaner für 2016 gewählt. „Starke Frauenstimmen“ präsentiert Künstlerinnen wie die Pop- und Chansonsängerin Ulla Meinecke, die Jazzmusikerin Pascal von Wroblewsky oder auch die Band Annuluk aus Leipzig um Frontfrau Míša. Es gibt Humoriges von der Gruppe MTS um Gründer, Texter und Sänger Thomas Schmitt. Begegnungen mit fabelhaften Waldwesen, Zirkus und Zauberei, mehrere Reisevorträge – zum Beispiel einen über einen Besuch bei Flüchtlingen im Libanon. Dazu Workshops und Akrobatik. Natürlich öffnen Marktstände. Aber das ist für Jürgen Bergmann nicht das Herzstück, sondern nur ein Element. „Wir wollen kein Stadtfest sein. Hier soll es etwas Unverwechselbares geben.“ Deswegen die Spiele, die laut dem Inselteam von Anfang an sehr gut angekommen seien.

Letztes Jahr kamen 17 500 Besucher zum Folklorum. Es ist damit trotz allem Anderssein inzwischen das zweitgrößte Folkfestival Deutschlands nach dem Rudolstadt-Festival (ehemals TFF). 2013 waren es zwar schon mal knapp 20 000 Gäste. Doch das war vor der Insolvenz von Freizeitpark und Holzgestaltung und ihren Nachwehen. Außerdem hatten die Veranstalter letztes Jahr Pech mit dem Wetter. Vor allem zum Abschluss hat es geschüttet.

2016 aber könnte das besucherstärkste Inseljahr überhaupt werden. Wenn am Wochenende wenigstens die 17 500 Gäste vom Vorjahr kommen, knackt das Unternehmen die 100 000er-Marke bei den Besuchern. Der Zuspruch sei richtig gut. Vielleicht liegt es am Wetter. Das war in diesem Sommer oft zu wechselhaft zum Baden, aber passend für den Freizeitpark. Vielleicht liegt es an den neuen Attraktionen in Polen. „Du musst immer Neues bieten, das erwarten die Leute“, so hat es Jürgen Bergmann schon vor längerem festgestellt. Vielleicht hat es aber auch mit der politischen Weltlage zu tun, mit der Unsicherheit in vielen klassischen Reiseländern. „Die Leute machen mehr Urlaub im eigenen Land“, vermutet Veranstaltungsleiterin Manuela Claus.

Zahlen könnten ihr Recht geben. Viele deutsche Städte melden dieses Jahr einen Zuwachs bei den Übernachtungszahlen – so die Stadt Bautzen. Sie registrierte im ersten Halbjahr 2016 ein Plus von 2,7 Prozent bei den Gästen im Vergleich zum Vorjahr.

Mit der Unterstützung von rund 300 Helfern will Jürgen Bergmann die Spannung jedenfalls bis zum Schluss am Sonntag halten. Dann findet eine Parade statt, bei der die Besucher zu einem lustigen Wortspiel eingeladen sind. Auch Feuerwerk soll es geben. Und in der Neiße werden die Insulaner schließlich menschliche Pyramiden bauen. Ganz egal, wie kalt oder warm der Fluss dann ist. Und auch wenn sie dann wieder deftig platschen.

Das Folklorum beginnt am 2. September, 18 Uhr, Sonnabend geht es ab etwa 11.30 Uhr los, Sonntag ab 10.30 Uhr mit dem Frühschoppen. Die Festivaldauerkarte für Erwachsene kostet 76 Euro, die Tageskarte kostet zwischen 29 und 50,50 Euro.

Parken ist auf den Wiesen aus Richtung Görlitz kommend vor dem Inselgelände rechts möglich. Zelten kann man auf deutscher und polnischer Seite. Das Baumhaushotel ist ausgebucht.

Bezahlt auf der Insel (nicht beim Eintritt) wird mit Turiden. Die kann man auf dem Gelände gegen Euros eintauschen.

www.kulturinsel.com