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Kurswende eingeleitet?

© VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Jürgen Karpinski

Dresden setzt momentan ein Schlaglicht in Sachen Kunst aus der DDR. Andere Museen zeigen, wie das auf Dauer geht.

Von Christoph Tannert

Nach einer langen Durststrecke bietet sich im Dresdner Albertinum der Anblick einer Oase. Nun also großer Bahnhof für die Kunst aus der DDR. Endlich! Schlagartig ist die Elbestadt damit an die Spitze der deutschlandweiten Debatte gestürmt.

Aber sind die für die Gegenwartskunst brennenden Kolleginnen jetzt da angekommen, wo sie die ganze Zeit hinwollten? Wer weiß das schon. Die regionale Öffentlichkeit und die Fachwelt erwarten Kompetenz in Sachen DDR-Kunst. Wie weit es noch ist, bis das Publikum, das jahrzehntelang an seinem Museum hing (und vergrault wurde), sich mit dessen Angeboten identifiziert, hängt davon ab, was zukünftig an DDR-Kunst geboten wird. Der demonstrativen Wir-haben-alles-im-Griff-Geste glaubt längst nicht jeder. Und die Wunschliste der Alteingesessenen wird von Jahr zu Jahr länger.

Böse Zungen hatten im Frühjahr kolportiert, ein weiteres Kapitel über zwerchfellanimierendes Zeitgeistgeschwurbel kündige sich an. Stattdessen darf sich das Auge erfreuen an einem Potpourri kleiner Freiheiten aus den Zeiten, als das melancholische Aussitzen des Sozialismus im Keilrahmengeviert noch geholfen hat. Richtig so. Das Museum ist eine Vergangenheitsinstitution und ein Wartesaal für die Zukunft. Museen haben zuallererst der Geschichte Wege ins Heute zu bahnen und ihre Schätze zu pflegen. Es ist eine weit verbreitete Unsitte, bereits Kunstdebütanten und ihren Galeristen die Heiligsprechung durch das Museum anzutragen. Dahinter steht nichts anderes als kunstmarktgieriges Kalkül, um die Preise der Jungen anzukurbeln.

Schildkrötige Langsamkeit

Die Preise für Ostkunst betrifft das nicht. Die sind nach wie vor im Keller. Daran wird auch eine beifallswürdige Schau wie „Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949 – 1990“ nichts ändern. Das hat aber unbedingt sein Gutes. Denn damit siegt der ästhetische Wert über den Verkaufspreis. Jetzt kann an der Hitliste, an der Sortierung von Namen gearbeitet werden. Und zwar in dem Sinne, dass Qualität geschützt und dem Geschmackswandel nicht sinnlos hinterhergehetzt wird. Das Albertinum hat sich in Zeitlupe der Diskussion gestellt. Das mag im Zeitalter der Zeittaktverkürzung ungewöhnlich wirken. Schildkrötige Langsamkeit ist für die Dauerhaftigkeit des Kanonisierten freilich nicht von Nachteil. Aber wie geht es weiter?

Andere Museen haben es in diesem Jahr längst vorgemacht. Das Museum der bildenden Künste in Leipzig unter der neuen Leitung von Alfred Weidinger zündete ein Feuerwerk an Ideen. Eröffnungen neuer Ausstellungen folgten Schlag auf Schlag. Es begann mit einer rockigen Figuren-Installation von Sighard Gille aus der Wendezeit, die man dem Meister der farbsüffigen Brigadebilder und des Gewandhaus-Himmels gar nicht zugetraut hätte. Die große Retrospektive von Arno Rink mit 65 Gemälden, zahlreichen großformatigen Zeichnungen sowie ungesehenen biografischen Fotografien und Dokumenten kam als Schwergewicht der Leipziger Schule hinterher. Parallel sind noch die bisher als Geheimtipp gehandelten Künstlerporträts der Fotografin Karin Wieckhorst zu sehen, die bei Atelierbesuchen in Dresden, Leipzig, Ost-Berlin und außerhalb der Zentren in den 80er-Jahren entstanden, zum Teil punkig aufgeladen durch Übermalungen der Porträtierten. Eine Ausstellung des 1931 geborenen Leipziger abstrakten Sensualisten Gil Schlesinger steht kurz bevor. Planungen zur Präsentation von Kunst aus dem aufmüpfigen bis staatsabgewandten Spektrum der Messestadt und Sachsens vor 1989 sind in Planung. Museumsdirektor Weidinger hat blitzschnell reagiert auf die Fehlstellen in der Programmatik seines Vorgängers und eine Kurswende eingeleitet, u. a. mit sensationellen Nachlassaufarbeitungen (etwa einem Depositum von Klaus Hähner-Springmühl), die dem ostdeutschen Bilderstreit schon jetzt neue Nahrung bieten.

Es wird offenbar, dass die Deutungshoheit über die DDR-Vergangenheit von mehreren Seiten angefochten wird. Die Korrekturen laufen dabei diametral entgegengesetzt. Geforscht und neu bewertet werden DDR-Positionen aus dem staatstragenden und dem nicht staatstragenden Bereich. Alle Museen, die aktuell mit Augenfutter Made in GDR aufwarten, fahren zweigleisig. Das führt zum Abbau der Fronten, was nicht das Allerschlechteste ist. Bei den Urgesteinen der DDR-Subkultur ist eine gewisse Altersmilde eingekehrt. Systemvertreter der DDR verfrühstücken lieber ihre Renten als zu protestieren. Traditionsbruch und Traditionskritik umarmen sich.

Im Obergeschoss des Potsdamer Museums Barberini wurde im Rahmen von „Hinter der Maske“ eine Re-Inthronisierung der Auftragswerke aus dem Ostberliner Palast der Republik vorgenommen. Das war allerdings das falsche Signal. Zu Recht hatte man nach 1989 das sozialistische Designprogramm als staatliche Aufhübschungsmaßnahme erkannt und in die Kategorie „historische Zeugnisse“ eingelagert. Nun sind die harmlos-kitschigen Palast-Ausmalungen also wieder Kunst. Wie soll man das bewerten? Ist das jetzt Modernisierung oder Historismus?

Wenn man Revue passieren lässt, wie kleinere und größere Museen im Osten unseres Landes sich um Spezifisches mit DDR-Hintergrund verdient gemacht haben, dann ist das enorm. Man fragt sich nur, warum dem Albertinum bisher Gleichrangiges nicht glücken wollte.

Die Kunsthalle Rostock überraschte bereits 2015 mit einer fulminanten Arno-Rink-Schau. Das Kunstmuseum dkw Cottbus feierte 2016 die Chemnitzer Künstlergruppe Clara Mosch, im Museum Junge Kunst Frankfurt/Oder wurde 2017 „Malstrom²“ zelebriert mit den aus der DDR emigrierten Künstlern Reinhard Stangl, Ralf Kerbach, Cornelia Schleime, Helge Leiberg und Hans Scheib. Im Packhof Frankfurt/Oder gelang Doris Ziegler 2018 eine Werkschau, die unglaublich emanzipatorisch wirkt, weil sie in der Reflexion, wo der Mensch heute steht, einfach wahr ist.

Ostdeutsches Kulturerwachen

Wohltuend in einer Welt in Unordnung wirken auch die klaren Traditionslinien in der Neupräsentation des Sammlungsbestandes mit Kunst nach 1945 im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) seit Februar 2018. Mit der bewusstseinserweiternden Konzeption „Ins Offene. Fotokunst im Osten Deutschlands seit 1990“ (ab 29. Juni) unterstreicht Halle noch einmal das ostdeutsche Kulturerwachen. „Die Freiheit wird nicht kommen, Freiheit wird sich rausgenommen“, heißt es beim Ostberliner Anarcho-Dichter Bert Papenfuß. Langsam demonstriert und strampelt sich der Osten frei. Das starke Interesse junger internationaler Künstler an DDR-Erinnerungsarbeit bewies sich ausdrucksstark in der Leipziger Halle 14 im „Requiem for a failed state“. Zu erleben war eine Mentalitätsforschung der avancierten Art mit gesteigertem Interesse an Geschichte, um Gegenwart besser zu verstehen.

Wie endlos das Potenzial ist, stellt das Staatliche Museum Schwerin ab 5. Juli mit „Hinter dem Horizont“ unter Beweis. Dresden hat trotzdem die publikumswirksameren Bilder-Highlights. Allem Anschein nach konnte sich das Albertinum damit aus der selbst gewählten Umklammerung befreien. Aber reicht das schon?

Eine Gesellschaft, die Menschen eine Heimat bieten will, braucht Ereignisse geteilter Lebenserfahrung. Im Osten Deutschlands ist eine kosmopolitische Ethik nicht ohne die Anerkennung spezifischen DDR-Erlebens denkbar. Wenn darüber nicht anhaltend museumsintern gestritten wird, verkommt die gedächtnisbildende Institution Museum zu einem identitätslosen Allerweltsschaulager.

Christoph Tannert ist Kurator, Kunstkritiker und Chef des Künstlerhauses Bethanien Berlin.