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Kurzvisite mit viel Eigenlob

Afghanistan. Bei seinem überraschenden Besuch hat George W. Bush Optimismus verbreitet.

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Von Can Merey,Kabul

Erst kurz vor der Landung des US-Präsidenten auf dem schwer gesicherten Militärstützpunkt Bagram nördlich von Kabul sickerte das Gerücht durch, Bush könnte Afghanistan besuchen. Die Heimlichtuerei um die erste Visite des US-Präsidenten in der Region ist symptomatisch für den Zustand Afghanistans mehr als vier Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes. Milliarden von Dollar – von den USA und der Weltgemeinschaft – flossen seit Ende 2001 an den Hindukusch, rund 30 000 ausländische Soldaten sind in Afghanistan stationiert. Trotzdem ist das Land immer noch so instabil, dass es der mächtigste Mann der Welt lieber ohne Ankündigung besucht.

Viel hat Bush bei seinem kurzen Zwischenstopp auf dem Flug nach Indien nicht gesehen. Vom Alltag der Afghanen hat er nichts mitbekommen. Der US-Stützpunkt Bagram ähnelt nicht nur wegen seines Burger-King-Restaurants eher einer amerikanischen Kleinstadt. Auch der Präsidentenpalast, wo Bush seinen afghanischen Amtskollegen Hamid Karsai traf, zeigt nicht das typische Afghanistan. Bush zeigte sich beim gemeinsamen Pressetermin beeindruckt von den Fortschritten des Landes. Über Probleme wurde vor den Journalisten kaum geredet.

Dass es auch und vor allem wegen der massiven Hilfe der USA enorme Fortschritte in Afghanistan gab, ist unbestritten. Jahrelang hatte die Weltgemeinschaft das Land mehr oder weniger vergessen, obwohl die Gräueltaten der Taliban bekannt waren. Erst nach den Anschlägen von New York und Washington wurde das radikalislamische Regime, das Osama bin Laden nicht ausliefern wollte, hinweggefegt – unter Führung der USA. Unter enormen Anstrengungen gelang es Afghanistan seitdem, sich eine neue Verfassung zu geben, Präsidentenwahlen abzuhalten und erstmals seit mehr als 30 Jahren wieder ein Parlament zu wählen.

Weltgrößter Drogenproduzent

Trotzdem ist Afghanistan immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. Die meisten Menschen haben weder Strom noch sauberes Wasser, die Lebenserwartung liegt bei 43 Jahren. Arme Bauern flüchten in den Schlafmohnanbau, was Afghanistan seit Jahren den unrühmlichen Spitzenplatz als weltgrößter Drogenproduzent beschert. Viele Afghanen, die auf eine Friedensdividende hofften, sind frustriert. Die Entwicklung wird vor allem gebremst, weil kein Frieden herrscht. Besonders im Süden und Osten Afghanistans kommt es immer wieder zu schweren Anschlägen der radikalislamischen Rebellen.

Trotzdem dürfte Afghanistan für Bush als Demokratisierungsmodell eher vorzeigbar sein als der Irak. So wollte sich der US-Präsident seinen Optimismus gestern trotz unangenehmer Fragen nicht rauben lassen. Er glaube daran, dass das Beispiel Afghanistan auch andere Völker inspirieren könnte, nach Demokratie zu streben, sagte Bush. Zweckoptimismus zeigte er auch an einer anderen Front: Osama bin Laden werde seinem Richter zugeführt werden; „die Frage ist nicht ob, sondern wann“.

Bin Laden dürfte das wenig beunruhigt haben. Unmittelbar nach dem 11. September 2001 hatte Bush gesagt, wenn der al-Qaida-Chef glaube, er könne sich verstecken, „dann hat er sich schwer getäuscht“. Genau das gelingt Bin Laden seit über vier Jahren. (dpa)