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Landärzte aus Überzeugung

Ein Neustädter Mediziner wollte der Region aus Dankbarkeit etwas zurückgeben und warb einen Kollegen.

© Dirk Zschiedrich

Von Gunnar Klehm

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Bad Schandau. Gern hätten sie zu dritt den Termin mit der Zeitung wahrgenommen. Doch statt eines fließenden Übergangs mit gemeinsamen Sprechzeiten muss sich Ingrid Kaulfuß zu Hause pflegen. Die langjährige Hausärztin hat sich just an ihrem letzten Arbeitstag im Dezember einen Knochenbruch zugezogen. Deshalb sitzen nun Dr. Ctirad Bastl und Peter Bacar zu zweit in der Praxis an der Dresdner Straße 6 und sprechen ab, was als Nächstes zu erledigen ist.

Anfang dieses Jahres hat Dr. Bastl die Praxis übernommen. „Ich habe wirklich lange gesucht, um jemanden zu finden und wünsche meinem Nachfolger alles Gute“, sagt Ingrid Kaulfuß. Die 68-Jährige wollte schon lange die Praxis aufgeben, stattdessen den Ruhestand genießen und selbst oder mit den Enkeln verreisen. „Aber ich habe niemanden für die Praxis und meine Patienten gefunden“, sagt sie. So wollte sie nicht gehen.

Unter den Ärzten in der Region kennt man sich. Regelmäßig treffen sie sich zu einem Stammtisch. Daran nahm auch Dr. Bastl teil, der seit Jahren eine Allgemeinarztpraxis in Neustadt hat. „Schließlich habe ich Frau Kaulfuß versprochen, die Praxis zu kaufen und einen Nachfolger zu finden“, sagt er. Dass das ein leichtfertiges Versprechen war, bezieht er nicht darauf, dass die Praxis zuletzt zweimal vom Elbe-Hochwasser heimgesucht wurde. Darüber hat Ingrid Kaulfuß niemanden im Unklaren gelassen. Doch der gebürtige Tscheche sollte schnell merken, wie schwer die Suche nach einem Arzt ist. Er selbst wollte ja in Neustadt bleiben, die Praxis in Bad Schandau nur zusätzlich einrichten. Zahlreiche Anzeigen schaltete er in Ärztezeitungen und in sozialen Netzwerken im Internet. „Darauf meldeten sich aber nur Leute, die mir noch weitere Anzeigenflächen verkaufen wollten“, sagt Ctirad Bastl.

Dann fiel ihm Peter Bacar ein. Beide kennen sich schon viele Jahre. Einst arbeiteten sie zusammen in der Klinik in Sebnitz. Bacar hatte sich eine Nacht Bedenkzeit ausgebeten. Dann sagte er zu, als Angestellter von Bastl in der Bad Schandauer Praxis einzusteigen. „Das ist es doch, warum ich Arzt geworden bin, Patienten zu helfen, mich intensiv mit ihnen und ihren Anliegen zu beschäftigen“, sagt Bacar. Zuvor hatte er als Arbeitsmediziner in der Region Dresden zwar auch ein gutes Auskommen und geregelte Arbeitszeit. Als Vater von vier Kindern sei Letzteres sehr nützlich, sagt er. Doch die Freude auf die neuen Patienten überwog.

Peter Bacar stammt aus dem slowakischen Kosice, ist Internist und arbeitet seit 14 Jahren in Deutschland. Erst als Anästhesist in der Klinik in Güstrow, später in Sebnitz und zuletzt als Arbeitsmediziner in Dresden. Da betreute er unter anderem die Halbleiter-Firma X-Fab oder auch Sachsenmilch in Leppersdorf. Einige Bad Schandauer dürften ihn auch aus der Notfall-Medizin in Sebnitz kennen, wo er zahlreiche Dienste schob. Selbstverständlich spricht er fließend Deutsch, hat im gesamten Gespräch nicht eine Verständnisfrage.

Ingrid Kaulfuß weiß, dass das Leben als Landarzt für viele Kollegen nicht lukrativ genug ist. „Ich würde es aber immer wieder tun“, sagt sie. Seit den 1980er-Jahren begleitet sie Generationen von Patienten durch mehr oder minder schwere Leidenszeiten. „Es war mein Traumberuf, auch wenns nicht immer einfach war“, sagt sie.

Patienten sind froh

Auf die hohe Verantwortung eines Hausarztes weist Ctirad Bastl hin. „Der stellt im Regelfall die erste Diagnose. Da darf man nichts übersehen“, sagt er. Möglicherweise scheut das der eine oder andere Kollege. Peter Bacar hat noch einen anderen Grund ausgemacht, warum sich viele Mediziner so schwertun, in den ländlichen Raum zu ziehen. „Alle studieren in großen urbanen Städten, mit attraktiven kulturellen Angeboten“, sagt Bastl. Dann würde sich dort meist noch die Facharztausbildung anschließen und das alles in einer Lebensphase, in der viele Familien gründen. „Wenn sie dann so weit sind, dass sie sich irgendwo niederlassen können, sind sie schon längst in den Städten verwurzelt.“

Ctirad Bastl und Peter Bacar bezeichnen sich selbst als Hausärzte aus Überzeugung. Seit langem ist Bastl ein anerkannter Neustädter, der auf der Straße freundlich gegrüßt wird, der viele Familien und ihre Geschichten kennt. Die Leute honorieren sein leidenschaftliches Engagement als Arzt. „Deshalb wollte ich der Region etwas zurückgeben“, sagt Bastl und meint damit die Weiterführung der Arztpraxis von Ingrid Kaulfuß.

Das hat auch Arzthelferin Jana Schneider den Job gesichert. „Die Patienten sind alle froh, dass es nun nahtlos weitergeht“, sagt sie über die ersten Wochen mit ihren neuen Chefs. Die wollen auch noch weitere Technik anschaffen, wie etwa für die Langzeitblutdruckmessung oder ein Belastungs-EKG. „Solche Investitionen hatten sich für mich ja nicht mehr gelohnt“, sagt Ingrid Kaulfuß. Sie wünscht ihrem Nachfolger alles Gute und wird sich natürlich mal bei ihm sehen lassen, wenn sie wieder auf dem Damm ist.