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Landhaus an der B 98 wird abgerissen

© Steffen Unger

Der Eigentümer kümmert sich nicht um das Gebäude. Für die Folgen muss der Steuerzahler aufkommen.

Von Ingolf Reinsch

Neukirch. Die „Schweizer Rose“ in Neukirch, ein Umgebindehaus im Landhaustil und als solches einzigartig in der Oberlausitz, ist nicht mehr zu retten. Da Gefahr im Verzug ist, lässt es das Landratsamt abreißen. Der Abriss ist für nächste Woche geplant, sagte Klaus Wenzel, Leiter des Bauordnungsamtes im Landkreis, auf Anfrage der SZ. Zuvor müssen noch die verbliebenen Medienanschlüsse gekappt werden.

„Fester Schritt und frischer Mut/ Vereint im Vorwärtsstreben/ Verschafft dem Menschen Hab und Gut/ Hat mir auch mein lieb Heim gegeben“, war hier mal zu lesen. © Steffen Unger

Das an der Bundesstraße 98 gelegene Haus ist ortsbildprägend. Seit Jahren steht es leer und verfällt. Nun droht es einzustürzen. So ist eine der Umgebindesäulen, die das Obergeschoss und Dach tragen, bereits weggebrochen. Gefahren für die Öffentlichkeiten gehen vor allem von der dem Dammweg zugewandten Längsseite des Hauses aus. Sollte es einstürzen, könne keiner ausschließen, dass Gebäudeteile auf die sich unmittelbar daneben befindliche Straße stürzen und Passanten gefährden, sagte Klaus Wenzel. Die Bauaufsicht im Kreis Bautzen will das verhindern und handelt. Weil es der Hauseigentümer nicht tut.

Lebensgefahr im Haus
„Wir beobachten das Gebäudes schon seit mehreren Jahren. Der Zustand hat sich mit der Zeit immer weiter verschlechtert. Inzwischen ist es lebensgefährlich, das Haus zu betreten“, sagte Klaus Wenzel. Der im Grundbuch stehende Eigentümer sei wiederholt aufgefordert worden, das Haus zu sichern. Keine Reaktion. Auch die letzte Frist – 4. April – verstrich. Da der Eigentümer auf dem Postweg offenbar nicht zu erreichen ist, stellte ihm die Kreisbehörde die letzte Aufforderung öffentlich zu. Das heißt, an den Verwaltungsstandorten des Landratsamtes in Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda hing das Schreiben vier Wochen lang aus. Nun geht das Landratsamt in die sogenannte Ersatzvornahme. Statt des Hauseigentümers lässt die Landkreisverwaltung das Gebäude abreißen und anschließend den Bauschutt wegfahren. Die Kosten dafür sollen dem Eigentümer in Rechnung gestellt werden. Ob sich der Landkreis von ihm das Geld zurückholen kann, ist jedoch fraglich. Um die Ansprüche zu sichern, bleibe die Möglichkeit, das Grundstück mit dem ausstehenden Betrag zu belasten und die Summe ins Grundbuch eintragen zu lassen, sagt Klaus Wenzel.

Das in Neukirch als „Schweizer Rose“ bekannte Haus wurde nach Informationen der Denkmalschutzbehörde in der Zeit zwischen 1800 und 1825 errichtet. Viele Jahre stand es unter Denkmalschutz, da es bau- und sozialgeschichtlich von Bedeutung ist. Auffallend sind vor allem die große Veranda, die Farbglasfenster sowie die Inschrift: „Fester Schritt und frischer Mut/ Vereint im Vorwärtsstreben/ Verschafft dem Menschen Hab und Gut/ Hat mir auch mein lieb Heim gegeben“. Aufgrund des starken Verfalls sei der Denkmalstatus des Hauses jedoch schon vor längerer Zeit aufgehoben worden, sagte Klaus Wenzel.

Was folgt dem Abriss?
Mit dem Haus verliert Neukirch ein Stück Geschichte und wohl auch ein Stück Identität, aber eben auch einen Schandfleck mitten im Ort. Die Verantwortung für den Abriss liegt nicht bei den Behörden, sondern beim Eigentümer , der sich weder um Haus noch um das Grundstück kümmert. Wahrscheinlich wird sich auf dem Grundstück auch nach dem Abriss lange Zeit nichts tun. Der Eigentümer bleibt zwar in der Pflicht. In der Praxis lässt sich das Areal jedoch kaum nutzen – und deshalb wohl auch nur schwer verkaufen. Denn das Grundstück ist schmal wie ein Handtuch, begrenzt von Dammweg und Wesenitz. Gleich daneben am Dammweg steht noch ein unbewohntes, verfallenes Haus aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auch dort wurde aufgrund des Zustandes bereits 2014 der Denkmalsstatus aufgehoben. Dieses Gebäude gehöre einem anderen Eigentümer, sagt Klaus Wenzel. Im Unterschied zur „Schweizer Rose“ sehe man dort aktuell aber keinen Handlungsbedarf für die Behörde. Denn dieses Gebäude, das massiv errichtet wurde, ist standsicher.

Die Gemeinde Neukirch verfügt über rund 300 Denkmale. Dazu gehören rund 40 Umgebindehäuser sowie mehrere Vorlaubenhäuser, die wesentlich seltener sind.