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Landwirte bangen um ihre Schweinebestände

Von Schwarzwild geht durch die afrikanische Schweinepest Gefahr für Zuchtvieh aus. Die Wildtiere erobern die Städte.

© dpa

Von Babette Philipp, Jan Leissner und Tina Soltysiak

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Wenn es in den Innenstädten nach gebrannten Mandeln riecht, die Tage kürzer und die Abende länger werden, dann steht die Weihnachtszeit vor der Tür.

Döbeln. Von der afrikanischen Schweinepest (ASP) sind Tiere in Polen und Tschechien betroffen. Nun bangen hiesige Landwirte, denn die Krankheit ist tödlich. Dabei ist die Population der Wildschweine in den vergangenen Jahren gewachsen, so dass die Gefahr einer Übertragung der Krankheit hoch ist. Sollte der Virus nach Deutschland vordringen, erwartet der Sächsische Landesbauernverband allein im Freistaat Kosten von über 100 Millionen Euro. Dem wachsenden Schwarzwild-Bestand soll mit einer Novellierung des Sächsischen Jagdgesetzes entgegengetreten werden, das unter anderem den Einsatz von Schalldämpfern und Nachtsichtgeräten erlaubt.

So sieht das Virus der Afrikanischen Schweinepest unterm Mikroskop aus.
So sieht das Virus der Afrikanischen Schweinepest unterm Mikroskop aus. © dpa

Ob das neue Jagdgesetz das Problem löst, weiß Jan Gumpert, Vorstandsvorsitzender der Agraset Naundorf, nicht. Er bangt um den Bestand von 550 Zuchtsauen und rund 5 000 Masttieren in seinem Betrieb. „Die ASP ist ein Riesenproblem. Selbst wenn sie nicht in den Bestand eingeschleppt wird, wogegen wir gut gerüstet sind, werden bei ihrem Auftreten Sperrbezirke gebildet. Das allein würde enorme wirtschaftliche Schäden für die gesperrten Betriebe bringen“, so Gumpert. Die Experten sollten alles dafür tun, den übergroßen Bestand an Wildschweinen abzubauen und die Jäger in jedweder Weise unterstützen.

Abschussprämie ist vom Tisch

Das neue Gesetz sollte nach Auskunft des Sächsischen Landwirtschaftsministeriums zum 18. Februar in Kraft treten. Eine vorher diskutierte Abschussprämie ist vom Tisch. Der Freistaat übernehme derzeit bereits die Kosten für die Untersuchung von Fleischproben auf Trichinen. Das sind Würmer. Verzehren Menschen von ihnen befallenes Fleisch, kann das schwere gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod verursachen. „Somit sind die Jäger bereits von Kosten entlastet, die ihnen im Zusammenhang mit der Jagd auf Wildschweine entstehen“, sagt Ministeriumssprecher Frank Meyer.

Milde Winter fördern Vermehrung

Doch eine Abschussprämie wäre laut Matthias Petzold, Vorsitzender des Jagdverbandes Rochlitzer Land, ein guter Anreiz, Jäger zu noch mehr Aktivität zu motivieren. Ebenso sieht das ein erfahrener Wechselburger Waidmann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Der Abschuss von Wildschweinen sei mit viel Arbeit und neben der nun für Jäger kostenfrei ausgeführten Trichinenschau mit weiteren Ausgaben verbunden, der Verkauf des Wildbrets bringe hingegen kaum Gewinn. Da Wildschweine nachtaktiv sind, könnten sie auch nur bei Dunkelheit gejagt werden. „Und wer verzichtet schon tagtäglich auf seinen Schlaf und sitzt stattdessen auf dem Hochsitz? Da sind Nachtsichtgerät oder Schalldämpfer egal“, sagt er. Die Wildschweinpopulation wachse seit Jahren stetig. „Milde Winter führen dazu, dass von den im zeitigen Frühjahr geborenen Frischlingen viele überleben. Manche Bache wirft gar zwei Mal im Jahr.“ Er sieht eine Wurzel des Problems auch in den früher geltenden Abschussbeschränkungen.

Seit 1963 wieder in Döbeln heimisch

Die Tiere, die es erst seit 1963 wieder in der Region Döbeln gibt, haben sich in den vergangenen Jahren stark ausgebreitet. Das bestätigen auch die Streckenzahlen der unteren Jagdbehörde des Landratsamtes Mittelsachsen. Zwischen 2013 und 2016 sind im gesamten Kreis fast 10 000 Tiere verendet, sowohl durch die Jagd als auch durch Unfälle. In der Jagdsaison 2016/17 wurden 3 295 Schwarzkittel zur Strecke gebracht.

Finden Jäger ein verendetes Tier im Wald, müssen sie dies melden. Auch, wenn sie bei einem Wildschwein Auffälligkeiten feststellen, wie beispielsweise Apathie oder Eiter in den Augen. Stellen die Jäger bei der Organbeschau Auffälligkeiten fest, sollte der Amtstierarzt ebenfalls darauf hingewiesen werden. Weitere Anzeichen für eine ASP sind, so das Friedrich-Löffler-Institut, unter anderem Durchfall, Neigung zu Blutungen, vergrößerte Milz sowie Schaum in Lunge und Atemwegen.

Hygienetipps für Hobby-Züchter

Noch gibt es keine bestätigten Fälle der afrikanischen Schweinepest in Mittelsachsen. „Und wir können auch nur hoffen, dass es dabei bleibt. Denn ein wirklicher Schutz davor existiert nicht“, sagt Iris Claassen, Geschäftsführerin des Regionalbauernverbandes Döbeln-Oschatz. Für Schweinezuchtbetriebe gebe es ohnehin schon sehr strenge Hygienevorschriften. „Mitarbeiter müssen sich vor und nach dem Betreten der Ställe duschen und umziehen“, schildert sie. Sie empfiehlt privaten Schweinehaltern, ebenfalls verstärkt auf die Einhaltung der Gesetze zu achten. „Das Beste ist, wenn niemand Unbefugtes die Ställe betritt. Zudem sollten die Züchter nicht mit ihren Arbeitssachen einen fremden Stall betreten“, so Iris Claassen.

Selbst wenn sich Hausschweine mit der ASP infizieren, sei die Vermarktung des Fleisches prinzipiell noch möglich, da der Verzehr für den Menschen unbedenklich sei, so die Niederstriegiserin. „Allerdings dürfte der Verkauf nur regional erfolgen. Die Ausfuhr des Fleisches ist nicht erlaubt. Das würde die Zuchtbetriebe vor große Herausforderungen stellen“, meint sie.

Bis auf die Terrasse vorgewagt

Ein weiteres Problem ist, dass sich das Schwarzwild auch immer weiter in die Städte vorwagt. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte eine Horde Wildschweine eine Schafsweide nahe Leisnig zerwühlt. Auch den Weinberg in Roßwein hatten die Borstentiere schon einmal großflächig umgepflügt. Im Waldgebiet Hartenberg und sogar rund um die Talsperre Kriebstein fühlen sich die Tiere sauwohl. Aber was Familie Matrohs im Einfamilienhausgebiet Gartenstadt in Hainichen erlebt hat, ist doch außergewöhnlich: Anfang vergangener Woche hatte sich das Schwarzwild auf deren Grundstück nicht mehr von einer Hecke aufhalten lassen, kam nachts bis auf die Terrasse am Haus, Spuren fanden sich bis zur Wohngebietsstraße, wie Kathrin Matrohs berichtet. „Dass Wildtiere in der Nähe leben, wissen wir. Aber in der Dimension haben wir das noch nicht erlebt, und wir wohnen schon 20 Jahre hier“, sagt sie.

Und das ist kein Einzelfall in der Stadt, wie der Hainichener Jäger Wolf-Siegfried Fischer bestätigt. Es habe schon weitere ähnliche Berichte von Hausbesitzern gegeben. „Auch wir Jäger erschrecken manchmal, wo wir Wildschweine antreffen“, so Fischer. Nach Ansicht des Mitglieds des Hainichener Jagdverbandes spüren die Wildschweine, dass sie in der Zivilisation sicher sind vor dem hohen Jagd-Druck, der im Wald herrsche. Doch: „In Wohngebieten dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht schießen“, so Fischer. Angelockt würden die Tiere, weil sich auf Wiesen und im Kompost im Winter Futter finden lasse, sagt der 75-Jährige, der in Revieren in Teilen von Hainichen und Striegistal auf die Pirsch geht.