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„Landwirtschaft ohne Chemie heißt höhere Kosten“

Der Bauernverbands-Chef über Diskussionen zu Glyphosat, Alternativen gegen Unkraut und das Miesmachen der Bauern.

© Rafael Sampedro

Von Anja Beutler

Bis zum 15. Dezember muss sich die EU entscheiden, ob das Pflanzenschutzmittel Glyphosat weiter zugelassen wird. Derzeit ist davon auszugehen, dass das Pestizid nicht mehr – wie bisher üblich – für die nächsten zehn Jahre eine Erlaubnis erhält. Die anhaltende Kritik an der Chemikalie der Firma Monsanto hat in EU-Ländern wie Frankreich und Italien die Skepsis genährt, sodass nur noch mit einer Zulassung für fünf bis sieben Jahre zu rechnen ist. Zwar ist wissenschaftlich umstritten, ob Glyphosat krebserregend ist, aber die Unsicherheit wächst. Welche Rolle das Mittel im Kreis Görlitz spielt und was ein Wegfall ganz praktisch für die Bauern bedeuten würde, skizziert der Geschäftsführer des Bauernverbands Oberlausitz, Rainer Peter:

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Herr Peter, Sie trinken sicher auch gern einmal ein Bier. Haben Sie Berichte über Glyphosat-Rückstände im Bier 2016 nachdenklich gemacht?

Nein, denn ich habe in den Berichten auch gelesen, wie viel man trinken müsste, bis etwas passiert.

Verstehen Sie, wenn andere Bier-Fans da allergischer reagieren?

Sicher, aber da müsste man genau genommen auch auf so viele andere Dinge verzichten – auch in Hautcremes oder Waschmittel gibt es Schadstoffe. Oder, wenn ich an die Anti-Algenmittel für Swimmingpools denke, wie giftig da die Bestandteile sind. Da hat niemand Bedenken, seine Kinder baden zu lassen. Gleiches gilt für so manche Fassadenfarbe, die zur Vorbeugung gegen Algenbildung an der Hauswand Fungizide enthält. Auch diese Chemikalien werden mit dem Regen abgewaschen und gelangen in den Boden.

Aber laut einer Studie ist Glyphosat wahrscheinlich krebserregend...

Ja, und es gibt weitere Studien, die das Gegenteil behaupten. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob die Wissenschaftler wirklich immer unabhängig arbeiten. Ich fände es besser, wenn man die Landesversuchsanstalten besser ausstatten und dazu nutzen würde, solche Dinge unabhängig zu überprüfen. Dort gäbe es die Möglichkeit, eine gute Datenbasis zu erhalten, statt alles als Projekt an Dritte zu vergeben.

Glyphosat ist weltweit sehr verbreitet. Wie wichtig ist es in der Oberlausitz?

Glyphosat ist nicht das einzige Unkrautbekämpfungsmittel, es ist das bekannteste. Allerdings nicht, weil es die Bauern massenhaft einsetzen, sondern weil öffentlich darüber gestritten wird. Genaue Zahlen, wie viele Bauern es verwenden oder auf welcher Fläche es ausgebracht wird, habe ich so nicht. Aber man kann leicht erklären, wie verankert es auch bei uns ist: In den vergangenen zehn, 15 Jahren hat die Politik die Bauern auch mit Fördergeldern angeregt, bodenschonend, also pfluglos zu arbeiten. Damit wirkt man zum einen der Bodenerosion – also der Abtragung – vor. Zum anderen spart man Diesel für die Maschinen. Das geht aber nur mit einer zusätzlichen Unkrautbekämpfung zum Beispiel mit Glyphosat. Viele Bauern haben sich nach und nach darauf eingerichtet und statt eines neuen Pfluges dann eben einen Grubber angeschafft. Ich schätze, dass etwa die Hälfte der Landwirte im Kreis weitgehend pfluglos arbeitet. Wenn Glyphosat jetzt plötzlich wegfallen würde, hätten sie schlagartig deutlich höhere Kosten. Bei dem Preisdruck auf die Landwirtschaft ist das ein Problem. Hinzu kommt, dass außerhalb der EU das Verbot ja nicht gelten würde. Vor dieser billigen Konkurrenz haben wir Bauern Angst, die drückt die Preise.

Gibt es Alternativen für Glyphosat?

Wie schon gesagt, es gibt auch andere Mittel, aber was neu ist, ist auch teurer. Und ob die Chemieindustrie bei einem Glyphosat-Verbot etwas Neues entwickeln wird, da bin ich nicht sicher. So etwas kostet Geld und Zeit und die Industrie braucht Sicherheiten, dass es sich lohnt. Im Rest der Welt könnte Glyphosat weiter genutzt werden.

Nun könnte man ja sagen – bei Öko- und Biobetrieben geht es auch ohne Glyphosat. Warum nicht so?

Sicher geht es auch ohne – aber da sind wir wieder bei der Frage nach Kosten und Effektivität. Ja, und wo wären dann die Leute, die gebückt mit der Hacke in der Hand über das Feld ziehen, auch bei Regen? Die kommen auf keinen Fall aus Deutschland. Ich war vor zwei Wochen bei einem Ökobetrieb bei Wurzen zu Besuch. Der Landwirt braucht mehr als das Doppelte an Erlösen im Vergleich zum konventionell wirtschaftenden Bauern pro Hektar, denn er erntet nur etwa die Hälfte. In Zahlen: Dieses Jahr bekommt man für Weizen aus konventionellem Anbau 160 Euro die Tonne. Damit kommt man in etwa auf die Produktionsausgaben. Der Bio-Landwirt braucht aber 400 Euro pro Tonne, sonst kann er nicht wirtschaften.

Wo liegt für Sie der Schlüssel für dieses Problem?

Der Kern ist doch, dass der Landwirt seine Ausgaben erwirtschaften können muss. Eine Landwirtschaft ohne chemische Unkrautbekämpfung bedeutet einen deutlichen Mehraufwand bei der Produktion und damit höhere Kosten. Diese müsste dann wohl der Verbraucher tragen – wie bei so vielen anderen Dingen ja inzwischen auch: Denken Sie an den Ökostrom, den der Verbraucher ebenfalls mitfinanziert. Die Landwirte können das nicht zusätzlich abpuffern und der Handel wird es sicherlich auch nicht tun.

Um sich ein Bild zu machen: Wie und wann wenden die Landwirte Glyphosat an? Jüngst gab es Kritik, als ein Bauer im Kreis kurz vor der Ernte spritzte.

Glyphosat nutzt man, um auf einer Fläche das Unkraut zu vernichten. In der Regel wird es vor oder kurz nach der Aussaat gespritzt, zum Beispiel jetzt im Herbst. Es ist auch möglich, später mit Glyphosat zu arbeiten, aber das geht erst ab einer bestimmten Wachstumsphase. Gesetzlich ist der Einsatz auch kurz vor der Ernte erlaubt, aber darauf verzichten die Landwirte hier in der Gegend in der Regel – auch um Diskussionen und einen falschen Eindruck zu vermeiden. Aber in manchen Fällen kann es sinnvoll sein. Zum Beispiel, wenn in der Futtergerste sehr viel Unkraut ist und die Ernte viel zu feucht werden würde.

Was wissen die Bauern über das Mittel?

Mich ärgert immer, wenn manche so tun, als ob wir keine Ahnung haben, was wir da machen. Wer Pflanzenschutzmittel im Betrieb anwenden will, muss einen Sachkundeausweis führen und ihn alle drei Jahre erneuern lassen – mit nötiger Aus- und Weiterbildung. Niemand spritzt mal einfach so etwas auf das Feld, das macht man nur, wenn es nötig ist. Alles andere würde bei Kontrollen ohnehin sofort auffallen.