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Lasst mich deutsch sein

Wie eine promovierte Chemie-Ingenieurin aus dem Irak um ihr neues Leben fernab ihrer Heimat kämpft.

© Sven Ellger

Von Henry Berndt

Sie liebt die deutsche Küche. Also zumindest die süße. Wann immer es ihre Zeit zulässt, bäckt Iman Mohammed Käse- oder Apfelkuchen und lässt ihn sich gemeinsam mit Freunden oder ihrem Bruder schmecken. Der wohnt mit ihr in einer kleinen Wohnung in Johannstadt. Er ist Informatiker und seiner Schwester einen wichtigen Schritt voraus: Er hat Arbeit und darf in Deutschland bleiben.

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Das hier ist aber keine Geschichte vom bösen deutschen Staat, der willkürlich eine bestens integrierte Akademikerin rauswerfen will. Nein, das ist die Geschichte einer Frau, die sich fernab ihrer Heimat ein neues Leben aufgebaut hat und nun hofft, dieses Leben weiterleben zu dürfen.

Iman Mohammed ist 40 Jahre alt und stammt aus der irakischen Hauptstadt Bagdad. Dort wuchs sie auf, und dort machte sie Anfang der 2000er auch ihren Master als Chemie-Ingenieurin. In ihrer Abschlussarbeit beschäftigte sie sich mit der Aufbereitung von Trinkwasser. „Dabei hatten wir selbst zu dieser Zeit monatelang kein Trinkwasser in der Stadt“, erinnert sie sich. Es war 2003. Nach der amerikanischen Invasion tobte in Bagdad der Krieg. Auch Gebäude der Universität wurden von Bomben getroffen. Brennende Autos waren ein gewohntes Bild in den Vierteln. „Ich wusste am Morgen nicht, ob ich es bis in die Uni schaffe oder ob die Armee mal wieder die Straße abgesperrt hat.“

Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst noch als Assistentin ihres Professors und bewarb sich dann für ein ausgeschriebenes Stipendium in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst. Die Wahl fiel auf sie, und so stieg sie 2009 ins Flugzeug. Ein mittelgroßes Wunder. Im Irak ein Visum für das Ausland zu bekommen, war und ist schwer. Und wenn, dann maximal für eine Woche.

Nach einigen Monaten in München wechselte Iman Mohammed für ihre Promotion an die TU nach Dresden. „Am Anfang war ich überrascht, dass anscheinend alle Deutschen blond und weiß waren“, erinnert sie sich. Aber bald schon habe sie Anschluss gefunden und sich wohlgefühlt.

Inzwischen ist sie seit neun Jahren hier. Aus der schüchternen Studentin ist eine angesehene Wissenschaftlerin mit Doktortitel geworden, die an Fachkonferenzen in der ganzen Welt teilnahm, Preise gewann und Artikel in den wichtigsten internationalen Fachzeitschriften veröffentlichte. Seit dem Abschluss ihrer Promotion forscht sie bis heute weiter an der TU. Doch am 31. März endet ihr Stipendium.

Und dann? „Dann wird es so sein, als sei ich gerade erst gestern nach Deutschland gekommen“, sagt Iman Mohammed. Das Lächeln auf ihrem Gesicht ist jetzt verschwunden. Nach deutschem Recht muss sie das Land verlassen, sollte sie nicht bald eine Anstellung vorweisen können. Doch das ist in ihrer hoch spezialisierten Branche nicht so einfach. 250 Bewerbungen habe sie nach ganz Deutschland verschickt. Ohne Erfolg. „Oft habe ich nicht mal eine Antwort bekommen“, sagt sie und meint auch, den Grund für die Skepsis der Arbeitgeber zu kennen: ihr Kopftuch.

„Ich bin Muslimin, ja, aber es gibt ein völlig falsches Bild vom Islam.“ Zu viele würden bei einem Kopftuch sofort an radikale Islamisten denken. „Dabei ist das mein Recht. Mein Schal verletzt niemanden, und darunter steckt ein Gehirn.“ Die Universität hier habe ihr eine große Chance gegeben, für die sie immer dankbar sein werde. Doch sie könne nicht verstehen, dass nun der Staat so einfach zusieht, wie eine mit viel Geld ausgebildete Fachkraft wieder in ihre Heimat zurückkehrt.

Asyl kann sie nicht beantragen, da sie zuletzt nie in Gefahr war. Vor drei Jahren kehrte Iman Mohammed für kurze Zeit in den Irak zurück – wo damals gerade der IS wütete. „Es war ein Desaster. Direkt neben mir sind Autos explodiert und Leute auf offener Straße exekutiert worden. „Dort ist ein Menschenleben nur so viel wert wie eine Kugel.“ In ihrem von Korruption zerfressenen Heimatland sieht sie für sich keine Perspektive, nicht als Mensch und schon gar nicht als Ingenieurin.

Und hier? Hier schwitzt sie seit sechs Jahren im Aerobic-Kurs der TU. Sie hat unzählige deutsche Freunde und bringt beim „Science Slam“ Wissenschaft auf die Bühne. Nur an der deutschen Sprache muss sie noch arbeiten, da ihr in der Forschung lange Zeit Englisch genügte. Gerade besucht sie einen neuen Kurs. Sie will alles tun, um nicht mehr aus ihrer neuen Lebenswelt mit Ampelmännchen, Weihnachten und Käsekuchen herausgerissen zu werden. „Ich habe immer viel gearbeitet, um meine Ziele zu erreichen“, sagt Iman Mohammed, „aber dieses Ziel ist das schwerste. Es liegt nicht in meinen Händen.“