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Leben unterm Doppel-M

In Leipzig erlebt das höchste Wohnhochhaus der DDR einen zweiten Frühling. Das hat auch mit der missglückten Olympiabewerbung für 2012 zu tun.

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© dpa

Von Birgit Zimmermann

Wenn in Leipzig zwei Buchstaben stillstehen, dann ist in der Zentrale der kommunalen Wohnungsgesellschaft LWB Alarm. „Dann kriegen wir einen Haufen aufgeregte Anrufe: ,Das Doppel-M dreht sich nicht!‘“, erzählt LWB-Geschäftsstellenleiterin Kathrin Welz. Das „Doppel-M“ ist eine Leuchtreklame der Leipziger Messe, und sie dreht sich auf einem nicht minder bekannten Wahrzeichen der Stadt: dem Wintergartenhochhaus – kurz Wiga. Dieses Gebäude, einst höchstes Wohnhochhaus der DDR, haben die Leipziger ähnlich ins Herz geschlossen wie das „Doppel-M“ auf dem Dach. Mehr noch: Wohnen im Wiga ist wieder so begehrt wie früher.

„Wenn Sie hier jetzt eine Wohnung haben wollen – dann müssen Sie erst einmal warten, bis eine frei wird. Und dann haben Sie noch fünf, sechs andere Interessenten vor sich“, sagt Welz. Die LWB führt Wartelisten für die Ein- bis Dreiraumwohnungen – und das, obwohl das Wiga mit seinen 94,5 Metern und 26 Wohnetagen ein regelrechter Wohnturm ist und optisch seine 60er-Jahre-Wurzeln nicht leugnen kann. Was also macht das Leben im DDR-Hochhaus direkt neben dem Leipziger Hauptbahnhof wieder so attraktiv?

Gisela Piontek bittet auf ihren Balkon. Die 82-Jährige wohnt in der 24. Etage – und hat einen sensationellen Ausblick auf die Stadt. „Es ist einfach ein sehr schönes Wohnen hier“, sagt Piontek. In den unteren Gewerbeetagen gebe es Ärzte, ein Verein kümmere sich um Unterstützung für die vielfach älteren Bewohner. Piontek wohnt seit 1992 im Hochhaus. Früher, also zu DDR-Zeiten, hätte sie sich das nicht träumen lassen, sagt die 82-Jährige.

„Als DDR-Bürger stand man immer so ein bisschen ehrfurchtsvoll davor – einmal so eine Wohnung sehen …“, sagt auch LWB-Mitarbeiterin Welz. Das Wintergartenhochhaus galt als Luxus und war „verdienten Bürgern“ vorbehalten, wie Welz sagt. Eine der ersten Mieterinnen war Edith Krüger. 1972 sei sie mit ihrer Familie dort eingezogen. „Das ging über den Betrieb“, sagt Krüger. Ihr Mann habe bei Robotron gearbeitet, die Wohnung im 7. Stock sei ihnen zugeteilt worden. „Die Mitschüler unseres Sohnes kamen damals reihenweise zu Besuch. Die wollten alle mal gucken.“

Der Entwurf des achteckigen Hochhauses geht auf Horst Siegel zurück, der 1967/68 die „städtebaulich-architektonische Gestaltung“ markanter neuer Gebäude in Leipzigs Innenstadt verantwortete. Dazu zählten auch mehrere „Hochhausdominanten“ am Innenstadtring. „Es sollte ein Bauwerk entstehen, das in seiner Form und Wirksamkeit aus der städtebaulich-räumlichen Situation heraus entwickelt und den hohen Ansprüchen des Stadtzentrums gerecht werden würde“, erklärt der heute 82-Jährige und damalige Chefarchitekt. „Ich glaube, das haben wir erreicht.“

Drogen, Prostitution, Kriminalität

Während die rund 200 Wohnungen zu DDR-Zeiten ein für die meisten Bürger unerfüllbarer Traum blieben, ging es nach dem Mauerfall mit dem Hochhaus bergab. Die Nähe zum Hauptbahnhof – jahrelang ein Vorteil – verkehrte sich zu einem Nachteil: Drogen, Prostitution, Kriminalität kamen. „Es entwickelte sich so ein richtiges Bahnhofsmilieu“, sagt Welz.

Dass das Wiga dann 2004 saniert werden konnte, hängt mit Leipzigs Olympiaträumen zusammen. Die Stadt bewarb sich als Ausrichter für die Spiele 2012. Das Hochhaus war Teil des Beherbergungskonzeptes. Für 12,5 Millionen Euro wurde das seit 1994 denkmalgeschützte Haus saniert.

Das Wintergartenhochhaus sei ein klassischer Bau der DDR-Moderne, sagt der emeritierte Kunsthistoriker Prof. Thomas Topfstedt. Nicht nur als höchstes Wohnhochhaus der DDR konnte es einen Superlativ für sich beanspruchen, sondern es sei auch wegen seiner sogenannten Gleitbauweise technisch interessant. Auch wenn es alle immer dächten: „Es ist kein Plattenbau!“ (dpa)