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Lebensabend in der Tagesstätte

Wenn Senioren zu fit fürs Heim sind, aber nicht rüstig genug für ein Leben allein, können sie zu Pendlern werden.

© Christian Juppe

Von Nadja Laske

Noch schnell einen ordentlichen Schluck Wasser auf die Basilikumstängel. Dann ist das Mini-Beet fertig. Erika S. hat es zusammen mit anderen Gästen und ihren Betreuerinnen angelegt. In einer alten Holzpalette sprießen nun Kräuter und Blumen. Die Frühlingssonne scheint schon heiß auf die große Terrasse des Coswiger Neubaus. Darin betreibt der Arbeiter-Samariter-Bund eine Seniorentagesstätte. Bis zu 15 Tagesgäste im Alter zwischen Mitte 50 und fast 100 Jahren verbringen hier ihre Zeit gemeinsam mit einem vierköpfigen Pflegeteam.

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Früher hat Erika S. gern gegärtnert. Das schafft sie heute nicht mehr allein. Doch an der Seite ihrer Helfer genießt sie das junge Grün und kann ihre Freude mit anderen teilen. „Ich komme zwei Tage die Woche hierher“, erzählt sie. Zwar lebt die 82-Jährige zusammen mit ihren erwachsenen Kindern, wenn die aber auf Arbeit sind, würden die Stunden in der Einsamkeit sehr lang. „Da ist es schön, dass ich hier regelmäßig unter Menschen sein kann und Abwechslung habe“, sagt die Seniorin.

Frühstück könne sie sich zwar noch allein zubereiten, mittags für sich zu kochen, übersteige jedoch ihre Kräfte, genauso wie zu putzen und zu waschen. „Manchmal kaufe ich in einem kleinen Kolonialwarenladen ein, dort komme ich besser zurecht als in dem großen Supermarkt.“ Wenn Erika S. in der Tagespflege ist, braucht sie sich keine Sorgen um solche Dinge zu machen. Der Tag für sie und die anderen Gäste beginnt mit einem ausgedehnten Frühstück, auch für eine Zwischenmahlzeit, Mittagessen und Kaffeetrinken ist gesorgt.

Insgesamt rund 30 Senioren nutzen das Angebot des ASB in Cossebaude. Sie sind zu fit für eine stationäre Pflege, aber nicht mehr rüstig genug, um im Alltag ohne Unterstützung auszukommen. Viele Angehörige wollen ihre Eltern oder Großeltern nicht ins Heim geben, sind aber mit der Pflege zu Hause überfordert oder stecken selbst noch im Arbeitsalltag. Der Fahrdienst holt die Frauen und Männer auf Wunsch jeden Morgen zu Hause ab und bringt sie auch zurück. Zwischenzeitlich kümmern sich zwei Betreuer und zwei Pflegefachkräfte um sie. Die wenigsten verbringen alle Wochentage in der Tagespflege. So kommt es, dass die Gruppe zwar nie größer als 15 Senioren stark ist, aber mehr Menschen tageweise Betreuung erhalten.

Nach dem Frühstück finden sich die Gäste in der Morgenrunde zusammen, erzählen, musizieren, erhalten Bewegungs- und Gedächtnistraining. Später am Tag ziehen sich etliche Männer in die Holzwerkstatt zurück, Frauen basteln lieber, es wird vorgelesen, auch mal ein Film geschaut oder wie heute ein Beet angelegt. Dafür finden sich die Senioren in kleinen Gruppen zusammen oder hantieren für sich allein. Die Zeitungsschau gehört ebenso zum Programm wie Unterhaltungen über aktuelle Themen. So haben die Senioren einen geordneten Tagesablauf, regelmäßige Mahlzeiten, eine überwachte Medikamenteneinnahme, sinnvolle Beschäftigung und die Nähe von anderen Menschen. Dank einer speziellen Wanne können sie auch baden.

In den Räumen und an den Zimmertüren helfen Bilder bei der Orientierung. Sogar Hinweise in Sütterlinschrift gibt es. Die ältesten Semester haben die spitzen Schnörkel einst in der Schule gelernt und können sie heute noch lesen. Manche von ihnen leben schon mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Erinnerungslücken breiten sich aus, und die Pfleger und Betreuer nutzen jede Möglichkeit, um für geistige Highlights zu sorgen. Bei schwerer Demenz jedoch ist die Tagesstätte keine geeignete Versorgung. Auch bettlägerige Menschen können nicht aufgenommen werden. „Prinzipiell ist der offizielle Pflegegrad zwar unbedeutend, aber mobil sollten unsere Gäste sein und dem Tagesablauf der Gruppe folgen können“, sagt die Leiterin Evelyn Ebermann.

Den Pflegebedürftigen stehen beispielsweise im dritten Pflegegrad 1298 Euro für die Versorgung zu Hause und ebenso viel für die Betreuung in der Tagespflege zu. Dafür kann ein Senior jedoch nicht die ganze Woche über in die Einrichtung kommen, das kostet extra. Die Angehörigen zahlen auf jeden Fall insgesamt rund 20 Euro pro Tag für Essen, Betreuung, Unterbringung und anfallende Investitionen.

Erika S. hat inzwischen zu Mittag gegessen und ein Schläfchen gehalten. Nach dem Bastelnachmittag freut sie sich auf zu Hause. Dort wird sie etwas zu erzählen haben. Vielleicht, wie auf einer gefliesten Terrasse saftige Kräuter wachsen können.