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Weniger Inklusion an Schulen?

© Markus Scholz/dpa

Überfordert das gemeinsame Lernen behinderter und nichtbehinderter Kinder die Lehrer? Der Lehrerverband will bei Inklusion auf die Bremse treten - die Reaktionen sind gemischt.

Berlin Der Deutsche Lehrerverband hat mit der Forderung nach einem Aussetzen der Inklusion an den Schulen kontroverse Reaktionen in den Ländern ausgelöst. „Was wir jetzt brauchen, ist ein Moratorium bei der Inklusion“, sagte Präsident Heinz-Peter Meidinger der Zeitung „Die Welt“ (Montag). Unter inklusiver Pädagogik versteht man das gemeinsame Unterrichten aller Kinder an Regelschulen, also auch Kinder mit besonderem Förderbedarf wegen einer Behinderung.

Basis ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit einer Behinderung, die die Inklusion 2006 zum Menschenrecht erklärt hat und seit 2009 in Deutschland in Kraft ist.

Meidinger sagte, viele Bundesländer hätten den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht, also Förderschulen geschlossen, ohne die Regelschulen auf Inklusion vorzubereiten. Nötig sei eine Bestandsaufnahme: „Was funktioniert, und was funktioniert nicht?“ Man werde dann zu dem Schluss kommen, dass es ohne massive zusätzliche Finanzmittel nicht gehen werde. „Im Endeffekt braucht jede Klasse, die Inklusionsschüler hat, eine Zweitlehrkraft.“

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Berlin braucht kein Moratorium bei der Inklusion. Wir sind hier auf einem guten Weg.“ Berlin habe im Vergleich mit anderen Ländern früh mit der Inklusion begonnen und gehe stufenweise vor. „Dabei nehmen wir auf den Elternwunsch Rücksicht.“ Förderzentren würden nur geschlossen, wenn es zu wenig Schüleranmeldungen für eine Schule gebe. „Für die Inklusion bekommen Schulen zusätzliche Mittel, es gibt auch die entsprechende Beratungsstruktur.“

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien plädierte hingegen für eine Bestandsaufnahme der Inklusion an Schulen. Ein solcher Schritt sei jetzt richtig und wichtig, sagte die CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. In Schleswig-Holstein wird seit 1990 das gemeinsame Unterrichten von behinderten und nichtbehinderten Schülern vorangetrieben. „Die qualitative Ausstattung und Organisation der Zusammenarbeit zwischen Regelschulen und Förderzentren muss so verbessert werden, dass das Inklusionskonzept allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden kann und Lehrkräfte nicht dauerhaft überfordert werden“, sagte Prien.

In Mecklenburg-Vorpommern bekannten sich sowohl das Bildungsministerium als auch die Linke im Landtag zu Zielen und Wegen inklusiver Pädagogik. „Die UN-Behindertenrechtskonvention ist geltendes Recht und muss umgesetzt werden. Inklusion kann nicht ausgesetzt werden, sie findet längst überall statt“, konstatierte die Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Simone Oldenburg.

Ein Sprecher des Bildungsministeriums verwies auf die im Land über Parteigrenzen hinweg vereinbarte Inklusionsstrategie bis zum Jahr 2023. „Damit ist Mecklenburg-Vorpommern gut aufgestellt“, sagte der Sprecher. In Mecklenburg-Vorpommern sollen nicht alle Förderschulen aufgelöst werden. Ende 2016 hatte es im Land noch 79 davon gegeben.

Meidinger sagte, wenn die Unterschiedlichkeit der Leistungen eine gewisse Schwelle überschreite, dann stelle sie nicht nur das Lehrpersonal vor Herausforderungen. Sie gefährde mit Sicherheit den Lernfortschritt aller. (dpa)