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Leipzig: Deutschlands Künstler-Brutkasten

© Unsplash.com © Clem Onojeghuo

Geht es um Kunst, haben viele vor allem Düsseldorf im Hinterkopf. Vielleicht München und Hamburg und natürlich mit Sicherheit Berlin. 

Keine Frage, diese Städte sind in Sachen Kultur Schwergewichte der Szene und haben internationale Bedeutung. Doch immer wieder zeigt sich, dass eine ganz andere Stadt die Rolle des Brutkastens übernimmt und dadurch zum großen Steuermann der künstlerischen Zukunft der Republik wird. Warum es Leipzig ist und wie die hiesige Nachwuchsszene von den Realitäten der Stadt unglaublich profitiert, zeigt unser folgender Artikel.

Aus der Not eine Tugend

Leipzig ist insofern ein solches Refugium für junge Künstler geworden, als dass die Stadt einen wahnsinnig guten Nährboden dafür bietet – der eigentlich von vielen als ein Nachteil angesehen wird. Denn im Gegensatz zu praktisch allen anderen großen Städten Deutschlands ist Leipzig nicht von Hartmannsdorf bis Seehausen durch-gentrifiziert. Tatsächlich hat die Stadt neben den liebevoll sanierten Gründerzeitvillen und den zum Staunen anregenden Neubauten einen veritablen Anteil an Brachen, an Ruinen, an unsanierten Gebäuden. Was die Stadtverwaltung selbst höchstkritisch sieht, was vielleicht auch so manche Bürger durchaus als „Schandfleck“ ansehen, ist jedoch tatsächlich genau das, was Kunst braucht: günstig. Die Liste an Künstlern in Deutschland, die von ihrer Hände Arbeit leben können, ist sehr kurz. Und blickt man auf die gigantische Riege jener hungriger Jungtalente, ist sie sogar fast nichtexistent.

Und es macht eben einen gewaltigen Unterschied, ob man für ein Studio, ein Atelier oder einfach nur einen Raum, in dem man sich in kreativem Nachdenken und Planen üben kann, monatelang suchen muss und dennoch nur etwas zu Höchstpreisen findet, oder ob man nur die Hand ausstrecken muss.

Zugleich ist der zahnlückige Charme der Stadt der vielleicht atemberaubendste Sandkasten, den man sich als Architekt nur wünschen kann. In kaum einer anderen Stadt herrscht so viel Freiheit, sich mittendrin auszutoben, neue Konzepte zu probieren, neu zu bauen und zu sanieren. Vielleicht mag es den Stadtvätern nicht gefallen, dass Leipzig nicht zur Gänze so schön ist wie andere Kommunen der gleichen Größenordnung. Aber für Kunst jeglicher Sparte ist es ein regelrechter Traum-Raum.

Sich gegenseitig antreiben

Raum ist sehr viel. Aber es ist für einen Künstler längst nicht alles. Die wenigsten der Szene sind Einzelkämpfer, die für sich alleine im „stillen Kämmerlein“ sitzen und ihre Kunst erstellen. Im Gegenteil, Kunst ist wohl etwas, das wie nichts anderes vom gegenseitigen Austausch der Schaffenden lebt, sich durch ihn ernährt, daran wächst und gedeiht.

Abermals etwas, das unheimlich laut für Leipzig spricht. Wo eine Claudia Biehne Porzellan zur Kunstform erhebt. Wo auf der Bühne von Ilses Erika alles zwischen Poetry Slam und Tanzwettbewerb Raum findet. Wo zahllose kleine und große Künstler sich entfalten, da ist Austausch nicht nur möglich, sondern zentraler Bestandteil. Da muss ein Künstler, überspitzt formuliert, keine Suchanzeigen schalten, muss keine weiten Wege in Kauf nehmen. Abermals muss er in Leipzig nur die Hand ausstrecken und wird viele Menschen finden, die gleichgesinnt sind, die selbst Kunst machen. Und wo ein solcher künstlerischer Austausch in Perfektion besteht, ist es eigentlich kein Wunder, dass so viele junge Talente darunter sind. Hier bekommen sie Einblick in Techniken, in neue Stile, in Arbeitsweisen. Sie erweitern ihren Horizont durch den Kontakt mit Gleichgesinnten – nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe.

Ein Raum für die Kleinen

Auch 2018, in einer Zeit, in der es, salopp formuliert, nur ein Smartphone samt Kamera und einen neutralen Hintergrund braucht, um seine Kunst im Netz via Blog, Facebook und Co. einer weltweiten Öffentlichkeit zu präsentieren, geht es doch nicht ohne Physisches. Nur wenig andere Ausdrucksformen leben so sehr davon, dass der Betrachter sie selbst erleben kann. Sie mit eigenen Augen ansieht, statt als Konglomerat abertausender Pixel. Das Netz mag vieles ermöglichen, aber Kunst lässt sich – Ausnahmen wie beispielsweise Digitalkunst außen vor – nur in der dinglichen Welt in ihrer ganzen Bandbreite abbilden, aufnehmen, zelebrieren.

Doch das Problem der großen Städte ist: Sie sind so groß, dass der kleine Künstler oftmals an den Rand gedrängt wird. Die großen Galerien mit den imposanten Namen im Zentrum und drumherum ein ganzer Kosmos an kleinen Bühnen, die kaum gesehen werden, weil die Strahlkraft der großen Namen sie fast vollständig überlagert. Dagegen Leipzig. Ein Traum für jeden, der seine ersten Schritte in die Öffentlichkeit tragen will. Hier, wo am 30. November mit der a&o Kunsthalle am Hauptbahnhof ein Refugium für die jungen Hungrigen eröffnet. Wo sich auf 500 Quadratmetern alles nur darum dreht, jungen Künstlern jeglicher Genres eine Plattform zu bieten, um sich der Öffentlichkeit zu zeigen. Nicht nur für die Präsentation, sondern auch für den Austausch. Hier, wo in der Baumwollspinnerei gleich mehrere Galerien ihre Türen weit offen haben. Wo es unzählige umgewidmete Ladengeschäfte, Hinterhofgalerien und Kunstkneipen gibt, lebt diese Jung-Kunst. Sie erblüht, weil sie nur unter ihresgleichen ist.

Ein Lob der Bevölkerung

Allerdings darf man bei all diesen Gründen eines nicht vergessen: Es macht einen gewaltigen Unterschied, welches Mind-Set die Bevölkerung einer Stadt hat. Nun kann man „dem“ Leipziger sicherlich einige Klischees anhängen. Oft vergessen wird jedoch, dass er es ist, der ein Herz für Kunst und Künstler hat.

Kunst muss sich nicht jedem erschließen. Das war noch nie eine Grundvoraussetzung und wird es auch nie sein. Doch es braucht in einer Stadt eine Bevölkerung, die das akzeptiert. Die bei einer Aktion wie dem Papierschiff, mit dem der Künstler Frank Bölter 2011 den Karl-Heine-Kanal befuhr, nicht mit dem Kopf schüttelt, sondern anerkennend nickt. Und diese Anerkennung, die sich durch sämtliche Schichten zieht, ist in Leipzig der Kitt, der all das zusammenhält. Er sorgt dafür, dass selbst die große Kunstszene sich nicht abschotten muss gegen Ignoranz und Unverständnis, wie es vielerorts der Fall ist. In Leipzig wird sie akzeptiert, wird in die Mitte genommen und bekommt gesagt „genial, bitte mehr davon“.

Nicht alle Künstler erstellen ihre Werke, um damit anderen zu gefallen. Aber die wenigsten werden nicht zugeben, dass es verdammt guttut, wenn man auch von außerhalb der Szene Anerkennung erfährt.

Und all das ist Leipzig. Und damit nur eine logische Schlussfolgerung dafür, warum Kunst hier gedeiht. Etwas, auf das man wirklich stolz sein darf.