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Leipzig röhrt

Nach zehn Jahren Bauzeit wurde endlich der City-Tunnel eröffnet. Das S-Bahn-Netz reicht nun bis Hoyerswerda.

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© dpa

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Die Geschichte des Endlos-Bauwerks Leipziger City-Tunnel ist auch die Geschichte seiner Menschen. Denn für viele markiert die Eröffnung des unterirdischen Milliarden-Bauwerks am Wochenende das Ende eines alten oder den Anfang eines neues Kapitels.

Andrang im City-Tunnel

Mit einer Parallelfahrt ist der City-Tunnel in Leipzig eröffnet worden.
Mit einer Parallelfahrt ist der City-Tunnel in Leipzig eröffnet worden.
„Dieses Bauwerk ist das Verkehrsinfrastrukturprojekt in Mitteldeutschland überhaupt“, sagte Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) vor Beginn der Fahrt...
„Dieses Bauwerk ist das Verkehrsinfrastrukturprojekt in Mitteldeutschland überhaupt“, sagte Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) vor Beginn der Fahrt...
... an der auch Bahnchef Rüdiger Grube teilnahm.
... an der auch Bahnchef Rüdiger Grube teilnahm.
Durch die Direktverbindung und mit einer neuen Flotte aus 51 silbergrauen Elektrotriebwagen will die Bahntochter DB Regio Passagiere von der Straße auf die Schiene holen.
Durch die Direktverbindung und mit einer neuen Flotte aus 51 silbergrauen Elektrotriebwagen will die Bahntochter DB Regio Passagiere von der Straße auf die Schiene holen.
Zahlreiche Gäste kamen am Sonnabend in die Stationen des Tunnels.
Zahlreiche Gäste kamen am Sonnabend in die Stationen des Tunnels.
Die Kosten für das Bauwerk sind von ursprünglich geplanten 572 Millionen Euro auf 960 Millionen Euro angeschwollen.
Die Kosten für das Bauwerk sind von ursprünglich geplanten 572 Millionen Euro auf 960 Millionen Euro angeschwollen.
Blick in die Station Bayerischer Bahnhof
Blick in die Station Bayerischer Bahnhof
Es herrschte reger Andrang.
Es herrschte reger Andrang.
Balletttänzer in Kostümen, die an Charly Chaplin erinnern, stimmten auf die Eröffnung  ein.
Balletttänzer in Kostümen, die an Charly Chaplin erinnern, stimmten auf die Eröffnung ein.
Der fahrplanmäßige unterirdische S-Bahn-Betrieb und die Umstellung des gesamten S-Bahn-Netzes der Region beginnt am Sonntagmorgen um 00.03 Uhr.
Der fahrplanmäßige unterirdische S-Bahn-Betrieb und die Umstellung des gesamten S-Bahn-Netzes der Region beginnt am Sonntagmorgen um 00.03 Uhr.

Der Weg zum Tunnel

Sommer 1996: Gründung der S-Bahn Tunnel Leipzig GmbH. Geplante Baukosten: 1 Milliarde D-Mark.
Sommer 1996: Gründung der S-Bahn Tunnel Leipzig GmbH. Geplante Baukosten: 1 Milliarde D-Mark.
Juli 2003: Symbolischer Baubeginn mit viel Politprominenz in der Leipziger Innenstadt.
Juli 2003: Symbolischer Baubeginn mit viel Politprominenz in der Leipziger Innenstadt.
Frühjahr 2005:  Löcher in Leipzig: Die Stationen werden von oben – in offener Bauweise – ausgehoben.
Frühjahr 2005: Löcher in Leipzig: Die Stationen werden von oben – in offener Bauweise – ausgehoben.
Frühjahr 2006: Der Portikus des Bayerischen Bahnhofs weicht um 30 Meter – kommt mehr als drei Jahre später aber zurück.
Frühjahr 2006: Der Portikus des Bayerischen Bahnhofs weicht um 30 Meter – kommt mehr als drei Jahre später aber zurück.
Oktober 2008: Letzter Durchbruch für Riesenbohrer Leonie: Beide Tunnelröhren sind fertig.
Oktober 2008: Letzter Durchbruch für Riesenbohrer Leonie: Beide Tunnelröhren sind fertig.
Sommer 2009: Gleisumbau am Leipziger Hauptbahnhof – der Tunnel wird ans Schienennetz angebunden.
Sommer 2009: Gleisumbau am Leipziger Hauptbahnhof – der Tunnel wird ans Schienennetz angebunden.
Sommer 2010: Technischer Ausbau – die Stationen werden mit Strom- und Signalnetz verbunden.
Sommer 2010: Technischer Ausbau – die Stationen werden mit Strom- und Signalnetz verbunden.
Oktober 2013: Start des Tunnel-Probebetriebs mit Hunderten Statisten in S-Bahn-Zügen.
Oktober 2013: Start des Tunnel-Probebetriebs mit Hunderten Statisten in S-Bahn-Zügen.
14. Dezember 2013: Offizielle Eröffnung des Tunnels. Tatsächliche Baukosten: fast 1 Milliarde Euro.
14. Dezember 2013: Offizielle Eröffnung des Tunnels. Tatsächliche Baukosten: fast 1 Milliarde Euro.

Für Horst Kögler und Frank Eritt zum Beispiel. Der 62-jährige Bautischler und der Bauingenieur aus Gera haben seit 2009 eigene City-Tunnel-Kalender mit Fotos vom Baufortschritt der zwei unterirdischen Röhren verkauft. Mit dem Erlös konnten sie 10.000 Euro an den Verein für Leipziger Straßenkinder spenden. Jahrgang 2014 ist schon vergriffen und wird die letzte Ausgabe gewesen sein. Oder für Menschen wie den 49-jährigen Fahrdiensteiter Detlef Helbig, der im Sommer 2001 die letzte Schicht am stillgelegten Bayrischen Bahnhof schob – und gestern am ersten Betriebstag des Tunnels wieder am Steuerpult saß. Oder für das neue, junge Hausmeister-Team des Tunnels, das fortan Glühbirnen wechseln, Fahrstühle in Gang halten und den Fuhrpark von Reinigungsmaschinen warten muss und stolz sei auf die neue Chance, wie erzählt wird. Schon am Sonnabend ist an sie kein Rankommen. Der Festakt ist auch ein besonderer Balance-Akt für die Lokführer Beate Hoffmann aus Halle und Andreas Köcher aus Wittenberg. Die beiden Sachsen-Anhalter sind seit mehr als 30 Jahren Bahner, zur Eröffnung dürfen sie die feierliche und historisch einmalige Parallelfahrt der nagelneuen Talent-2-Züge durch die beiden Röhren meistern. Sie waren aufgeregt, aber pünktlich und wurden mit Gold-Konfetti begrüßt.

Zum Auftakt des Festtages für die wohl kürzeste Metro der Welt tanzt am Morgen eine Truppe Charlie Chaplins über den roten Teppich in 20 Metern Tiefe unter dem Portikus des Bayrischen Bahnhofs. Der Auftritt soll wohl einen Hauch von Modernen Zeiten und Vagabunden verkörpern. Bahn-Vorstandsmitglied Volker Kefer erinnert jedenfalls daran, dass die Leipziger Tunnelidee schon mehr als 100 Jahre alt ist. „Ich bin total glücklich, dass solche Großprojekte in Deutschland auch mal fertig werden“, beliebt er zu scherzen. .

Jede der vier Stationen wird bei der Premierenfahrt einzeln mit Banddurchschneiden eröffnet. Der Schweizer Architekt Max Dudler, der den preisgekrönten, aber nackten Glasbaustein-Kubus am Wilhelm-Leuschner-Platz zu verantworten hat, schreibt den Deutschen sogleich ins Stammbuch: „Die Schweizer fahren viel öfter Zug. Ihr müsst noch viel mehr Zug fahren lernen.“

Ansturm wie beim Mauerfall

An diesem Tag herrscht an Bahnfahrern zumindest kein Mangel. Reihenweise Sternfahrten sind vormittags auf den sechs neuen S-Bahnlinien zum Hauptbahnhof gerollt, Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und seine Frau kamen mit der S 4 aus Hoyerswerda, Justizminister Jürgen Martens (FDP) aus Zwickau. Und als kurz vor 15 Uhr die Tore für Abertausende geöffnet wurden, die die ersten kostenlosen Pendelfahrten mitmachen wollten, strömten die Menschen vorwärts wie 1989, als würde noch einmal die Mauer geöffnet. Bis 21 Uhr herrschte Hochbetrieb im Tunnel, etwa 20.000 kamen. Ab 0.03 Uhr rollten dann die ersten planmäßigen S-Bahnen gen Torgau, Wurzen, Halle, Altenburg.

„Hier werden Regionen angebunden und nicht abgehängt“, meinte Tillich mutig. Und leistete sich doch einen Seitenhieb auf die Bahn, nachdem auf seiner morgendlichen Tour teils nur Tempo 30 gefahren worden sei: „Es geht noch schneller!“ Dessen ungeachtet pries der angesprochene Bahnchef Rüdiger Grube, das „neue Wahrzeichen Leipzigs“ könne mehr als 40 Millionen Autokilometer im Jahr auf die Schiene verlagern und damit 10.000 Tonnen CO2 einsparen. Die Zukunft muss zeigen, ob der Tunnel die erhofften Effekte wirklich erbringt. Die Bahn verspricht immerhin Züge im 5-Minuten-Takt mit Stopps in bester City-Lage und erwartet in fünf Jahren etwa 30 Prozent mehr Passagiere im Großraum Leipzig.

Allerdings hat sich der Freistaat das Abenteuer nach ein paar sehr vollmundigen Versprechen des einstigen Wirtschaftsministers Kajo Schommer (CDU) knapp 500 Millionen Euro kosten lassen. „Es war ein steiniger Weg durch den Leipziger Untergrund“, erinnert Tillich, „auch in finanzieller Hinsicht“. Bauverzögerungen, Planänderungen und der widerborstige Boden sorgten dafür, dass die Gesamtkosten von 572 Millionen Euro auf fast eine Milliarde explodierten.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) fasste den Tag mit einem abgewandelten Slogan vollkommen unpathetisch zusammen: „Leipzig röhrt!“