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Corona-Wutrede: „Weil keiner Mut und Sachverstand hat“

Leipzigs Handball-Chef kritisiert Sachsens Corona-Schutzverordnung scharf. Seine Profis könnten vor Zuschauern Lieder singen, aber nicht spielen.

Ernüchtert sei er und inzwischen auch einigermaßen ratlos, sagt DHfK-Manager Karsten Günther.
Ernüchtert sei er und inzwischen auch einigermaßen ratlos, sagt DHfK-Manager Karsten Günther. © PICTURE POINT

Leipzig. Das musste mal raus, meint Karsten Günther, der Manager des Handball-Bundesligisten SC DHfK Leipzig ganz am Ende seiner Wutrede. Und er entschuldigt sich – bei seinem Trainer, denn eigentlich sollte es in der Pressekonferenz um das Ligaheimspiel an diesem Donnerstagabend gegen Erlangen gehen. Weil Zuschauer beim Sport in Sachsen – anders als bei Kulturveranstaltungen – aufgrund der Pandemie aber weiterhin verboten bleiben, setzt Günther zum Rundumschlag an.

Eines ist ihm dabei wichtig: „Wir nehmen das Virus sau-ernst“, sagt Günther, aber er fühle sich inzwischen nicht mehr ernst genommen von der Politik. Dabei ist gerade der SC DHfK Leipzig besonders engagiert, wenn es um praxisfähige Lösungen inmitten der Corona-Krise geht.

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Günther verweist auf die wissenschaftlich viel beachtete Restart19-Studie im August 2020, die sein Verein maßgeblich initiiert und unterstützt hatte. Popsänger Tim Bendzko spielte damals in der Arena Leipzig zwei Konzerte an einem Tag unter verschiedenen Bedingungen. Dabei wurden Aerosol-Verteilungen ermittelt und von der Universität Halle-Wittenberg ausgewertet.

Erkenntnis: Bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von maximal 100 können Veranstaltungen in der Halle stattfinden – bei 25-prozentiger Zuschauer-Auslastung und dem Tragen einer FFP2-Maske; ab Inzidenz 50 ist sogar eine 50-prozentige Hallen-Auslastung möglich. „Als die Ergebnisse der Restart-Studie vorlagen, war an Testen und Impfen noch gar nicht zu denken“, ergänzt Günther.

Menschenleer: die Arena Leipzig. Kulturveranstaltungen könnten hier wieder mit Zuschauern stattfinden, Sport aber nicht.
Menschenleer: die Arena Leipzig. Kulturveranstaltungen könnten hier wieder mit Zuschauern stattfinden, Sport aber nicht. © Klaus Trotter

Soll heißen: Jetzt, wo dies nahezu flächendeckend stattfindet und noch dazu in Leipzig die Inzidenz auf 50 (und gestern sogar erstmals darunter) gesunken ist, müssten doch Veranstaltungen erst recht möglich sein. Sind sie auch, allerdings gelten die Lockerungen nicht für den Sport.

In der Sächsischen Corona-Schutzverordnung, gültig seit 4. Mai, steht in Paragraf 18 „Kulturstätten“, dass Museen, Bibliotheken, Galerien, Ausstellungen, Gedenkstätten sowie Kinos, Theater, Bühnen, Opernhäuser, Konzerthäuser, Konzertveranstaltungsorte und ähnliche Einrichtungen für Publikum bei einer Inzidenz unter 100 öffnen dürfen – jeweils mit Hygienekonzept und Kontaktverfolgung sowie tagesaktuellem Test. Bei einer Inzidenz unter 50 fallen diese Einschränkungen weg.

Der Paragraf 19 befasst sich, so der Titel, mit „Sport, Fitnessstudios“. Darin ist neben Ausnahmen unter anderem für den Schulsportunterricht sowie Profisportler nur eines festgelegt: „Die Öffnung von Fitnessstudios und sonstigen Anlagen und Einrichtungen des Sportbetriebs ist untersagt.“ Zu Zuschauern kein Wort.

„Das bedeutet“, schlussfolgert Günther sichtlich genervt, „unsere Spieler können am Donnerstag in der Arena vor 1.000 Zuschauern Volkslieder singen, aber Handball dürfen sie nicht spielen.“ Was lustig klingt, meint er ernster denn je. Das Lachen ist ihm längst vergangen.

Die Herangehensweise der Politik stört ihn massiv

Dabei geht es ihm nicht nur um seine Spieler, die immer noch auf Gehalt verzichten. Günther erinnert auch an die Imbissfrau, an Aufbauhelfer und den Wachdienst, die seit einem Jahr in Kurzarbeit sind. „Weil keiner den Mut und den Sachverstand hat, sinnvolle Lösungen zu erarbeiten, die in der Schutzverordnung stehen, darf ich Handball vor 1.000 Zuschauern getestet, geimpft, mit Mundschutz und Abstand aktuell nicht veranstalten“, erklärt Günther, der explizit noch einmal nachgefragt hat bei der Landesregierung.

Die Handballer standen schon einmal kurz davor, wieder vor Zuschauern spielen zu können. Ende März gab es ein gemeinsam mit Stadt, Landesregierung und dem Fußball-Bundesligisten RB Leipzig entwickeltes Modellprojekt, das im Prinzip schon genehmigungsfertig war – „bis uns am 1. April die dritte Corona-Welle erreichte und wieder nichts ging mit Zuschauern“, wie Günther sagt.

Was den Manager inzwischen vor allem umtreibt, ist die Herangehensweise vonseiten der Politik. Die habe Anfang April nicht mal eben nur die Spielregeln geändert, also das umfassende wie komplizierte Genehmigungsverfahren für Modellprojekte, sondern verschanze sich zunehmend hinter Paragrafen und beschriebenem Papier. „Alle haben uns immer wieder für unsere Konzepte gelobt und gemeint, wir könnten loslegen. Doch wegen ein paar juristischer Winkelzüge liegt bis jetzt immer noch nicht das erforderliche Einvernehmen aller Beteiligten vor“, sagt Günther und redet sich nun richtig in Rage.

„Niemand traut sich Ja zu sagen, einer schieb es auf den anderen und erfindet noch irgendeinen Grund, warum es nicht funktioniert. Sinnvolle Lösungen scheinen in diesem Land nicht mehr möglich, weil sich jeder hinter Paragrafen versteckt und immer auf die nächste Instanz verweist. Wir büßen Wochen und Monate ein, obwohl die Erkenntnisse längst auf dem Tisch liegen. Stattdessen sitzen wir allein da, genauso wie unsere Fans und Zuschauer, die Sponsoren“, sagt Günther.

Er werde nicht mit Fingern auf einzelne Personen zeigen, für ihn ist das vielmehr ein grundsätzlicher Systemfehler. „Wir haben es verlernt, pragmatische, sinnvolle Lösungen gemeinsam hinzukriegen, die einen Erfolg ermöglichen.“

Günther betont, dass das Stattfinden von Fußball-Bundesliga nicht alles sein kann. „Es gibt viel mehr Sport in diesem Land, und es gibt Leute, deren Herzblut daran hängt und bei vielen die berufliche Existenz. Hier werden Perspektiven genommen“, sagt er und stellt fest, mittlerweile bei der Ausarbeitung neuer Schutzverordnungen nicht mehr gefragt zu werden. Ansonsten hätte er auf Paragraf 18 und 19 und damit auf eine notwendige Gleichstellung von Kultur und Sport hingewiesen. Und im Nachhinein, so hat er es erlebt, seien Änderungen nicht möglich. Hoffnung und Bemühungen hat Günther trotzdem nicht aufgegeben, dass schon beim Heimspiel am nächsten Donnerstag gegen Ligakrösus Kiel doch wieder Fans in der Halle dabei sein dürfen.

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Spätestens in der neuen sächsischen Corona-Schutzverordnung aber soll Sport mit Zuschauern wieder erlaubt sein – mit Hygienekonzept, Kontakterfassung, Testung und begrenzter Auslastung, gültig ab 14. Juni. Das alles aber nur voraussichtlich und unter zwei Voraussetzungen: Die Inzidenz muss unter 50 sein und die Landesregierung nächste Woche zustimmen.

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