SZ + Leipzig
Merken

In Leipzig fährt der Bus bald ganz allein

In Leipzig entsteht Sachsens erste voll automatisierte Buslinie. Ausgedacht haben sich das Dresdner Forscher.

Von Jana Mundus
 4 Min.
Teilen
Folgen
Die Strecke für die erste geplante vollautomatische Buslinie in Sachsen soll ab Frühjahr 2022 in Leipzig eingerichtet werden – zwischen Messegelände und BMW-Werk.
Die Strecke für die erste geplante vollautomatische Buslinie in Sachsen soll ab Frühjahr 2022 in Leipzig eingerichtet werden – zwischen Messegelände und BMW-Werk. © Leipziger Gruppe/F. Schulz

Der Bus kommt auf Kommando. Mit dem Handy hat der Fahrgast den Stopp an der Haltestelle gebucht. Die Türen öffnen sich – kein Fahrer, aber Mitfahrer sitzen schon drin. Noch schnell einen freien Sitzplatz suchen und schon geht es los. Die Fahrt funktioniert vollautomatisch, der kleine Bus steuert sich selbst durch den Straßenverkehr. Der Mensch entspannt. All das ist keine Utopie. Schon nächstes Jahr soll solch ein Elektrobus auf einer ersten Strecke durch Leipzig fahren und das Messegelände mit dem BMW-Werk verbinden. In einem Projekt mit den Leipziger Verkehrsbetrieben und weiteren Partnern arbeiten Wissenschaftler der Professur für Fahrzeugmechatronik der TU Dresden an neuen Möglichkeiten für den öffentlichen Nahverkehr. Die sind längst nicht nur für die Großstadt gedacht.

Sieben Kilometer, sechs Haltestellen, zehn Lichtsignalanlagen: Das sind die Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Seit 2019 arbeiten Steffen Kutter und seine Kollegen am Projekt „Absolut“, das finanziell vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützt wird. Viele Mitarbeiter des BMW-Werks pendeln mit dem Auto nach Leipzig. Künftig könnten sie ihr Fahrzeug direkt in Autobahnnähe, an der Messe, abstellen und mit dem Shuttle zum Werksgelände fahren. Projekte solcher Art gibt es viele. „Wir schauen aber nicht nur auf den konkreten Anwendungsfall, sondern wir entwickeln Technologie, die dann auch auf anderen Strecken funktioniert“, erklärt Kutter, der an der TU Dresden Gesamtleiter des Projekts ist.

In verschiedenen Arbeitsgruppen schaffen die Forscher nun mit weiteren Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft die Grundlagen, damit der Shuttlebus schon bald fahren kann. Zum einen geht es um die passende Infrastruktur. Entlang der Strecke stehen Ampeln, von denen viele noch aus den 1990er-Jahren stammen. „Das Fahrzeug muss später aber nicht nur optisch Rot, Gelb und Grün erkennen“, sagt der promovierte Maschinenbauingenieur. Die Lichtsignalanlage muss zusätzlich direkt mittels Funknetzwerk mit dem Bus kommunizieren und braucht deshalb modernste Technik, die aktuell nachgerüstet wird.“ Eine andere Gruppe kümmert sich um die spätere Leitzentrale bei den Leipziger Verkehrsbetrieben, in der künftig speziell geschultes Personal die Busse und ihre Strecken am Bildschirm im Blick haben wird. „Da entwickeln sich völlig neue Berufe, ähnlich den Fluglotsen in der Luftfahrt.“

Forscher setzen auf zwei Fahrzeuge

Eines der beiden vorgesehenen Fahrzeuge ist der Easymile eines französischen Herstellers. Er braucht dafür jedoch neue Technik an Bord.
Eines der beiden vorgesehenen Fahrzeuge ist der Easymile eines französischen Herstellers. Er braucht dafür jedoch neue Technik an Bord. © TU Dresden/ABSOLUT

An der TU Dresden beschäftigen sich die Forscher derzeit mit dem Umbau der für den Einsatz vorgesehenen Fahrzeuge. Einen VW eCrafter rüsten sie dafür mit der notwendigen Technologie wie Sensoren und Hochleistungsrechentechnik aus. Ebenfalls zum Einsatz kommt ein Fahrzeug der Marke Easymile des gleichnamigen französischen Herstellers, ein Spezialist für autonome Fahrzeuge. Auch dieser Kleinbus muss noch umgerüstet werden. Im zweiten Quartal 2022 fährt deshalb zunächst der eCrafter auf der geplanten Strecke in Leipzig. Mit an Bord ist dann auch ein sogenannter Sicherheitsfahrer, der im Notfall eingreifen könnte. Mit einer Verlängerung des Forschungsprojekts über 2021 hinaus wollen die Wissenschaftler jedoch schon bald ohne solch einen Fahrer auf die Straße.

Von den Bussen, so hoffen die Beteiligten, könnten in Zukunft auch ländliche Regionen profitieren. Damit ließen sich auch Gegenden ans Nahverkehrsnetz anschließen, in denen Buslinien für Verkehrsunternehmen aufgrund geringer Fahrgastzahlen unattraktiv sind. „Die Menschen könnten dann per App einfach den Bus bestellen“, sagt Kutter.
Auch Punkt-zu-Punkt-Verbindungen wie von der Haustür zum Bahnhof wären über solch ein System möglich. „Weil die Fahrzeuge abzüglich der Ladezeit rund um die Uhr unterwegs sein können, gäbe es auch nachts oder am Wochenende keine Probleme.“ Vielleicht würden einige dann sogar aufs eigene Auto verzichten. Außerdem könnten die Fahrzeuge auch als Postbusse oder im Nutzfahrzeugbereich eingesetzt werden.

Der Kleinbus wird zur Hochleistungsrechenmaschine. Für den autonomen Einsatz auf der Straße muss der VW eCrafter derzeit noch umgebaut werden.
Der Kleinbus wird zur Hochleistungsrechenmaschine. Für den autonomen Einsatz auf der Straße muss der VW eCrafter derzeit noch umgebaut werden. © TU Dresden/ABSOLUT

System muss besser werden

Noch gilt es dafür aber Hürden zu meistern. Die Sensorreichweite, aktuell 250 Meter, muss erweitert werden, will der Bus künftig auch zügiger unterwegs sein. Die Daten daraus müssen danach noch schneller verarbeitet werden, damit das Fahrzeug richtig reagieren kann. Die Kommunikation mit nicht vernetzten Verkehrsteilnehmern und die Voraussagen zum Verhalten anderer am Straßenverkehr Beteiligter sind ebenfalls ausbaufähig.

Steffen Kutter ist zuversichtlich, dass sich Lösungen finden. „Es gibt bereits weitere Verkehrsbetriebe, die Interesse an unserem Projekt haben“, erzählt er. Schon bald könnten also vielerorts Busse autonom unterwegs sein.