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Erster Bundeswehr-Rabbiner kommt aus Leipzig

Zsolt Balla aus Leipzig ist Deutschlands erster Bundeswehr-Rabbiner. Was treibt den jüdischen Seelsorger an, der selbst nie gedient hat?

Zsolt Balla muss sich nicht entscheiden, in welches Restaurant er geht – in Sachsen gibt es nur ein koscheres.
Zsolt Balla muss sich nicht entscheiden, in welches Restaurant er geht – in Sachsen gibt es nur ein koscheres. © Thomas Kretschel

Die Frage, ob es schwierig sei, als orthodoxer Jude in der deutschen Gesellschaft zu leben, beantwortet Zsolt Balla mit einem Lächeln. Nein, sagt er bei einem Gespräch in der Leipziger Brodyer-Synagoge, es sei ganz leicht. Er müsse sich nicht entscheiden, in welches Restaurant er gehe, weil es keines mit koscherer Küche gibt in Leipzig, und nur eines in ganz Sachsen. „Wir kochen Zuhause.“ Zoltan Balla erzählt das keineswegs mit Verbitterung, sondern mit gelassener Heiterkeit. Orthodoxie bedeute ihm, treu nach den jüdischen Gesetzen zu leben, mit dem Sabbat, den täglichen Gebeten und der koscheren Ernährung. „Ich fühle mich nicht benachteiligt“, sagt er. „Es macht das Leben einfacher.“

Zsolt Balla, 42 und gebürtiger Ungar, ist Sachsens Landesrabbiner, Gemeinderabbi in der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Jetzt bekleidet er noch ein ganz neues Amt: Militärbundesrabbiner in der Bundeswehr, der erste in der Geschichte. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, führten den Leipziger vor wenigen Tagen in einem Gottesdienst in seiner Heimatsynagoge ins Amt ein.

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Der Festakt gilt als Auftakt zum Aufbau eines Militärrabbinats in den Streitkräften mit bis zu zehn jüdischen Seelsorgern. Deren Auswahl läuft derzeit. „Das Judentum“, betonte Ministerin Kramp-Karrenbauer in der Feierstunde, „gehört zur Bundeswehr.“ Das allerdings hat lange gedauert. Zuletzt war Leo Baeck, die jüdische Leitfigur im Nationalsozialismus, als Feldrabbiner in den Ersten Weltkrieg gezogen: vor mehr als 100 Jahren.

Was ist mit rechtsextremen Skandalen?

Juden in der Bundeswehr: das mutet angesichts der Geschichte Nazi-Deutschlands unpassend, ja fast widersprüchlich an. Für Rabbi Balla ist es das Gegenteil. Die Bundeswehr diene heute einer demokratischen Gesellschaft und sollte ihr Spiegelbild sein, sagt der Mann mit den sorgsam gewählten Worten. „Dass Juden in der Bundeswehr ihren Dienst tun, sollte ebenso normal sein wie in den Streitkräften der USA, Englands, Frankreichs oder der Niederlande. Wir wollen darauf hinwirken, dass die Zahl jüdischer Soldaten wächst.“

Dass es immer wieder Skandale gibt mit rechtsextremistischen Kameraden in der Bundeswehr, dafür solle man aufmerksam sein und offen darüber sprechen. Aber abgeschreckt hat es Balla nicht. „Im besten Falle können wir dazu beitragen, Antisemitismus und Hass durch Gespräche und Austausch zu bekämpfen.“ Neben der Seelsorge gehören daher lebenskundlicher Unterricht und die Vermittlung jüdischer Werte zu seinen zentralen Aufgaben. Schon diese Woche hat er Unteroffiziersanwärter in seiner Synagoge begrüßt.

„Historische Schritte als Erster zu gehen: Darin ist Zsolt Balla geübt“, sagt Zentralratspräsident Schuster. Auch seine Ordination 2009 war ein historischer Moment. Seit 1938 hatte es keine Amtseinführung orthodoxer Rabbiner mehr gegeben, die in Deutschland ausgebildet wurden. Dabei hat Zsolt Balla erst mit 13 Jahren erfahren, dass er Jude ist. Als der Teenager in eine christliche Bibelschule gehen wollte, sagte seine Mutter: „Zsolt, lass uns reden!“ Fortan ging er in die Synagoge statt in die Kirche. „Meine Mutter und meine Großeltern haben die Shoa überlebt – ihre Geschwister aber nicht“, erzählt er. Die Mutter und die Großmutter gehörten zu den Tausenden ungarischen Juden, die der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg in Budapest gerettet hat.

Studium in Berlin und Jerusalem

Ballas Vater indessen war kein Jude, er war Oberstleutnant in der ungarischen Armee und Leiter einer Kaserne. Von ihm hat der Sohn die Wertschätzung für Soldaten übernommen, auch wenn er selbst nie in der Armee gedient hat, da die Wehrpflicht in Ungarn abgeschafft wurde. Zunächst aber studierte er Ingenieurwissenschaften in seiner Geburtsstadt Budapest.

2002 kam er mit einem Stipendium für ein Jahr nach Deutschland, um die Talmud-Hochschule in Berlin zu besuchen. „Das Jahr ist etwas länger geworden“, sagt er lachend. Balla blieb, studierte weiter in Berlin und Jerusalem und ließ sich einbürgern. Er heiratete eine Leipzigerin, die mit 13 nach Deutschland gekommen war. Sie hat in Leipzig studiert, arbeitet als freischaffende Mediendesignerin und hilft in der jüdischen Gemeinde mit. Das Paar hat heute drei Kinder im Alter von 5, 10 und 13 Jahren.

Das erste Mal in Uniform

Die Ernennung zum Militärbundesrabbiner gilt fünf Jahre. Balla plant vorerst nicht länger. „Man braucht für solche Positionen von Zeit zu Zeit frische Ideen“, sagt er. Bei den Militärbischöfen der christlichen Kirchen sei es ähnlich. Dennoch könnte die Leipziger Gemeinde nun einen zweiten Rabbi bekommen, um Balla zu entlasten. Die Wahl des Zentralrats der Juden war auch deshalb auf ihn gefallen, weil er sich schon lange als Seelsorger für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen in der Bundeswehr engagiert hatte.

„Es war eine wunderbare Erfahrung, wieviel interkulturelle Kompetenz es bei der Bundeswehr gibt“, sagt er. Als Geschenk zur Amtseinführung bekam er einen Schutzmantel für eine kleine Reisethora-Rolle. Geht der Landesrabbiner also auch mit der Truppe in Auslandseinsätze? „Warum nicht“, sagt Zsolt Balla und lächelt noch einmal. „Wir sind für alle Soldaten da.“ Dann müsste er sogar eine Uniform tragen. Es wäre das erste Mal.

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