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Gewalttätiges Katz- und-Maus-Spiel bei "Querdenken"

Nach dem Aus der Corona-Demo in Leipzig gibt es heftige Rangeleien. 1.600 Polizeibeamte sind im Einsatz.

Anders als vor zwei Wochen stellt sich die Polizei den „Querdenkern“ nach Auflösung ihrer Versammlung diesmal entgegen.
Anders als vor zwei Wochen stellt sich die Polizei den „Querdenkern“ nach Auflösung ihrer Versammlung diesmal entgegen. © dpa

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Tausende Demonstranten unterschiedlicher Lager sind bereits in Leipzigs Innenstadt, als der Demonachmittag am Samstag eine unerwartete Wendung nimmt. Gegen 15:20 Uhr wird die Versammlung der Gegner der Corona-Politik abgebrochen – weil ihr Anmelder die Auflagen der Behörden nicht anerkennt. Sein „Maskenbefreiungs-Attest“ sei unvollständig und könne nicht akzeptiert werden, twittert die Stadt Leipzig. Dem Vernehmen nach fehlte allein schon der Arztstempel.

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Die Versammlung wird damit aufgelöst. „Ende der Durchsage“, tönt es aus dem Lautsprecherwagen der Polizei. Die rund 500 Anhänger der „Querdenker“-Bewegung, die sich bis dahin auf dem Kurt-Masur-Platz zwischen Gewandhaus und Moritzbastei eingefunden hatten, verlassen danach allmählich den Platz. Vorbei ist der Tag damit allerdings nicht.

Polizist gibt Warnschuss ab

Nach dem plötzlichen Aus der Versammlung wird die Lage in der Innenstadt erst richtig unübersichtlich. Gruppen verschiedener Lager und Polizisten aus sechs Bundesländern liefern sich – inmitten von Wochenend-Einkäufern und Hotelgästen – bis zum Abend ein teils gewalttätiges Katz-und-Maus-Spiel. Immer wieder entstehen unerlaubte Spontanversammlungen, dabei kommt es zu Rangeleien und Angriffen. Die Stadt hatte entschieden, dass keine der Spontanversammlungen genehmigt wird.

„Unsere Einsatzkräfte trennen die Personengruppen. Es kam auch zu Angriffen auf Einsatzkräfte“, twittert die Polizei am Nachmittag. „Die Lage ist sehr dynamisch.“ Am Abend standen sich auch in der Großen Fleischergasse lange Zeit zwei Lager gegenüber. Die Polizei soll dabei Pfefferspray eingesetzt haben, hieß es. Als gegen 18:15 Uhr eine Menschenmenge am Brühl einer hilflos am Boden liegenden Person mehrfach gegen den Kopf tritt, gibt ein Polizist einen Warnschuss in die Luft ab.

Das Aktionsnetzwerk "Leipzig nimmt Platz" lud zum Gegenprotest.
Das Aktionsnetzwerk "Leipzig nimmt Platz" lud zum Gegenprotest. © Hendrik Schmidt/dpa

Die Täter flüchten unbekannt. Insgesamt habe es 23 Straftaten wie gefährliche Körperverletzungen, Bedrohungen und Landfriedensbrüche gegeben, fünf Dienstfahrzeuge wurden beschädigt, berichtet die Polizei. Zwei Demonstranten wurden festgenommen. Eine Beamtin sei leicht verletzt worden, aber dienstfähig. Auch ein Journalist sei angegriffen worden. Wegen Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung gab es 113 Anzeigen und 44 Platzverweise.

Auf dem Demo-Areal der „Querdenker“ hatten sich seit dem Mittag immer mehr Demonstranten versammelt. Doch anders als vor zwei Wochen, als 20.000 bis 40.000 Menschen kamen, hatte die Polizei den Platz mit Gittern abgeriegelt. Die Einsatzkräfte kontrollierten die Einhaltung der Maskenpflicht und die vorgezeigten Atteste gründlich. Sie sperrten sogar den Zugang zum Platz ab, als die zahlenmäßige Obergrenze von 500 Menschen erreicht war.

Protest gegen „Corona-Schwurbelei“

Auch am Hauptbahnhof wurden Gruppen von offenkundigen Demo-Teilnehmern, die aus der S-Bahn stiegen, gefilzt und erst zum Kundgebungsplatz geführt, als ihre Demo offiziell schon abgesagt war. Von 40 Personen sei die Identität festgestellt worden, zehn von ihnen standen bereits zur Fahndung aus, berichtete die Bundespolizei. Die Thüringer „Querdenker“-Bewegung hatte zur Kundgebung aufgerufen. Anmelder war die Initiative „Mitteldeutschland-MD steht auf“.

Auf dem Augustusplatz waren mittags Tausende Gegendemonstranten zusammengekommen, um gegen die selbst ernannten „Querdenker“ zu protestieren. Mit bunten Pappbuchstaben bildeten sie den Schriftzug: „Leipzig denkt selbst! Leipzig braucht keine Querdenker“. Zu den Protesten hatte das Aktionsbündnis „Leipzig nimmt Platz“ aufgerufen. Die Organisatoren sprachen später von 4.000 Menschen bei mehreren Kundgebungen.

"Vieles besser gemacht"

Der Verfassungsschutz hatte am Freitag davor gewarnt, dass für die „Querdenker“-Demo in der rechtsextremen Szene bundesweit mobilisiert werde. Die Leipziger Polizei wurde daher von Bundespolizei und Kräften aus sechs Ländern unterstützt. 1.600 Beamte waren im Einsatz, ebenso Hubschrauber und Reiterstaffeln. Wasserwerfer standen den ganzen Tag über bereit.

Am Samstag vor zwei Wochen hatte eine aus dem Ruder gelaufene „Querdenken“-Demonstration mit zigtausend Menschen ohne Masken und Abstände in der Leipziger Innenstadt heftige politische Debatten und Rücktrittsforderungen gegen Innenminister Roland Wöller (CDU) ausgelöst. Als die Stadt Leipzig die Kundgebung aufgelöst hatte, erzwangen mehrere Tausend Demonstranten einen Aufzug über den Leipziger Ring. Sie hatten Polizeiketten durchbrochen und reihenweise Journalisten attackiert.

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SPD-Innenpolitiker Albrecht Pallas, betonte am Sonntag, Versammlungsbehörde und Polizei hätten „vieles besser gemacht“. Grünen-Sicherheitspolitiker Valentin Lippmann forderte, Innenministerium und Polizeiführung müssten dringend ein Konzept zum Umgang mit dem antidemokratischen und gewaltbereiten Protest von Gegnern der Corona-Maßnahmen entwickeln.

Leipzigs CDU-Sprecher Eric Buchmann monierte indes SPD, Linke und Grüne hätten die Gegendemonstranten „aufgestachelt“. Wegen der Infektionslage sei das rücksichtslos und respektlos. Die Organisatoren sahen das anders. Leipzig habe starken Protest gegen „Corona-Schwurbelei“ und Neonazis gezeigt und ihnen den symbolträchtigen Innenstadtring nicht überlassen.

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