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So erlebt Leipzig den ersten Tag nach dem Lockdown

In der ersten Stadt in Sachsen öffnet dank gesunkener Inzidenzen die Außengastronomie wieder. Die Gäste kommen - obwohl es regnet.

Gastwirt Henrik Dantz ist froh, in seiner Bar Barfusz am Leipziger Markt wieder Gäste bedienen zu können.
Gastwirt Henrik Dantz ist froh, in seiner Bar Barfusz am Leipziger Markt wieder Gäste bedienen zu können. © kairospress

Als es mittags anfängt, Bindfäden zu regnen, sind die Freisitze am Leipziger Marktplatz voll – und die Gäste strahlen als herrschte Traumwetter. „Diese Freiheit, das hat lange gefehlt“, sagt eine ältere Dame am ersten Tag nach dem Corona-Lockdown und trinkt ihren Cappuccino vergnügt unter einem großen Schirm. „Man muss die Gelegenheit nutzen – wer weiß, was noch wieder kommt“, antwortet ihre Freundin.

Nach fast sieben Monaten Sperre darf Leipzig als erste Stadt in Sachsen die Außengastronomie wieder öffnen und auch andere Bremsen lösen: keine Maskenpflicht mehr in der Innenstadt und an Haltestellen, wenn 1,50 Meter Abstand möglich ist. Baumärkte sind wieder uneingeschränkt auf, Kulturhäuser, Kinos und Museen dürfen öffnen. Auch die nächtlichen Ausgangssperren sind perdu.

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OB Jung dankt den Leipzigern

Leipzigs Sieben-Tage-Inzidenz war seit Tagen im Sinkflug, vorigen Freitag wurde erstmals die 100er-Schallmauer durchbrochen. Diesen Freitag gab das Robert-Koch-Institut als Tageswert nur 68,3 an. Damit galt die 5+2-Regel: Nach fünf Tagen unter der 100er Inzidenz darf am übernächsten Tag geöffnet werden. „Danke, liebe Leipzigerinnen und Leipziger“, sagt Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am Mittag in einer Videobotschaft. „Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass ab heute wieder deutlich mehr Lockerungen möglich sind.“

Freitag ist Markttag in Leipzig, und an diesem Vormittag ist es voller als in den vergangenen Monaten. Vor dem „Spizz“ am Markt sitzen Shirley Panitz und Master Ko Chinwong aus. Sie sind zu Besuch in Leipzig und glücklich, die frühe Öffnung mitzuerleben. Donnerstagabend haben sie davon erfahren und wollten unbedingt wieder draußen sitzen. Da sie schon eine Impfung haben, sind sie ziemlich unbesorgt.

„Man hat es so vermisst“, sagt Master Ko Chinwong, der am Freitag mit Shirley Panitz im "Spizz" am Markt die neue Freiheit auskostet.
„Man hat es so vermisst“, sagt Master Ko Chinwong, der am Freitag mit Shirley Panitz im "Spizz" am Markt die neue Freiheit auskostet. © kairospress

Am späten Vormittag genießen sie Strammen Max und ein irisches Frühstück. „Man hat es so vermisst“, sagt der 36-jährige Personalvermittler. „Wir haben uns einfach an den ersten freien Tisch gesetzt“, erzählt die 22-jährige Sanitätssoldatin, die aus Leipzig stammt. Zwar bitten die Gastronomen um eine Online-Reservierung. Aber wenn Tische frei sind, teilt das Personal auch spontanen Gästen Plätze zu. Masken sind am Tisch nicht nötig, aber ein Test, falls mehr als zwei Hausstände zusammensitzen.

„Die Leute sind gut drauf, aber auch sehr verunsichert“, sagt Gastwirt Henrik Dantz, Inhaber des Spizz, der Barfusz-Bar, der Pinguin-Eisbar und des Restaurants Mückenschlösschen. „Wir müssen viel erklären.Aber wir nehmen jeden Strohhalm, den wir kriegen können.“ Der Andrang ist seit dem Morgen enorm, auch für den Abend gibt es reihenweise Reservierungen. Drei Tage habe sein Team den Neustart vorbereitet. Allerdings mussten viele Teilzeitkräfte und Aushilfen in der Pandemiezeit andere Jobs annehmen. „Uns fehlen 120 Leute“, sagt Dantz, der sechs Lokale in Leipzig betreibt. „Wir suchen händeringend.“

Schon mittags ein Helles

Cathleen Bachmann, Chefin des Augustiners am Markt, zeigt sich derweil entspannt. „Die Vorbereitung ist gut gelaufen, jetzt ist der Laden voll“, sagt die 32-Jährige und strahlt unter der Maske. 92 Plätze hat sie auf dem Freisitz. Unter ihren Gästen sind Julia und Björn Schreiber aus Düsseldorf mit ihren beiden Töchtern. Auch sie besuchen Freunde in der Stadt und sind glücklich über das perfekte Timing. Fotos vom Biergarten sind schon nach Düsseldorf geschickt.

„Das war ein ungeplanter Volltreffer“, sagt Björn Schreiber, der vor 20 Jahren in Leipzig gelebt hat. „Die Situation in den letzten Monaten war schon etwas absurd.“ So darf es mittags – nach dem Gang ins Testzentrum – schon mal ein Helles geben. „Endlich mal wieder draußen essen“, sagt Julia Schreiber. Dann aber wollen ihre Mädchen in den Zoo. „Am Schönsten finde ich, dass ich wieder ohne Maske durch die Fußgängerzonen laufen kann“, sagt IT-Expertin Gabriela Neumann, die in der Innenstadt arbeitet.

Julia und Björn Schreiber mit ihren Töchter Liv und Ella sind aus Düsseldorf zu Gast und freuen sich über die Öffnung in Leipzig.
Julia und Björn Schreiber mit ihren Töchter Liv und Ella sind aus Düsseldorf zu Gast und freuen sich über die Öffnung in Leipzig. © kairospress

Leipziger Gastronom: "Nicht alle Mitarbeiter sind begeistert"

Doch für viele Gastronomen ist der Kaltstart – zumal über den Feiertag – nicht so einfach. Carl Pfeiffer, Inhaber der vier großen Szeneläden KillyWilly, Volkshaus, Luise und Kaiserbad, sitzt in seinem Büro auf der Karl-Liebknecht-Straße über dem Irisch-Pub und legt das Handy seit Tagen kaum aus der Hand. „Lebensmittel, Bier und andere Getränke bekommen wir in unseren Mengen nicht über Nacht geliefert“, sagt er. „Auch die Brauereien waren ja in Kurzarbeit.“ Viele Speisen auf der Karte müssten zudem vorgekocht werden.

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Seine Lokale öffnet Pfeiffer erst Sonnabend. Und er weiß, dass er seinen Mitarbeitern viel zumutet: „Viele meiner Leute sind noch nicht geimpft“, sagt er. „Und nicht alle sind begeistert, dass es so schnell wieder losgeht – ich verstehe das.“ Vor Corona hatte der Gastronom mehr als 130 Leute im Team, jetzt muss er sich überraschen lassen, wie seine Mannschaft die Dienstpläne aufstellt. Und bei aller Euphorie schwingt die Sorge mit, dass die Zahlen wieder steigen – und die Gastronomen doch noch einmal wieder einpacken müssen.

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