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Quirlig und klug

Der Preis der Leipziger Buchmesse geht an Iris Hanika für eine doppelbödige Tragikomödie.

Iris Hanika, Schriftstellerin
Iris Hanika, Schriftstellerin © Villa Massimo

Leipzig. Welche Jury würde es heute wagen, einem Mann einen Preis zu verleihen? In den nächsten 2.000 Jahren sind erst mal die Frauen dran. Dazwischen darf es gern den einen oder anderen männlichen Alibi-Preisträger geben, so was kennt man ja. Aber es müssen dann schon sehr gute Argumente her. Für Christian Kracht reichten sie nicht. Der Schweizer schaffte es mit seiner düsteren Mutter-Sohn-Geschichte „Eurotrash“ immerhin in die Endrunde an die Seite von vier Schriftstellerinnen.

Am späten Freitagnachmittag wurde der Preis der Leipziger Buchmesse bekanntgegeben. Fast alle Nominierten waren per Bildschirm zugeschaltet. Die Jury saß auf der Bühne der Kongresshalle am Zoo. Das Publikum aber fehlte. Also kein frenetischer Beifall, kein Jubel, kein Bierflascheschwenken. Und auch keine Chance, lautstark Buh! zu rufen. Denn wer die große österreichische Dichterin Friederike Mayröcker in ihrem 95. Lebensjahr auf eine Bestenliste setzt und ihr den Lorbeer nicht zuerkennt, der hat einen Buhruf verdient. Möge das Nobelpreiskomitee in Stockholm klüger entscheiden!

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Weil es manchmal aber doch etwas Gerechtigkeit gibt hienieden, wurde in Leipzig eine Autorin ausgezeichnet, die man als Mayröckers Schwester im Geiste bezeichnen kann: Iris Hanika, eine experimentierfreudige, eigensinnige, virtuose Erzählerin. Ihr fünfter Roman „Echos Kammern“ ist eine gekonnte Balance zwischen hohen Tönen und Kauderwelsch. Eine deutsche Lyrikerin um die fünfzig verknallt sich in New York auf einer Party der Pop-Sängerin Beyoncé in einen jungen Schönling, der über die ukrainische Nationalbewegung promoviert. Das ist so verrückt, wie es klingt. Zu Liebe und Liebesleid kommen scharfe Großstadtbilder hinzu, eine kräftige Kelle Kapitalismuskritik samt Gentrifizierung und ein Exkurs in die griechische Mythologie.

Längst verdorrt geglaubte Triebe erwachen wieder

Ein gewisser Narciss verliebt sich in sein Spiegelbild. Iris Hanika stellt gleich mehrere Spiegel auf. Amüsiert beobachtet sie, wie ihre Figuren einander beobachten. Von New York schwenkt sie zurück nach Berlin. Die Lyrikerin bezieht ein Zimmer bei einer Ratgeberautorin. Wie die beiden angejahrten Frauen einander umkreisen und belauern, ist großes Kino – mit dem Eintreffen des amerikanischen Märchenprinzen „voller Welpenfröhlichkeit“ aber erreicht es Hollywoodform. Jede will den Schönling für sich. Iris Hanika erzählt, was passiert, wenn längst verdorrt geglaubte Triebe wieder erwachen.

Im Bereich Sachbuch geht der Preis der Leipziger Buchmesse an die Ethnologin Heike Behrend. Sie schildert im Band „Menschwerdung eines Affen“ die Expeditionen, die sie in vier Jahrzehnten nach Kenia und Uganda unternahm: Die Einwohner machten die Fremde zu ihrem Objekt, nannten sie „Affe“ und „Kannibalin“. Es ist, so die Jury, ein Bericht über die Überwindung von Vorurteilen auf beiden Seiten. In der Kategorie Übersetzung wurde Timea Tankó ausgezeichnet. Sie brachte das Buch „Apropos Casanova“ von Miklós Szentkuthy aus dem Ungarischen ins Deutsche. Wenn hier von intellektueller Quirligkeit die Rede ist, so gilt das für alle drei Bücher.

Der mit insgesamt 60.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 vergeben. Verfasser eines offenen Briefes hatten die Auswahl der Nominierten als problematisch bezeichnet, weil schwarze Personen darin nicht vertreten sind. Das ist die Krux jeder Auswahl. Eine Jury, die Ausgewogenheit herstellen soll zwischen Mann und Frau, Alt und Jung, Ost und West, Lyrik und Prosa, Weiß und Schwarz und bitte auch zwischen kleinen und großen Verlagen – eine solche Jury ist zum Scheitern verurteilt. Sie kann und darf sich nur an einem Maßstab orientieren: der literarischen Qualität.

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