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Ofarim wehrt sich gegen Bericht des Leipziger Hotels

Zeugen ziehen einem Bericht zufolge die Antisemitismus-Vorwürfe Gil Ofarims in Zweifel. Nun meldet sich der Musiker über seinen Anwalt zu Wort.

Von Henriette Kuhn
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Der Musiker Gil Ofarim war nach eigenen Angaben Opfer eines antisemitischen Vorfalls in einem Leipziger Hotel geworden.
Der Musiker Gil Ofarim war nach eigenen Angaben Opfer eines antisemitischen Vorfalls in einem Leipziger Hotel geworden. © dpa

Leipzig. Was passierte wirklich im Leipziger Westin-Hotel? Die Ergebnisse einer internen Untersuchung ziehen die Schilderungen des Musikers Gil Ofarim über eine mutmaßliche antisemitische Diskriminierung in Zweifel. Wie die Wochenzeitung "Die Zeit" berichtet, habe keiner der von einer Rechtsanwaltskanzlei befragten Zeugen des Abends eine antisemitische Beleidigung vernommen.

Die "Zeit" beruft sich dabei auf den 118 Seiten langen Abschlussbericht einer von dem Hotel beauftragten Anwaltskanzlei. Die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft zu dem Vorfall dauern unterdessen noch an. Für ihren Bericht sprachen die Anwälte mit Mitarbeitern und Gästen und werteten Videomaterial der Überwachungskameras des Hotels aus.

Ofarim soll mit Video gedroht haben, das "viral geht"

Zwei Mitarbeiter und drei Gäste schildern dem Bericht zufolge das Erlebte. Nach Aussage der Zeugen sei von Ofarims Kette mit einem Davidstern in der Hotellobby keine Rede gewesen. Vielmehr sei der Musiker in Konflikt mit einem Mitarbeiter des Hotels geraten, weil dieser andere Kunden Ofarims Auffassung nach bevorzugt behandelt habe. Ofarim selbst soll daher gedroht haben, ein Video bei Instagram hochzuladen, das „viral gehen“ werde.

Der Zeitung liegt zudem das Gutachten eines Sachverständigen vor, der im Auftrag der Kanzlei tätig wurde. Es kommt zu dem Schluss, dass die vom Hotel vorgelegten Aufnahmen der Überwachungskameras mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht manipuliert worden seien. Mit ebenfalls an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit habe der Musiker seine Kette auf den vorgelegten Videosequenzen nicht sichtbar getragen. Ofarim selbst äußerte sich gegenüber der "Zeit" nicht zu den Schilderungen der Zeugen.

Ofarim meldet sich über Anwalt zu Wort

Am Donnerstag erklärte nun der Anwalt Ofarims, warum sein Mandant sich nicht zu dem Bericht geäußert habe: Ofarim vertraue auf die staatlichen Ermittlungen und unterstütze ausschließlich diese. "Nach meiner Auffassung sollten die Ermittlungen auch weiterhin der verantwortlichen Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei vorbehalten bleiben, die sehr engagierte Arbeit leisten", wird der Musiker in dem Schreiben zitiert, aus dem der "Stern" berichtet.

In dem Schreiben wird auch die Glaubwürdigkeit des von dem Hotel veröffentlichten Berichts in Zweifel gezogen. "Ein vom Hotel bezahlter Untersuchungsbericht wird genauso wie zuvor an die Medien gespielte unvollständige Videosequenzen kein Beitrag zur Wahrheitsfindung sein", heißt es weiter. Ofarim fordere vielmehr "eine ernsthafte Auseinandersetzung" mit dem alltäglichen Antisemitismus.

Fall Gil Ofarim: Leipziger Hotel sieht keine Beweise für Fehlverhalten

Das betroffene Leipziger Hotel hatte vor einer Woche verkündet, keine Maßnahmen gegen den beschuldigten Mitarbeiter ergreifen zu wollen. Spezialisierte Rechtsanwälte hätten das Geschehen in der Lobby rekonstruiert, teilte die Betreibergesellschaft damals unter Berufung auf das 118 Seiten lange Gutachten mit. Demnach lägen keine "objektivierbaren" Anhaltspunkte vor, die straf- oder arbeitsrechtliche Schritte gegen den Mitarbeiter rechtfertigten.

"Wir haben daher entschieden, dass entsprechende Maßnahmen gegen den Mitarbeiter nicht eingeleitet werden", hieß es in einer Erklärung. Da der Mitarbeiter nach wie vor massiven Anfeindungen ausgesetzt sei, werde er "aus Fürsorgegesichtspunkten" zunächst seinen Aufgaben noch nicht wieder vollumfänglich nachkommen.

Eine Anwaltskanzlei hatte für das Leipziger Westin-Hotel einen Auswertung des Vorfalls durchgeführt.
Eine Anwaltskanzlei hatte für das Leipziger Westin-Hotel einen Auswertung des Vorfalls durchgeführt. © dpa/Hendrik Schmidt

Der Sänger Gil Ofarim hatte einen Hotel-Mitarbeiter beschuldigt, ihn beim Einchecken in das Hotel antisemitisch beleidigt zu haben. Er sei aufgefordert worden, seine Davidstern-Kette "einzupacken", bevor er einchecken könne. Ofarim erstattete Anzeige.

Auswertung der Videos noch nicht abgeschlossen

Der Staatsanwaltschaft Leipzig liegen mehrere Anzeigen zu dem Vorfall vor - auch von dem beschuldigten Hotelmitarbeiter wegen Verleumdung. Die Ermittler hatten zudem mitgeteilt, dass sie mehrere Videos von Überwachungskameras im Hotel auswerten. Die vollständigen Aufnahmen lägen derzeit einem Gutachter vor, der diese umfangreich prüfe, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Leipzig am Donnerstag gegenüber Sächsische.de mit. "Der Sachverständige ist ebenfalls damit beauftragt, die Videoaufnahmen auf mögliche Manipulationen hin zu untersuchen", sagte der Sprecher. Die Auswertung sei aber noch nicht abgeschlossen, daher könne man zum Inhalt derzeit noch keine Angaben machen.

Hintergrund waren Medienberichte, wonach Überwachungsvideos möglicherweise Fragen zu dem von Ofarim geschilderten Hergang aufwerfen. Demnach soll die Kette mit dem Davidstern auf den Überwachungskameras des Hotels nicht deutlich sichtbar gewesen sein. Die Medien hatten sich auch auf Ermittlerkreise berufen.

Bislang sei noch unklar, wie lange die Ermittlungen noch andauerten, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Denkbar sei auch, dass in Folge neuer Erkenntnisse auch Nachvernehmungen der Beteiligten nötig seien.

Ofarim selbst hatte selbst immer wieder betont, dass er den Davidstern im Hotel getragen habe. "Ich habe meine Kette angehabt - wie immer. Ich trage sie auch in den sozialen Netzwerken oder bei Auftritten, deshalb wurde ich angefeindet", sagte er. (mit dpa)